Minimalisten erzählen Bloggen gegen den Überfluss

Weniger ist oft mehr: Entrümpeln kann das Leben erleichtern. Foto: ColourboxWeniger ist oft mehr: Entrümpeln kann das Leben erleichtern. Foto: Colourbox

Osnabrück. Weg mit dem ganzen Konsum, hin zur minimalistischen Lebensweise: In Blogs wird die Reduzierung auf das Wesentliche angepriesen.

Ganz Europa ist unter dem Einfluss der Krise. Ganz Europa? Nein! Ein von unerschrockenen Konsumenten bevölkertes Deutschland ließ sich auch zu Weihnachten von desaströsen Wirtschaftsnachrichten nicht die Kauflaune verderben.

Im Gegenteil: Laut einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) wollten sie diesmal 288 Euro für Geschenke ausgeben und damit drei Euro mehr als im vorigen Jahr. Und doch gibt es im Land des Konsums die Verweigerung vor dem unendlichen Spaß: Sie formiert sich im Internet, tauscht sich aus in Blogs und überbietet sich dort mit ihrer Anspruchslosigkeit.

Dabei tut Scheiden doch weh. Trennen sowieso. Menschen sind schließlich Jäger und Sammler. Besonders von Habseligkeiten, die ihnen über die Jahre lieb und teuer werden. Einerseits. Andererseits gibt es das Bestreben einiger Menschen, mit möglichst wenigen Dingen so viel Lebensqualität wie möglich zu erzeugen.

Früher nannte man das Bedürfnislosigkeit, heute spricht man vom Minimalismus oder neudeutsch „Downshifting“. Gemeint ist jedoch dasselbe: raus mit dem unnützen Tand, dem verstaubten Nippes, dem Krempel, den Menschen und Dingen, die nicht guttun! Und her mit dem, was wirklich zählt. Das ist zumeist das Ideelle und nicht das Produkt. Also die Erlebnisse im Urlaub und die Erfahrungen, die man gewonnen hat. Jedoch bestimmt nicht das Mitbringsel.

„Die wichtigen Dinge“

„Ich will mein Geld nur für die mir wichtigen Dinge ausgeben, ich möchte mehr Erlebnisse und Erinnerungen als Besitz anhäufen, denn die bleiben einem auf Dauer. Ich möchte meine Zeit mit meinen Liebsten verbringen und meine Nichten aufwachsen sehen, statt mir Gedanken machen zu müssen, wie ich mir den neuesten großen Fernseher leisten kann oder was die Nachbarn wieder Tolles haben, das ich überbieten muss“, erzählt Sandra Hylla im Gespräch mit unserer Zeitung.

Hylla ist in der Minimalisten-Szene keine Unbekannte: Wer die Stichwörter Minimalismus und Blog bei Google eingibt, findet dort als obersten Eintrag zumeist ihren Blog "ganz ich selbst". Hier beschreibt die 37-Jährige Alltagserfahrungen, erzählt von den Dingen, die sie begeistern und die selten etwas kosten. „Mein Minimalismus begann mit dem Entrümpeln von Sachen wie Dekoartikeln und Kleidung. Heute ist er bei mir umfassender und betrifft alle Bereiche meines Lebens: Werbung, gewisse Ausgaben, Verpflichtungen, viele Aktivitäten, Menschen, die mich runterziehen – all das meide ich“, sagt sie.

Ähnlich sieht es Michael Klumb, der auf seinem Blog „Minimalismus-leben“ über seine Erfahrungen schreibt: „Minimalismus bildet den Gegenentwurf zur Gesellschaft, die sich der Leitlinie ,Wohlstand durch Wachstum‘ verschrieben hat“, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung. Klumbs Schlüsselerlebnis war seine unordentliche Wohnung und die Lektüre des Buches „Simplify Your Life“.

Stille Konsumkritik

„Ich glaube nicht, dass Minimalismus ein Trend ist, den man der Mode wegen mitmacht. So denken die meisten Minimalisten ja eben gerade nicht. Ihnen ist die Mode meist eher egal. Es ist ein Bedürfnis. Vielleicht werden die Minimalisten in den letzten Jahren mehr, weil auch die Reizüberflutung in unserer Gesellschaft zugenommen hat, vor allem auch mit dem Internet“, vermutet Hylla.

Für die bloggenden Minimalisten gehört eine Spur Konsumkritik immer zu ihrem Tun. Hylla beispielsweise hält sich selbst „nicht für sehr politisch oder gesellschaftskritisch, aber ich halte es schon für sehr bedenklich, was den Menschen heute durch die Werbung eingeredet wird. Erst wenn man da eine Weile abstinent lebt, fällt einem auf, wie viel Blödsinn den Menschen verkauft werden soll.“ Klumb sieht es ähnlich: „Ich sehe Werbung und Shopping deutlich anders als noch vor einigen Jahren. Wenn man weniger kauft, kann man sich auch intensiver damit auseinandersetzen, woher ein Produkt stammt.“

Alternative und Extrem

Warum das Thema viele Menschen fasziniert, erklärt sich der 31-Jährige folgendermaßen: „Das große Interesse liegt daran, dass der Minimalismus eine Alternative darstellt. In der heutigen Zeit, in der alles in kürzerer Zeit und mit effektivsten Mitteln produziert werden soll, suchen viele Menschen nach anderen Wegen.“

Vielleicht ist es aber auch das Extrem, das Interesse weckt: TV-Dokumentationen über das Messie-Syndrom, also das maximale Ansammeln von Dingen, erfreuen sich ebenfalls großer Beliebtheit. Allerdings einer mit schalem Nachgeschmack gilt diese Lebensart doch als ungesund und oftmals asozial. In einer Gesellschaft, in der man theoretisch alles haben kann – und sei es auch nur auf Pump –, übt hingegen der freiwillige Verzicht eine große, zumeist positive Faszination aus.

Einer der ersten bekannten Minimalisten der Geschichte war wohl Diogenes von Sinope, auch bekannt als der Philosoph aus der Tonne. „Geh mir nur ein wenig aus der Sonne“, soll er der Legende nach zu Alexander dem Großen gesagt haben, als ihm dieser nach seinen Wünschen fragte. Mehr als die und seine Tonne brauchte er nicht zum Leben vor rund 2400 Jahren in Griechenland.

Das Streben nach Minimalismus gibt es also schon lange, doch nun wird in Blogs öffentlich darüber geschrieben und sich ausgetauscht. Damit ist es leichter geworden, Mitstreiter zu finden und Tipps zu bekommen, wie man im Alltag möglichst einfach leben kann. Dank Internet finden selbst Modebewusste Anregungen, wie man beispielsweise ein Jahr dasselbe Kleid immer anders tragen kann. Beispielsweise bei Sheena Matheiken, die im Jahr 2009 in ihrem „Uniform-Projekt“ 365 Tage immer dasselbe Kleid trug und dies in einem Blog und mit Fotos dokumentierte.

Digitale Verschlankung

Die Digitalisierung der Gesellschaft kommt der Minimalismusbewegung noch auf eine ganz andere Weise entgegen: Nie war es so leicht, auf nicht ganz so überlebenswichtige Dinge zu verzichten, ohne dabei den hohen Lebensstandard einzubüßen. Wer konsequent digital lebt, braucht keine Bücherregale, keinen Fernsehtisch, keine Bilderrahmen. Denn ganze Bibliotheken passen in kleine Computerspeicher, ebenso epische Fotosammlungen.

Jedoch ist eine reine Digitalisierung des Besitzes kein Zeichen von einer minimalistischen Überzeugung, findet Klumb: „1000 Musikstücke auf der Festplatte sind nicht minimalistisch. Und wenn man früher drei 36er-Filme im Urlaub geschossen hat, kommen heute bei vielen Menschen 500 bis 1000 Fotos in zwei Wochen Urlaub zustande.“ Zudem sei es „kein Muss für Minimalisten, seine Daten zu digitalisieren. Im Gegenteil, viele meiden die Digitalisierung und reduzieren eher nur die Anzahl der Bücher in ihrem Bücherregal, aber sie bleiben dem Papierbuch treu, weil das noch etwas Echtes ist“, sagt Hylla.

Wer braucht weniger?

Extreme Minimalisten würden aber wohl auch die Bücher entsorgen. So wie Kelly Sutton, der im Jahr 2010 all sein Hab und Gut veräußerte, bis der Rest in zwei Koffern und zwei Schachteln Platz fand. In seinem englischsprachigen Blog „Cult of Less“ berichtet er darüber. Die Namenswahl ist zudem interessant: Sieht man diverse Blogs, scheinen sich ihre Macher frei nach dem Motto des „Kein Haus, kein Auto, keine Möbel“ im Nichthabenwollen zu überbieten.

„Ja, es gibt immer wieder Aktionen von Bloggern wie ,Meine so und so viel wichtigsten Gegenstände‘. Ich selbst finde das auch immer sehr reizvoll“, erzählt Hylla. Auch Klumb lässt sich motivieren, aber: „Minimalismus ist kein Wettkampf. Ich würde es eher als eine Art gegenseitige Motivation sehen.“

Minimalismus für alle?

Aber eignet sich extremer Minimalismus für alle? Hylla ist etwas skeptisch: „Als Einzelperson kann man in Deutschland gut minimalistisch leben. Als Familie stelle ich es mir schwierig vor, die Kinder ohne Auto zu ihren Tagesbetreuungen oder Aktivitäten zu schaffen oder die größeren Einkäufe zu erledigen.“ Versuchen könne man es trotzdem: „Ich kenne Familien, die ohne eigenes Auto leben und sich dann bei Bedarf ein Teil-Auto mieten“, erzählt sie.

Was jedoch nie funktioniere, sei, den eigenen Lebensstil anderen Menschen aufzudrängen, findet Klumb. Hylla stimmt zu: „Am ehesten funktioniert noch das Inspirieren durch Vorleben. Es gab tatsächlich schon Freunde, die beispielsweise angefangen haben, über ihr eigenes Essverhalten nachzudenken, weil sie gesehen haben, dass ich Vegetarier bin.“ Trotzdem können Feste wie Weihnachten immer wieder eine Gratwanderung für Minimalisten werden: „Leider konnte ich es in meiner Familie und im Bekanntenkreis noch nicht durchsetzen, dass man sich nichts schenkt“, erzählt Klumb. Hylla hingegen hat ihre Schwester schon ganz auf den Minimalismus geeicht: „Sie verschenkt gern Erlebnisse, also Konzert- oder Theaterkarten. Überhaupt sind die bei mir sehr gern gesehen – und ein kleiner Zuschuss zur Reisekasse ist auch immer nett.“ Denn wenn die voll ist, kann Hylla wieder Erlebnisse und Erinnerungen sammeln.


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