„Am liebsten jeden Monat“ Thekla Carola Wied ist ein Weihnachts-Fan

Von Joachim Schmitz

Freut sich schon seit Oktober auf Weihnachten: Thekla Carola Wied genießt ein stilles Fest. Fotos: imagoFreut sich schon seit Oktober auf Weihnachten: Thekla Carola Wied genießt ein stilles Fest. Fotos: imago

München. Sie ist eine der erfolgreichsten und beliebtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Und dass sie im Februar 70 wird, sieht man ihr wahrlich nicht an. In ihrem Film „Tür an Tür“ (ARD, Freitag, 20.15 Uhr) allerdings ist Thekla Carola Wied spürbar gealtert – sie spielt eine 78-jährige verbitterte Oldenburgerin, die mit ihrer jungen Nachbarin aneinandergerät und gleichzeitig das Internet für sich entdeckt. Über diese Rolle, ihre Liebe zu Büchern und die Freude an Weihnachten sprechen wir im Münchner Hotel „Bayerischer Hof“:

Frau Wied, Sie sind sehr literaturbeflissen – welches Buch lesen Sie gerade?

Die Nobelpreisträgerin Alice Munro. Und ich habe bei ihr auch schon eine Geschichte entdeckt, die ich gerne mal bei einer Lesung zum Vortrag bringen möchte, sie heißt „Tricks“. Die Frau schreibt großartig, hat einen ganz eigenwilligen Stil.

Inwiefern?

Sie deutet oft nur an, was sich von selbst versteht. Dafür benutzt sie nicht den ganzen Satz, sondern einfach nur Worte. Aber man weiß genau, was sie damit meint. Und sie hat immer ganz überraschende Wendungen in ihren Erzählungen. Was allerdings gegen eine Lesung spricht, ist die Tatsache, dass das Ende ihrer Geschichten meistens offen ist. Das finde ich persönlich zwar schön, aber das Publikum hätte es meist lieber anders. Zum Lesen ist Alice Munro auf jeden Fall ein Hochgenuss.

Ihr Buch des Jahres?

Nein, das sind ja Wälzer mit etlichen Novellen. Davor habe ich den neuen Begley „Erinnerungen an eine Ehe“ gelesen, ganz eigen, er schafft eine merkwürdige Distanz. Aber ich sage Ihnen mal mein Buch des Vorjahres – das war Michael Kumpfmüllers Buch „Die Herrlichkeit des Lebens“ über Kafkas letzte Jahre, ein kleines Buch, aber ganz wunderbar. Unheimlich schön.

Haben Sie einen oder eine Lieblingsschriftstellerin?

Im Moment ist es Stefan Zweig. Ich lese gerade seine Novelle „24 Stunden aus dem Leben einer Frau“, die wirklich große Literatur ist. Überhaupt ist Zweig ein faszinierender Typ, ein suggestiver Dichter, ein wirklicher Europäer und ein Mensch, dessen Leben nicht geradlinig verlaufen ist. Ich habe ihn für mich wiederentdeckt und verehre ihn sehr.

Mögen Sie auch junge Autoren?

Kumpfmüller ist doch ein junger. Und dann gibt es noch Robert Seethaler, ein Österreicher, den bei uns kaum jemand kennt. Der ist außerordentlich begabt. Ansonsten lese ich viele schlechte Drehbücher (lacht).

Die Klage kenne ich. Warum wehren sich viele Schauspieler eigentlich nicht dagegen?

Es gibt natürlich auch gute Drehbücher. Aber Sie haben recht, das ist eigentlich das Schlimme: dass es wenige Schauspieler gibt, die sich starkmachen für die Qualität einer Geschichte. Natürlich: Viele Kollegen müssen es aber machen, weil sie Kinder haben und ihre Miete bezahlen müssen. Das ist das Dilemma. Ich kämpfe immer und mache mich damit auch nicht gerade beliebt. Aber wenn ich eine Geschichte nicht glaubwürdig finde, wenn sie nur ausgedacht und konstruiert ist, dann kann ich das auch nicht spielen.

Lesen Sie eigentlich auch
E-Books?

(sieht mich völlig entgeistert an)

Diesen Blick kann ich nicht drucken.

(lacht) Den können Sie drucken. Das geht überhaupt nicht, das ist für mich unvorstellbar. Allein das haptische Erlebnis, ein Buch in der Hand zu halten und darin zu blättern, ist doch unvergleichlich. Wenn ich abends müde bin, fällt es mir auf die Nase – deswegen kann ich abends auch nur leichte, also vom Gewicht her leichte Bücher lesen. Dicke Schwarten wären zu gefährlich.

Hatten Sie die Leidenschaft fürs Lesen schon als Kind? Gehörten Sie zu den Mädchen, die heimlich unter der Bettdecke gelesen haben?

Ja. Meine Schwestern und ich hatten eine Schreibunterlage aus Gummi, darunter hatten wir dann „Kampf um Rom“ und ähnliche Historienschinken versteckt. Wenn man Vater, der sehr streng war, reinkam, haben wir schnell die Vokabeln vorgezogen und auf die Unterlage gelegt. Wir haben also schon früh viel heimlich gelesen. Das war quasi der Ursprung meines späteren Berufs.

Wieso das?

Ich wollte schon sehr früh Schauspielerin werden. Und irgendwoher musste meine Fantasie ja Nahrung kriegen. Ins Kino konnten wir ohne Taschengeld nur sehr selten, also habe ich übers Lesen meine Fantasiewelten entstehen lassen.

Sie waren nie im Kino?

Doch, ab und zu bekamen wir einen Kinobesuch geschenkt. Zum Beispiel „Krieg und Frieden“, danach war ich in meiner Fantasie wochenlang die Natasha. Das war für mich die Flucht aus einem sehr kargen und armen Elternhaus, die geöffnete Tür zur Welt.

Zwischen der Schule und ihrer Schauspielausbildung haben Sie ein Diakonisches Jahr gemacht. Also so etwas wie ein freiwilliges soziales Jahr – wie kam es dazu?

Das war die Anordnung meines Vaters, ich musste es machen. Er meinte, mich damit von dem Berufswunsch, Schauspielerin zu werden, abbringen zu können. Ich war ja noch keine 21 und konnte noch nicht das tun, was ich wollte. Und mein Vater dachte, dadurch würden mir die Flausen schon vergehen – wenn ich erst mal so ein Jahr gemacht hätte, sähe ich die Welt mit anderen Augen.

Da hatte er sich wohl getäuscht.

Ja, die Flausen sind geblieben, weil ich nach dem ersten halben Jahr in einem diakonischen Krankenhaus in Berlin für das zweite Halbjahr in ein Krankenhaus nach Essen geschickt wurde, genauer gesagt ins Evangelische Krankenhaus in Essen-Werden – mit direktem Blick zur gegenüberliegenden Folkwang-Hochschule, wo Schauspieler ausgebildet wurden. Ich war dann so schnell angemeldet, wie man sich nur anmelden konnte. Zwar war ich noch nicht ganz 21, aber ich habe es einfach gemacht und auch gleich die Prüfung bestanden.

In Ihrem Film „Tür an Tür“ spielen Sie eine 78-Jährige, die einen Computerkurs belegt und kurz darauf die Mails ihrer jungen Nachbarin hackt. Sie selbst haben es aber nicht so mit Computern, oder?

Ich habe keinen Computer und weiß auch nicht, wie man E-Mails schreibt. Und wenn ich mal eine SMS tippe, dauert es ewig. Da ziehen mein Mann und ich gemeinsam an einem Strang: Wir finden das überwiegend fragwürdig. Und wir brauchen es auch nicht wirklich. Meine Agentur stellt die beruflichen Verbindungen her. Wer mir ein Drehbuch schicken will, kann es ja auch mit der Post oder per Boten tun.

„Tür an Tür“ hat daran nichts geändert?

Gar nichts. Sie hätten Uwe Friedrichsen und mich da mal am Computer sehen sollen – Regisseur Matthias Steurer hätte sich über uns totlachen können. Er versuchte es mir immer zu erklären, und ich sagte: Lass es besser sein, es ist völlig sinnlos. Ich will es gar nicht wissen, es ist wie Müll in meinem Kopf. Sag mir einfach, wo ich draufdrücken soll und wie lange ich warten muss, bis sich da was tut.

Dabei sieht es am Bildschirm tatsächlich so aus, als hätten Sie Gefallen am Computer gefunden.

(lacht) Also, lieber Herr Schmitz, auch Sie können es mir nicht einreden. Ich habe immer nur gedacht: Die arme Rosemarie Fendel, die hatte doch bestimmt auch keinen Computer.

Wieso haben Sie an Rosemarie Fendel gedacht?

Ich habe die Rolle quasi von einem auf den anderen Tag von ihr übernommen, als sie so krank wurde. Ich war zu Lesungen in Dresden, als die Produzentin mich anrief und sagte, ich müsse sofort einspringen, die Fendel liege im Krankenhaus. Das war Ende der Woche, am Montag stand das Auto in Dresden vor der Tür, abends war die Masken- und Kostümprobe, und am Dienstag habe ich gedreht. Das Drehbuch hatte sie mir ins Hotel gemailt, dort hat man es mir ausgedruckt, und ich habe es auf der Fahrt von Dresden nach Oldenburg gelesen. Mein Mann hatte es schon vorher gelesen und gesagt: Da kannst du nicht widerstehen.

War es nicht schwer, eine viel ältere Frau zu spielen?

Als ich mich in den Klamotten und mit der Perücke sah, musste ich vor dem Spiegel schon ein bisschen schlucken. Das war schon ein bisschen heftig. Aber die Rolle mit ihrer Ruppigkeit und die Geschichte haben mich viel zu sehr gereizt.

Viele Schauspielerinnen beklagen bereits mit 40, dass die Rollenangebote weniger werden. Kennen Sie das?

Mit 40 ganz sicher nicht. Da kam meine Karriere ja eigentlich erst richtig in Fahrt. Mit 38 habe ich „Ich heirate eine Familie“ gedreht. Aber ich muss schon sagen, dass mir die Qualität vieler Rollen zu schaffen macht. Viele jüngere Drehbuchautoren kennen sich mit den Menschen über 60 einfach nicht aus. Sie können sich kaum hineinversetzen in jemanden, der eine ganze Portion Lebenserfahrung hat, Verluste erlitten hat und all das kennt, was zum Leben gehört. Es macht mich traurig, dass ich oft Drehbücher ablehnen und sagen muss: Nein, das ist es nicht, was ich spielen möchte.

Was vermissen Sie?

Eine Sensibilität für Stoffe, die speziell ältere Frauen reizen könnten. Ich denke da immer an die Engländer, die haben eine ganze Riege alter Schauspielerinnen, die hinreißend spielen und für die es hervorragende Stoffe gibt. Das fehlt bei uns, hier gibt es jede Menge verlogene Kitschgeschichten. Dabei wird das Publikum doch immer älter. Und das will nicht nur schöne Welten, schöne Landschaften und schöne Reisen sehen. Auch die älteren Menschen sind viel anspruchsvoller als vieles, was ihnen vorgesetzt wird. Es gibt sie doch, die guten Themen, aber man denkt sich krampfhaft Geschichten aus, die mit unserer Lebensrealität nichts zu tun haben.

Darf ich Sie auf Ihren runden Geburtstag ansprechen, der im Februar ansteht?

Der ist ja unvermeidlich, wenn man den noch erlebt. Mein Motto ist: Wenn ich nun schon 70 werde, fürchte ich, dass ich aus der Nummer nicht mehr lebend rauskomme (lacht). Aber was soll’s? Jetzt werde ich eben 70, und gegenüber 69 oder 68 hat sich überhaupt nichts verändert, auch wenn die
7 vorne ein bisschen doof aussieht.

Werden Sie feiern oder flüchten?

Flüchten. Wir haben schon drei Wochen in der Wärme gebucht.

Sind Sie eigentlich ein Weihnachtstyp?

Jetzt muss ich mich outen: Ich liebe Weihnachten! Für mich ist es das Größte.

Warum?

Weil es in unserer Kindheit nie wirklich stattgefunden hat, das hatte mit der schlimmen Armut damals zu tun. Wir haben weder Geburtstage noch Weihnachten gefeiert, das ist traurig für Kinder. Deswegen hat sich bei mir geradezu eine Weihnachtsmanie entwickelt, ich könnte es jeden Monat feiern (lacht).

Wie äußert sich das denn?

Ich fange schon im Oktober an, mich auf Weihnachten zu freuen. Mein Mann sagt immer, ich hätte sie ja nicht alle, aber ich finde es einfach schön (lacht). Wir haben ja noch ein Domizil in den Bergen, im Salzkammergut, und da ist es natürlich besonders schön. Da verbringen wir Weihnachten.

Wie sieht das dann aus?

Ich schmücke den Baum und zünde Kerzen an, obwohl mein Mann Kerzen hasst, weil er denkt, ich würde damit mal die Hütte in Brand setzen. Dann setze ich mich hin und höre schöne Weihnachtsmusik: Telemann, Bach, Händel. Und dann fange ich an, bei schöner Musik Geschenke vorzubereiten und Briefe zu schreiben – das reicht, um mein Weihnachtsgefühl zu empfinden: dass sich das Jahr jetzt neigt, dass man an andere denkt. Mein Weihnachten ist mit Ruhe verbunden – ich brauche nicht diese Hektik und muss auch nicht über Weihnachtsmärkte rennen und diese ganzen Scheußlichkeiten essen. Einfach nur innehalten.

Andere Leute fliegen über Weihnachten in die Sonne.

Ich war einmal mit meinem Mann über Weihnachten in Südafrika– und hatte das Gefühl, dass das Jahr für mich gar nicht zu Ende geht. Ich habe mich das ganze nächste Jahr gefragt: Wo war denn Weihnachten, wo war denn Silvester? Darauf habe ich meinem Mann gesagt: Hannes, wir dürfen nie wieder über Weihnachten wegfahren.

Dann spiele ich jetzt mal Christkind: Sie haben drei Wünsche offen.

Der wichtigste Wunsch ist die Gesundheit, ohne die kann man alles andere vergessen. Der zweite Wunsch ist, dass alles so bleibt – ich bin sehr zufrieden. Und dann wünsche ich mir noch ein Drehbuch, bei dem ich sofort sage: Das wird gemacht, ohne einen Punkt und ein Komma zu versetzen.

Und welches gute Buch darf ich Ihnen noch dazulegen?

„Die Stunde der Frauen“ von Antonia Meiners. Mit dem Untertitel „Zwischen Monarchie, Weltkrieg und Wahlrecht“. Das wünsche ich mir.

Thekla Carola Wied

wird am 5. Februar 1944 als Tochter einer Hausfrau und eines Latein- und Religionslehrers in Breslau geboren. Zusammen mit ihren Schwestern wächst sie in Berlin auf und besucht das renommierte Gymnasium zum Grauen Kloster, wo sie auch ihr Abitur macht. Nach der Schule absolviert sie ein Diakonisches Jahr in Krankenhäusern in Berlin und Essen, wo sie anschließend von 1964 bis 1967 an der Folkwang-Hochschule Schauspiel studiert.

Es folgen Stationen an diversen Theatern und schon 1967 in „Spur eines Mädchens“ die erste große Filmrolle. Breite Popularität erfährt sie durch ihre Rolle als Mutter in der Serie „Ich heirate eine Familie“ an der Seite von Peter Weck (1983 bis 1986). Als ausgewiesene Sympathieträgerin wird sie immer wieder für Mütterrollen besetzt, kann sich im Laufe der Jahre aber immer häufiger davon frei machen. Im Laufe ihrer Karriere wird Thekla Carola Wied mit dem Bundesfilmpreis in Gold, der Goldenen Kamera, gleich viermal mit dem Bambi und zahlreichen anderen Preisen überhäuft. Häufig reist sie aber auch zu Lesungen durchs Land.

Seit 23 Jahren ist die populäre Schauspielerin mit dem früheren Backnanger Oberbürgermeister Hannes Rieckhoff (Bild) verheiratet. Das kinderlose Ehepaar lebt in München.


0 Kommentare