Schwangere Schauspielerin Tessa Mittelstaedt: Abschied vom „Tatort“

Berlin. Nicht nur, dass Tessa Mittelstaedt mit 39 Jahren zum ersten Mal Mutter wird – in Kürze ist sie auch nach über 40 Episoden zum letzten Mal im Kölner „Tatort“ zu sehen. Die nach ihrer Figur benannte Folge „Franziska“ ist so hart, dass die ARD sich zum ersten Mal in der „Tatort“-Geschichte dazu entschied, den Krimi aus Jugendschutzgründen erst nach 22 Uhr auszustrahlen. Ursprünglich war der Sendetermin auf den 15. Dezember festgesetzt – wegen des SPD-Mitgliederentscheids und einer sich damit beschäftigenden Talkrunde bei Günther Jauch wird er nun erst am 5. Januar gezeigt. Über diesen Film, ihre Schwangerschaft und Zukunftspläne unterhalten wir uns in einem Berliner Café.

Frau Mittelstaedt, es ist nicht mehr zu übersehen, dass ein großes Ereignis ansteht.

Sie meinen meine Christbaumkugel? (lacht)

Genau die. Wann ist es denn so weit?

Im Januar. Es wird also kein Christkind, und die Vorfreude steigt – jetzt möchte ich auch irgendwann dem Baby ins Gesicht gucken.

Wissen Sie, was es wird – Junge oder Mädchen?

Es wird ein Baby. (lacht)

Haben Sie sich denn auch schon mit dem Gedanken angefreundet, demnächst mit einem Kinderwagen statt mit dem Motorrad durch Berlin zu rollen?

Mir wurde das jetzt erst schmerzlich bewusst, als ich mein Motorrad in die Winterpause geschoben habe und mir klar wurde, dass es wohl eine ganze Weile stehen wird, bis ich wieder drauf sitze. Das war ein wehmütiger Moment, und ich freue mich jetzt schon darauf, wenn es wieder so weit ist.

Was für eine Maschine fahren Sie eigentlich?

Eine Ducati Monster.

Auch während der Schwangerschaft?

Ja, die ersten vier Monate bin ich noch gefahren, und dann habe ich irgendwann Ärger mit der Familie gekriegt und es gelassen.

Gibt’s eigentlich einen Zusammenhang zwischen der Schwangerschaft und Ihrem Ausstieg beim „Tatort“?

Nein, gar nicht, das war völlig unabhängig voneinander.

Zwei oder drei „Tatorte“ pro Jahr sind für Schauspieler ja auch so etwas wie eine finanzielle Grundabsicherung. Warum haben Sie sich dennoch dagegen entschieden?

Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Zum einen ist der „Tatort“ das Königsprodukt des deutschen Fernsehens, zum anderen bin ich stolz, 13 Jahre lang den Kölner „Tatort“ mitgestaltet zu haben. Er ist immerhin einer der beliebtesten in Deutschland. Aber ich habe nach so langer Zeit gemerkt, dass die Rolle auserzählt ist.

Was reichte nicht?

Meine Rolle war natürlich begrenzt. Ich war für die emotionale Farbe und den Informationsfluss zuständig. Auch wenn es ein paar schauspielerisch herausfordernde Folgen für mich gab, wiederholte sich doch mein Aufgabenfeld immer wieder auf ähnliche Weise. Aber um mich schauspielerisch weiterentwickeln zu können, möchte ich jetzt weiter und wünsche mir, vielschichtige Charakterrollen mit psychologischer und emotionaler Entwicklung spielen zu dürfen.

Gab’s beim letzten Dreh denn eine anständige Abschiedsparty und Geschenke von den Kollegen?

(lacht) Die Abschiedsparty gab es tatsächlich. Sehr amüsant war, dass man aus einigen Folgen der letzten 13 Jahre einen Film zusammengeschnitten hat, den wir uns gemeinsam angesehen haben. Auf einmal guckten Klaus (Behrendt), Dietmar (Bär) und ich uns an und mussten feststellen: Ja, wir sind ganz schön gereift. Man sieht auf Zelluloid sehr klar die persönliche, menschliche und auch äußerliche Entwicklung, auch wenn die 13 Jahre gefühlt wie im Flug vorbeigegangen sind.

Wohin geht jetzt Ihre Reise als Schauspielerin? Haben Sie schon Pläne?

Es ist ja so: Wenn ein Film fertig ist und gesendet wird, ist das die Visitenkarte für neue Projekte. Man stellt sich quasi immer neu vor. Und so, wie uns „Franziska“ gelungen ist, hat man Tessa Mittelstaedt einfach noch nicht gesehen. Das ist meine Visitenkarte für alles Zukünftige – ich bin gespannt, was kommen wird.

Gibt’s denn Rollen, von denen Sie träumen?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe mir heute erst die Biografie einer Frau gekauft, die ich unheimlich gern mal spielen würde: Melitta von Stauffenberg, die Schwägerin des Hitler-Attentäters Klaus von Stauffenberg.

Was ist so spannend an der?

Sie beherrschte unter Hitler nicht nur den Himmel als Testfliegerin und Ingenieurpilotin, perfektionierte nicht nur den Bombenkrieg der Luftwaffe der Nazis, sie bewahrte auch ein Geheimnis: Sie war Halbjüdin. Der Bruder von Klaus Stauffenberg war ihre absolut große Liebe. Und als er nach dem Attentat auf Hitler ins KZ gesperrt wurde, hat sie versucht, ihn mit einem Fieseler Storch (Flugzeug) da rauszuholen – und ist auf mysteriöse Art und Weise von den Alliierten abgeschossen worden und ums Leben gekommen, während ihr Mann überlebt hat. Das ist für mich eine wahnsinnig spannende Frauenfigur, die ich sofort spielen würde. Bei so einer Geschichte schlägt sofort mein Puls höher.

Der Kölner „Tatort“ muss ja demnächst nicht nur auf Franziska, sondern durch den Tod von Christian Tasche auch auf Staatsanwalt von Prinz verzichten. Kam sein Tod überraschend für Sie?

Total überraschend, damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Das hat mich ziemlich umgehauen, weil wir uns auch privat nahegestanden haben.

Kann der Kölner „Tatort“ ohne Sie beide überhaupt noch das sein, was er mal war?

Natürlich nicht. Wir waren 13 Jahre lang eine sehr eingeschworene Truppe: der dicke Kommissar, der smarte Kommissar, der sympathische Glatzkopf in der Pathologie, die blonde Fee und der strenge Staatsanwalt. Wenn jetzt zwei von diesen fünf Figuren fehlen, ist es natürlich nicht mehr, was es mal war.

Wenn man Ihnen schon früher mal eine so tragende Rolle wie in Ihrem letzten „Tatort“ gegeben hätte, wären Sie dann noch dabei?

Mir ist meine Weiterentwicklung wichtig. Es gibt so viele wunderbare Geschichten zu erzählen, Rollen zu spielen und großartige Regisseure in unserem Land. Auf die habe ich jetzt Lust, mit denen möchte ich arbeiten.

Ist „Franziska“ der bisherige Höhepunkt Ihrer Karriere?

Ja, zusammen mit dem Kinofilm „Tage, die bleiben“ ist „Franziska“ der wichtigste Ankerpunkt meines beruflichen Weges. Dieser Film hat mich an Grenzen gebracht. Im Januar kommt dann noch „Der blinde Fleck“ in die Kinos, ein Film über das Oktober-Attentat 1980. Darin spiele ich die Schwester des Attentäters. Das ist ein Film, der mich politisch sehr interessiert hat. Ich liebe solche Aufgaben, bei denen ich mein persönliches Interesse an Politik, Geschichte und Psychologie einbringen kann.

Warum hat „Franziska“ Sie an Grenzen gebracht?

Wir haben im Oktober und November in einem völlig ausgekühlten Knast in Düsseldorf gedreht, in dem bis vor drei Monaten noch Häftlinge untergebracht waren. Sowohl dieses düstere Gebäude als auch das Thema unseres Drehbuchs haben mich an psychische und physische Grenzen gebracht. Wenn man als Schauspieler in die Wahrhaftigkeit der Szene springt, setzen sich Dynamiken und Energien frei, die die Szene zwar befeuern, aber einem selbst alles abverlangen.

Die Knastatmosphäre hat der Film wirklich gut eingefangen.

Das liegt an dem wunderbaren Kameramann, aber auch den großartigen Komparsen, die für die Atmosphäre des Films zuständig waren. Ich bin immer noch ganz begeistert, was die Jungs da geleistet haben.

Hinnerk Schönemann spielt den Häftling, der Sie als Geisel nimmt.

Ich hätte mir keinen besseren Partner wünschen können. Er war sehr rücksichtsvoll. Wir hatten mitunter sehr körperliche Szenen miteinander und konnten uns sehr gut aufeinander verlassen. Ich glaube, für ihn war die Rolle auch eine große Herausforderung.

„Franziska“ ist ja geradezu ein historischer „Tatort“ – die ARD zeigt ihn erst nach 22 Uhr, weil man ihn als zu heftig für Jugendliche befunden hat. Können Sie das nachvollziehen?

Man kann es so machen, muss es aber nicht. Ich kann nur denjenigen vertrauen, die sich damit eingehend beschäftigt haben und aufgrund unserer Gesetze zu dem Schluss gekommen sind, diesen „Tatort“ könne man nicht um 20.15 Uhr zeigen, weil Filme auf diesem Sendeplatz für Zwölfjährige kompatibel sein müssen.

Müssen Sie das?

Mich verwundert, dass Zwölfjährige „Tatort“ gucken. Ich jedenfalls durfte das damals nicht, sondern wurde ins Bett geschickt, weil Mord und Totschlag nichts für meine zwölfjährige Kinderseele waren; das sollte jeder Elternteil mit seinen Kindern so halten. Aber sicherlich kann man sich auf der anderen Seite auch fragen: Was sehen die Kinder heutzutage alles im Internet und in ihren Computerspielen? Das hat sich seit damals sehr verändert.

Nehmen wir mal an, Ihr Kind wäre schon 12 oder 13 – dürfte es sich „Franziska“ ansehen?

Nein. Ab 16 vielleicht, und auch dann nur mit mir zusammen und viel Erklärungen, wie es vor der Kamera läuft. Wenn ein Kind oder Jugendlicher generell sieht, wie seine Mutter extrem malträtiert wird, ob nun im echten Leben oder im Fernsehen, ist das nie gesund für seine Seele.

Es gibt in „Franziska“ keine Schlussszene an der Wurstbude am Rhein.

Es gibt ja auch keinen Anlass.

Mittlerweile sind schon drei Kölner „Tatorte“ ohne Sie gedreht worden. Empfinden Sie einen Phantomschmerz?

Mein Phantomschmerz bezieht sich mehr auf das Team und die Menschen. Als ich gesagt habe, dass ich gehe, waren die meisten wahnsinnig traurig – das hat mir gezeigt, dass ich 13 Jahre einen guten Job gemacht habe. Aber jetzt wird es Zeit, die Flügel aufzuspannen und weiterzufliegen.

Tessa Mittelstaedt

wird am 1. April 1974 in Ulm geboren. Nach ihrer Schauspielausbildung an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum ist sie von 1997 bis 2006 an Theatern in Bochum, Wuppertal und Dresden engagiert.

1999 sieht man sie in „Kinder der Gewalt“ erstmals in einem Kölner „Tatort“, damals noch als Urlaubsvertretung Anja. Am 17.12.2000 hat sie dann ihren ersten von insgesamt 44 Auftritten als Assistentin Franziska Lüttgenjohann, die schnell als die „Seele des Kölner Tatorts“ gilt, von dem sie sich mit dem spektakulären Abgang in „Franziska“ am 5. Januar verabschieden wird.

Zwischenzeitlich ist Tessa Mittelstaedt in verschiedenen TV-Serien wie „Der Fürst und das Mädchen“, „Fünf Sterne“, Elvis und der Kommissar“ oder „Der Bergdoktor“, in etlichen Fernsehfilmen und im Kinofilm „Tage, die bleiben“ (2010) zu sehen.

Tessa Mittelstaedt lebt lange in Hamburg, zieht dann aber 2012 in Berlin mit ihrem Partner Matthias Komm zusammen, den die Fernsehzuschauer vor allem auch aus zahlreichen Krimis kennen. Im Januar erwartet das Paar sein erstes Kind.


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