Schaubühnen-Hamlet im Interview Schauspieler Lars Eidinger über die On-Off-Glatze

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Lars Eidinger ist einer der gefragtesten deutschen Schauspieler. Foto: dpaLars Eidinger ist einer der gefragtesten deutschen Schauspieler. Foto: dpa

Berlin. Auf der Bühne, im Kino oder im „Tatort“: Lars Eidinger ist einer der interessantesten Schauspieler seiner Generation. Im Café der Berliner Schaubühne spricht er über die aktuelle Verfilmung von Stephan Thomes „Grenzgang“ (Mittwoch, 27. November, 20.15 Uhr, ARD), Pop-Hits, die außer ihm kein DJ zu spielen wagt, und über seinen Haarausfall.

In der ersten Szene von „Grenzgang“ pinkeln Sie auf die Straße. Ein guter Weg, um einen Film zu betreten?

Das ist vielleicht ein bisschen irreführend. Der Rest des Films ist dann ja ganz unspektakulär.

Gefällt Ihnen das?

Gut sogar. Sonst führt uns die Fiktion ja oft auf den Holzweg. Die meisten Filme spielen in Großstädten, wo Leuten mit tollen Berufen aufregende Dinge passieren. Das ist nicht repräsentativ. Für die meisten Leute besteht die Wirklichkeit aus dem Alltag in Kleinstädten.

Das scheint Sie zu reizen. Immer wieder spielen Sie Figuren, deren große Träume sich gerade nicht verwirklicht haben.

Das liegt aber nicht an mir, sondern an den Rollen, die mir angeboten werden. Man scheint mir das gut abzunehmen. Es ist nicht so, dass ich andere Rollen ablehnen würde.

Was lehnen Sie denn ab?

Ich hab mal ein Buch abgelehnt, bei dem es um plötzlichen Kindstod ging. Ein Kriterium ist für mich die Lust, im Spiel etwas nachzuerleben. Diese Situation möchte aber ich nicht mal in der Fiktion erleben.

Trotzdem spielen Sie auf der Bühne natürlich viel, das Sie im wirklichen Leben nicht erleben wollen. Shakespeare-Stoffe sind auch nicht zur Nachahmung empfohlen.

Stimmt. Niemand wünscht sich, dass der Onkel den Vater ermordet, sich dann mit der Mutter verheiratet und den Sohn in den Wahnsinn treibt. Trotzdem ist natürlich nicht jedes negative Erlebnis auf der Bühne für mich unattraktiv.

Ihr Hamlet ist extremer als ihre Filmrollen – trotzdem lässt sich auch seine ironische Verweigerungshaltung als Generationenporträt deuten.

Das ist aber nur eine Auseinandersetzung im Feuilleton. Mich interessiert auch, wie unsere Generation funktioniert; aber es ist überhaupt nicht mein Anspruch, das zu erklären. Dass Filme wie „Alle Anderen“ oder „Was bleibt“ diese Frage aufwerfen, heißt nicht, dass man sie beim Drehen diskutiert. Ich habe wenig zu neuen Rollenmodellen zu sagen. Oder zum neuen Mann. Ich bin viel zu sehr Teil meiner Generation, um über meine Generation Urteile zu fällen.

Viele Ihrer Figuren haben nicht erreicht, was sie wollten. Sie selbst dagegen spielen Hauptrollen an Ihrer Lieblingsbühne. Begegnen Ihnen oft Menschen, die wirklich mit ihrer Entwicklung hadern – so wie ihr Lehrer in „Grenzgang“?

Was ich bei „Alle Anderen“ von vielen Leuten gehört habe: Sie sind mit ihrer Freundin in den Film gegangen und getrennt rausgekommen. Ich hätte nicht gedacht, dass Filme das überhaupt können: Wirklich etwas im Leben von anderen Leuten verändern. Das funktioniert wahrscheinlich nur, weil ich mich von meinen Figuren nicht distanziere, sondern mich selbst in ihnen wiederfinden will.

Mögen Sie Ihre Figuren?

Nee, ich mag mich ja auch selber nicht.

Nanu! Dann lästern Sie doch mal ein bisschen über sich.

Ach, das kommt jetzt kokett rüber. Aber ich halte allgemein nicht so viel von den Menschen. Das hat nichts mit Zynismus zu tun. Ich finde nur, so weit ich meine Beweggründe und die meiner Mitmenschen durchschaue, sind sie doch relativ trivial und nieder. Ich habe das Gefühl, eine Qualität meiner Arbeit ist es, das zuzugeben.

Wie ist es, mit Ihnen zu proben?

Mir imponieren Schauspieler, die beim Proben richtig schlecht sind. Dazu würde ich mich auch zählen. Bei der Probe liege ich gern falsch, probiere ich mich in verschiedene Richtungen aus und spiele nicht auf Ergebnis.

Bewundern Sie Schauspieler?

Ja.

Sagen Sie mal ein paar.

Mein größtes Vorbild ist Marlon Brando. Er spielt, als würde man wilde Tiere angucken. Auf mich wirkt er immer uninszeniert und unberechenbar. Ein fast unterschätzter Schauspieler ist Edward Norton; der ist für mich ein Meister der Verwandlung, und er stellt sich uneitel in den Dienst des Stoffs. Sean Penn ist grandios, weil er bereit ist, extrem weit zu gehen. Joaquin Phoenix genauso. Die beiden rauchen sich auf für einen Film, und ich frage mich immer, ob sie die letzte Klappe noch erleben.

„Grenzgang“ hat mit Hans Fromm einen tollen Kameramann, der auch Christian Petzolds Filme fotografiert. Ist Ihnen das wichtig? Denken Sie in Einstellungen? Sind Sie eitel?

Nein; es gibt eine typische Handbewegung von Möchtegern-Profis, die sich mit dem Kameramann über den Bildausschnitt verständigen. Affig. Das würde ja heißen, dass man in der Totalen völlig anders spielt als in der Nahaufnahme. Ich finde allerdings eine Seite meines Gesichts deutlich schöner, die linke, wo der Scheitel es freilässt. Bei der Stellprobe versuche ich manchmal, mich dementsprechend hinzustellen.

Darf ich eine Sache
ansprechen …

… meine Glatze! Warum nicht, sie ist ein Teil von mir, und ich hatte 17 Jahre Zeit, mich damit abzufinden. Immerhin ist es eine Sache, die von Anfang an zu mir gehörte; ich bin nicht irgendwo hängen geblieben, und plötzlich waren die Haare weg.

Neulich liefen zwei Filme mit Ihnen, nur in einem sah man’s.

Es gibt verschiedenste Methoden, das zu verbergen. Die bekannteste ist „Million Hair“, da werden feine Haare auf die kahlen Stellen gestreut. Aus der Nähe sieht man es, aber im Film ist der Effekt verblüffend.

Also sperren Sie sich nicht gegen die diskrete Maske?

Nein, es gibt auch plausible Gründe dafür. Eine Glatze zieht Aufmerksamkeit auf sich – bei mir auch dadurch, dass die Haare so dunkel sind. Wenn dann die Scheinwerfer draufstrahlen, wirkt es nicht mehr selbstverständlich, sondern als Irritation. Das ist ein Argument. Meine Figuren könnten ansonsten ja genauso eine Glatze kriegen wie ich.

Ich dachte immer, es gibt ein Mittel, das Haarausfall verlangsamt, und alle Schauspieler nehmen es.

So wie Bruce Willis und Sean Connery? Ich glaube, solange die Hollywood-Stars noch Glatzen haben, gibt es kein Gegenmittel. Wenn Bruce Willis wieder Haare hat, frage ich mal nach. Ich warte auch immer noch auf den Mann, bei dem es wirklich sexy wirkt. Vielleicht Adriano Celentano. Wenn ich mich auf der Leinwand von hinten sehe, zucke ich immer noch zusammen.

Was fällt Ihnen beim Spielen schwer?

Alles eigentlich. Es ist ein komplizierter Vorgang, etwas zu beglaubigen. Aber ich beschwere mich nicht. Deshalb mache ich es ja.

Misslingt es manchmal?

Schon, das sind Momente, in denen ich zu offensichtlich spiele. Dann bin ich mir meiner Wirkung zu bewusst und setze Manierismen ein, die sich bewährt haben. Das hat immer etwas mit Schutz zu tun. Wenn man dagegen mal einen falschen Ton trifft, finde ich es eher attraktiv. Problematisch ist vielmehr die perfekte Maskerade.

Das fällt in US-Serien auf, in denen viele Schauspieler für jede Haltung die passende Pose haben: ihr So-what-Gesicht, ihr What-the-Fuck-Gesicht.

Wobei die Amerikaner im wirklichen Leben ja auch so sind.

Was lehren Sie an der Schauspielschule?

Ich versuche immer, stimmig zu bleiben und nicht so zu tun, als wäre mehr da, als es ist. Das macht für mich auch die großen Schauspieler aus, ihr Gefühl für den Aufwand, den spielerische Effekte brauchen. Wenn jemand immer zu laut ist oder aus falsch verstandener Reduktion überhaupt nicht das Gesicht bewegt, steigt man als Zuschauer aus. Es gibt einen Spruch von den Beastie Boys: Be true to yourself and you will never fall. Solange man sich nicht selbst belügt, kann einem nichts passieren.

Apropos: Sie betreiben in der Schaubühne alle paar Wochen die „Autistic Disco“. Wieso heißt die so?

Weil mich stört, dass Disco immer autistischer wird. Man geht aus, um in Gesellschaft zu sein – bleibt auf der Tanzfläche aber doch nur für sich. Und weil die DJs auch immer autistischer werden und sich nur für ihren perfekten Mix interessieren. Ich pflege den Austausch.

Was spielen Sie?

Eklektische Pop-Musik. Hits. Sachen, die man im Radio lauter dreht und die der ambitionierte DJ sich verkneift.

Was sind Ihre Lieblingshits?

Jeder DJ wird Ihnen bestätigen: „Billie Jean“ von Michael Jackson geht immer, auch wenn man im Altenheim auflegt. Eine Zeit lang habe ich gern „Toxic“ von Britney Spears gespielt, aber ich kann es nicht mehr hören. Ich mag „Remmidemmi“ von Deichkind nach wie vor; und ich spiele viel Hip-Hop. Es gibt ja Musik, die man mag, weil man Frauen gern dazu tanzen sieht: „Candy Shop“ von 50 Cent zum Beispiel. Das ist sowieso mein Leitspruch für Partys: Frauen tanzen gern zu guter Musik und Männer zu guten Frauen.

Sie drehen viel „Tatort“ und „Polizeiruf“? Weil das gutes Fernsehen ist?

Schon, auch wenn es Ausreißer gibt. Ich fühle mich zumindest gut aufgehoben.

Gucken Sie das auch?

Nein. Ich möchte eigentlich keiner von den Schauspielern sein, die keinen Fernseher haben. Am Anfang meiner Laufbahn habe ich viel Mist gedreht – weil ich keinen Fernseher hatte. Mittlerweile steht er da, aber ich schalte selten ein.

Und was gucken Sie?

Ich habe gerade zum ersten Mal „Berlin – Tag & Nacht“ geguckt. Auf dem Weg zum Fernsehpreis hatte ich mit dem Produzenten zusammen im Shuttle gesessen. Da hat er behauptet: Wenn man sich ansieht, was seine Laiendarsteller da improvisieren, müssten sich einige Schauspieler warm anziehen. Totaler Quatsch. Die spielen so unfassbar schlecht. Ich hab mich auch gewundert, dass Leute sich über das Niveau der Preisverleihung beschweren. Das Fernsehprogramm ist doch noch 1000-mal niveauloser, insofern fand ich die Veranstaltung mit Cindy aus Marzahn und Olli Pocher als Moderater absolut repräsentativ. Das merkt man schon auf dem roten Teppich. Meinen Sie, da hat einer ein Foto von mir gemacht? Oder von Susanne Wolff, die dann sogar als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde? Da werden nur die Leute fotografiert, die man aus dem Dschungel kennt.

„Grenzgang“ ist von teamworx produziert, Nico Hofmanns Firma für Betroffenheits-TV mit Veronica Ferres.

Wenn ich ehrlich bin, bin ich da auch drüber gestolpert. Das Drehbuch hat mich aber überzeugt.

Im Roman hat „Grenzgang“ noch eine weitere Ebene, in der Ihre Geschichte noch sieben Jahre weitergedreht wird. Der Film erzählt das nicht mehr.

Dann hätte ich mir meine Glatze ja sogar noch größer rasieren müssen. Irgendwann ist auch gut.

Eine gute Arbeit von Ihnen lief gerade im Fernsehen: der Endzeitfilm „Hell“. Hätten Sie Lust, mehr Genrefilme zu drehen?

Ich würde gern mal einen Splatterfilm drehen. Lange Zeit hatte ich Kontakt zu Jörg Buttgereit. Aber der will keine Filme mehr machen. Was gibt’s noch für Genres? Porno? Das würde mich nicht interessieren.

Lars von Trier hat gerade einen gedreht: „Nymphomaniac“.

Für Lars von Trier würde ich natürlich auch einen Porno drehen.


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