Beatles helfen Gitarristen über Scheidung hinweg Al di Meola erfüllt sich Lebenstraum

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Magier an den Saiten: Al di Meola erfüllte sich mit seinem Beatles-Album einen Traum.Foto: Uwe LewandowskiMagier an den Saiten: Al di Meola erfüllte sich mit seinem Beatles-Album einen Traum.Foto: Uwe Lewandowski

Osnabrück. Er gilt als Derwisch auf den Saiten, als Meister seines Fachs: Der italienischstämmige New Yorker Al di Meola gehört seit nunmehr 40 Jahren zur Weltspitze der Gitarristen. Mit allen Größen des Jazz, Pop und Rock hat der 59-Jährige zusammengespielt und legendäre Alben aufgenommen. Sein aktuelles Werk widmet der musikalische Globetrotter seinen frühen Idolen, den Beatles. Darüber, aber auch über seine Affinität zu Deutschland spricht di Meola im Interview mit unserer Zeitung.

Al, man sieht Sie oft in Deutschland, besonders in München.

Oh ja. Ich habe viele Freunde in München wie zum Beispiel Leslie Mandoki. Und meine Freundin lebt hier. Ich denke immer öfter darüber nach, mir in München ein Apartment zuzulegen. Ich liebe diese schöne Stadt und die Nähe zu den Alpen. Und natürlich bin ich ein Fan vom Oktoberfest.

Trinken Sie als Italo-Amerikaner überhaupt Bier?

Ich liebe es, Bier in Deutschland zu trinken. Aber ich genieße auch gerne einen guten Wein. Im Moment brauche ich allerdings eine ganze Kanne Kaffee, um den Jetlag zu verkraften. (lacht)

Wie leben und fühlen Sie Ihre italienischen Wurzeln?

Sehr stark. Wir wuchsen schließlich mit italienischer Küche auf und verbrachten jedes Wochenende bei unseren Verwandten in Little Italy in Brooklyn. Meine Umgebung war italienisch dominiert, ich hatte eine wundervolle Kindheit.

Und das mitten in New York.

Genau. Da erlebst du zugleich die große Welt, gehst in Museen, Rockkonzerte oder zu den Songwritern nach Greenwich Village. Als ich 16 war, hing ich viel in Latin-Clubs ab – das hat sicher meine Vorliebe und mein Interesse für diese Musik geweckt. Latin eröffnete mir die große Welt der rhythmischen Variation.

Wann hielten Sie Ihre erste Gitarre in Händen?

Ich fing mit acht Jahren an, Gitarre zu spielen. Mein erster Lehrer war der Typ aus dem Gitarrenladen. Zuerst hatte ich eine billige akustische, danach eine billige elektrische Gitarre aus Japan. Als ich besser und die Sache ernsthafter wurde, überredete der Lehrer meine Eltern, mir zu Weihnachten eine Guild „Starfire“ zu kaufen, die damals eine gute Gitarre war. Mein Unterricht lief perfekt, weil ich die damals aktuellen Pop-, Rock- und Surfsongs, aber auch Jazzharmonien lernte. Später ging ich dann zum Berklee College of Music, und die Sache wurde immer professioneller.

Haben Sie sich je einen Finger gebrochen oder gestaucht?

Nein, Gott sei Dank nie.

Was ist mit gebrochenen Nägeln?

Man sollte eben mit Plektrum spielen. (lacht)

Sind Ihre Finger versichert?

Nein, bisher nicht. Aber ich habe jemanden in München gefunden, der praktisch alles versichert. Ich sollte es tun, aber in solchen Dingen bin ich sehr nachlässig.

Sie haben gerade Ihr neues Album „All Your Life“ veröffentlicht, das den Beatles gewidmet ist. Worin liegt deren Magie?

Der Eindruck, den die Beatles weltweit hinterließen, als sie bekannt wurden, war etwas ganz Besonderes. Es gab vorher nichts, was so einzigartig, stark und neu war – in jeder Hinsicht. Meine sieben Jahre ältere Schwester brachte die Musik zum ersten Mal ins Haus. Das war eine aufregende Zeit, weil es diese Hysterie um die Band und die Musik gab. Ich erinnere mich daran, dass die Beatles in der landesweit ausgestrahlten Ed-Sullivan-Show spielten. Das war ihr Durchbruch in den USA. Obwohl ich noch zu jung war, erkannte ich, dass ihre Musik eine Qualität jenseits der üblichen simplen Popmusik besaß.

Inwiefern?

Es gibt diese wunderschön harmonisierten Gesangsparts, diese genau definierten Melodien und eine interessante Songstruktur, die – je erfolgreicher sie wurden – immer raffinierter wurde. Es geht mir nicht um einen Nostalgie-Trip, sondern um Qualität. Ich hatte schon lange den Drang und den Traum, etwas mit der Beatles-Musik zu machen. All die Jahre habe ich in meine Konzerte immer irgendeine Phrase der Beatles eingebaut, und sofort erhielt ich eine Reaktion vom Publikum, weil jeder diese Musik kennt. Auf dem vorletzten Album „Persuit Of Radical Rhapsody“ nahm ich zusammen mit Charlie Haden eine elektrische Version von „Strawberry Fields Forever“ auf und dachte: Warum machst du nicht mal ein ganzes Album?

Was war denn konkret der Auslöser, um das Beatles-Album endlich aufzunehmen?

Als ich im Mai 2012 auf Tour war und gerade meine Scheidung durchlebte, fühlte ich mich elend in irgendwelchen Hotelzimmern und überlegte, wie ich aus diesem Tief wieder herauskommen könnte. Ich schaffte es, indem ich mir diesen Traum erfüllte. Ich fing an, einige Songs im Studio zu interpretieren. Dann kam mir der Gedanke: Warum eigentlich nicht Abbey Road? Ein Freund in London half mir dann, den Kontakt aufzubauen.

Sahen Sie das Abbey Road Studio zum ersten Mal?

Ja. Ich stand schon ein paar Mal davor, wenn ich London besuchte, aber ich war nie drin. Und
ich wusste auch nicht, ob es noch in Betrieb war. Mein Freund sagte, dass dort noch alles funktioniert und sogar das alte Inventar und Equipment vorhanden waren.

Welches Gefühl überkam Sie?

Ein Gefühl, das ich nicht mehr hatte, seitdem ich ein kleiner Junge war, der zum ersten Mal Disney World besuchte. Es war derselbe Nervenkitzel. Ein Traum ging in Erfüllung. Und die Atmosphäre der Beatles war noch spürbar. Der Klang im
Studio ist einer der besten und magischsten, den ich je gehört habe.

Sind Beatles-Song besonders geeignet für Interpretationen?

Auf jeden Fall. Sie haben immer diese wiedererkennbaren Melodien, die Menschen auf der ganzen Welt begeistern. Es gibt Tausende Interpretationen und Duplikate von diesen Songs. Natürlich wollte ich sie nicht kopieren – da könnte ich niemals das Original erreichen, außerdem sangen sie ohnehin besser als ich. Aber eine Adaption als Hommage in der Art, wie ich meine Phrasen spiele, ist sehr persönlich. Um das hervorzuheben, wollte ich eine sehr pure Produktion. Man ist ja immer versucht, im Studio hier noch Keyboards, da noch Orchester und Percussions einzubauen, gerade wenn es um so vermeintlich einfach gestrickte Songs geht. Aber ich erkannte, dass der Fokus auf der Gitarre liegen müsse.

Welcher ist Ihr Lieblingssong der Beatles?

Ach, da gibt es zu viele. Am liebsten hätte ich 50 Songs aufgenommen. Ich liebe „Fixing a Hole“ und „It’s Getting Better“.

Die sind aus der späten Phase.

Ja, aber genauso mag ich „Ticket To Ride“, „Paperback Writer“, „Norwegian Wood“ und „Nowhere Man“. Die Liste ist endlos.

Hatten Sie mit Paul McCartney oder Ringo Starr vorher über Ihr Projekt gesprochen?

Mit Paul unterhielt ich mich mehrmals. Er war zu der Zeit zufälligerweise mein Nachbar.

Wo denn?

In Hamptons auf Long Island.

Das müssen Sie uns ausführlicher erzählen.

Gerne. Als ich das Projekt im Mai 2012 startete, konnte ich erst einmal nur drei Songs in Abbey Road aufnehmen, weil ich meine Tour beenden musste. Am Ende des Sommers brauchte ich eine Pause. Ich hatte die Idee, mir für ein paar Wochen ein Haus in Hamptons zu mieten, um dort in Ruhe den Rest der Beatles-Songs zu arrangieren. Sie müssen wissen, dass es auf Long Island Hunderttausende Häuser und Villen zu mieten gibt. Trotzdem gab es kaum noch Angebote. Schließlich rief mich der Makler an, und wir besichtigten eine Villa. Er sagte: Ach, übrigens, neben dem Haus wohnt ein sehr berühmter Musiker. Er wollte mir den Namen aber noch nicht verraten. Ich meinte: Los, Sie machen mich wahnsinnig. Dann nannte er den Namen Paul McCartney.

Das nenne ich Schicksal.

Ich bekam Gänsehaut und hatte Tränen in den Augen. Das war ein magischer Moment. Erst recht, als ich zum ersten Mal die Strandstraße entlangfuhr und er vor seinem Haus stand. Können Sie sich das vorstellen: Ich arbeite an seinen Songs, und der Typ wohnt direkt neben mir. Was für ein Zufall! Ich habe das Haus dann noch zweimal gemietet und mit ihm ein paar Dinge durchgesprochen. Es war wie ein surrealer Traum.

Schon mit 19 Jahren wurden Sie von Chick Corea in dessen Band „Return To Forever“ mit Stanley Clarke und Lenny White geholt. Ahnten Sie, dass Sie das Jazz-Paradies betreten?

Ja, sicher. Das war für mich damals die beste Jazzband und der interessanteste Platz für einen Gitarristen. Was auch immer sie dachten, wo ich in meiner musikalischen Entwicklung steckte, für mich bedeutete es, dass ich mich mit diesen Riesen viel schneller entwickeln konnte. Schon ein Jahr später komponierte ich Musik, weil so viel improvisiert und ausprobiert wurde. Ich war nicht länger nur Mitspieler.

Sie haben so viele Meilensteine gesetzt. Wie schwer ist es für Sie heute, Ihrem eigenen Anspruch gerecht zu werden?

Sehr schwer. Die ersten drei Platten waren noch leicht, weil es nichts gab, das man damit vergleichen konnte. In mehr als 28 Alben konnte ich meine musikalische Welt etablieren und zeigen, wer ich bin. Auf diese Weise habe ich mir einen großen Freiraum geschaffen. Ich musste erst meinen Stil entwickeln, meine Kompositionen und einen Ruf erarbeiten. Das Beatles-Projekt ist da etwas ganz anderes, als die Leute von mir erwarten.

In den Charts findet sich kaum Jazz. Enttäuscht Sie das?

Nein, ich kann das doch verstehen. Viele Jazzmusiker, auch wenn sie hervorragend spielen können, verlieren den Kontakt zum Publikum. Wenn ein Solomusiker zu lange seine Improvisationen spielt, kann er das Publikum verlieren. Oder wenn die Komposition nicht stark genug ist. Popmusik ist einfach auf der Höhe der Zeit und immer melodisch. Es bringt dich schnell in Stimmung. Ich habe immer versucht, mir davon auch etwas zu eigen zu machen. Gleichzeitig sollten die Werke nicht langweilig und simpel sein. Das ist eine schwierige Gratwanderung.

Nächstes Jahr erreichen Sie die 60. Wie fühlt sich das an?

Schrecklich, eine der schlimmsten Erfahrungen überhaupt. Ich fühle mich kopfmäßig wie 30, aber ich merke, dass mein Körper mir etwas anderes signalisiert. Das ist ein Schock für mich. Meine Freundin ist 26 Jahre jung – das ist ein großer Trost und macht das Alter für mich erträglich. Und sie ist eine Deutsche – das ist noch eine gute Seite an ihr. (lacht)

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Das bleibt ein Geheimnis.

Ist der große Altersunterschied kein Problem?

Ach, lassen Sie uns lieber weiter über Musik sprechen.

Okay, kennen Sie einen Musikerwitz?

Klar, sehr viele, aber ich vergesse sie schnell wieder. Den kürzesten Witz kann ich aber bieten: Geht ein Jazzer an einer Bar vorbei.

Sie haben zwei Töchter: Machen die auch Musik?

Nein, nicht wirklich. Die eine hat aber immerhin Gesangsunterricht genommen, die andere ist nicht so daran interessiert. Sie wollen wohl auf keinen Fall mit Daddy konkurrieren. Ich wünschte, sie würden mehr Interesse zeigen. Aber das können Eltern nun einmal nicht vorschreiben. Der Wunsch, Musik zu machen, muss aus dir selbst kommen.

Was geben Sie Ihnen dann mit auf den Weg?

Einfach Liebe und Geld. „Daddy, ich brauche was“ sind die Worte, die ich fast jeden Tag von ihnen höre. (lacht)

Al di Meola live:

25. Mai 2014, Theater Osnabrück


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN