Sprecherin Heike Hagen Small Talk mit Siri – und der Stimme dahinter

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Osnabrück. Heike Hagen ist die Stimme hinter der Apple-Sprachassistentin Siri. Allerdings ist es schwer, ihre Stimme nicht schon einmal irgendwo gehört zu haben.

Siri schreit. Ihre sonst so freundlich klingende Stimme kreischt, quietscht und brüllt. In „Die Nacht der unheimlichen Bestien“ („Return of the killer shrews“) gibt es für Siri anscheinend wenig zu lachen. Für Heike Hagen umso mehr. Sie hat beiden, der angsterfüllten US-Schauspielerin im Horrorstreifen und der bei Apple-Fans so beliebten Sprachassistentin Siri , ihre Stimme geliehen.

Siri ist Kult. Wie eine Sekretärin gibt der Spracherkennungsdienst von iPad und iPhone Überblick über den Terminkalender und lässt sich E-Mails diktieren, wie eine Freundin muntert Siri auf, scherzt oder stellt Gegenfragen. Wird sie gefragt: „Wie siehst du aus?“, fragt Siri: „Ist dir mein Aussehen wichtig?“ Auf die Aufforderung, sie soll helfen, eine Leiche zu verstecken, schlägt sie sogleich Müllhalden, Wasserreservoirs, Bergwerke und Sümpfe als mögliche Orte vor oder fragt trocken: „Schon wieder?“

Sie kennt das Adressbuch ihres Besitzers und den Sinn des Lebens. Nicht, dass sie ihn verraten würde: „Das kann ich im Moment nicht beantworten. Wenn du mir jedoch etwas Zeit gibst, schreibe ich ein sehr langes Theaterstück, in dem absolut nichts passiert.“ Diese Momente der Schlagfertigkeit unterscheidet die interaktive Sprachsteuerung Siri (Abkürzung für „Speech Interpretation and Recognition Interface“, übersetzt heißt das etwa so viel wie „Spracherkennungssystem“) von anderen kostenlosen Hilfsprogrammen wie den Android-Apps Vlingo, Aivc oder Jeannie. Wer es aber übertreibt und dem virtuellen Wesen gleich eine Liebeserklärung macht, wird abgewimmelt: „Ich hoffe, das sagst du nicht zu all deinen Mobiltelefonen.“

Man weiß nie, wie die digitale Assistentin beim Small Talk von Mensch zur Maschine reagiert. Sie scheint das gesprochene Wort wirklich zu verstehen. Und das macht die Software so menschlich. Das – und ihre charakteristische Stimme.

Apples Geheimnis

Apple macht ein großes Geheimnis daraus, wer die Frau ist, die Siris schlagfertige Antworten eingesprochen hat. Dass die Identität der Siri-Sprecherin geheim blieb, löste einen regelrechten Personenkult aus. Einige Facebook-User kamen schon 2011 dahinter: So manchem fiel der Gleichklang der Air-Berlin-Ansage und Siris freundlich-bestimmendem Unterton auf. Die Frau hinter der Air-Berlin-Stimme ausfindig zu machen war nicht schwer: Es war Heike Hagen, eine professionelle Sprecherin mit einem Tonstudio in Berlin .

Heike Hagen ist groß, schlank und blond. Sie sieht so aus, wie man sie sich vorstellt – eine angenehme Erscheinung. Wenn man sie sieht, kommt sie einem bekannt vor, wenn man sie mit der unverkennbar klaren Stimme sprechen hört , weiß man, dass man sie kennt: als digitale Apple-Assistentin, als „Anna“ aus dem Navigationsgerät, als Air-Berlin-Stimme aus dem Off, aus Radiojingles, Fernsehspots und 50000 Minuten TV-Dokumentationen und -serien. Auf ihrem Internetauftritt gibt es allerdings keine Hinweise auf Siri. Den Grund will die „ Bild“-Zeitung kennen: Die 43-Jährige darf sich anscheinend wegen einer strengen Verschwiegenheitsklausel selbst nicht Siri nennen.

Der Name „Siri“ bedeutet in den skandinavischen Sprachen „siegreich“, auf Swahili heißt es „geheimnisvoll“. Und auch die Geschichte von Siris Entstehung ist ein Mysterium: Bei einem Casting für eine Navigationssoftware soll Hagen unter mehr als hundert Sprechern ausgewählt worden sein. Doch das Unternehmen habe die Aufnahmen nicht nur für die GPS-Software verwendet, sondern schuf mit ihnen auch eine neue Form von Spracherkennungsdienst: Siri. Nuance Communications, so heißt die Firma, räumte inzwischen ein, dass sie Apple mit der iOS-Sprachassistentin beliefert hat. Apple selbst schweigt dazu eisern.

Hagen ist überall

Mehr als zehn Millionen Menschen in Deutschland sollen Schätzungen zufolge bislang die deutsche Siri genutzt haben – Heike Hagens Stimme ist allgegenwärtig. „Am Anfang war es etwas ungewohnt, ähnlich, wie wenn man als kleines Kind zum ersten Mal gefilmt wird – etwas perplex“, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Dabei hat Heike Hagen schon seit ihrer Kindheit häufig im Mittelpunkt gestanden. „Ich bin in eine Musikerfamilie geboren, wusste von klein auf, wie wichtig es ist, die Stimme zu schulen“, erzählt sie und räuspert sich. „Und ich hab mich schon immer für Fremdsprachen begeistert.“ Das alles kommt ihr bei ihrer Arbeit als Sprecherin zugute. Schon allein für das Einsprechen von GPS-Daten ist beispielsweise ein gewisses Sprachtalent gefordert: Wer Ortsnamen in den jeweiligen Landessprachen einsprechen muss, darf nun einmal nicht zu deutsch klingen. Aber es gibt auch jene Aufnahmen, bei denen keine vollständigen Wörter eingesprochen werden, sondern nur Lautfetzen, die im Nachhinein wie beim Scrabble zu Namen und Sätzen zusammengefügt werden. Denkbar wäre, dass auch die Aufnahmen zu Siri auf diese Weise abliefen.

Die Arbeit der 43-Jährigen ist abwechslungsreich: „Morgen mach ich um 11 Uhr eine Liveschalte von meinem Tonstudio zum WDR als Station Voice, um Livetrailer zu vertonen, danach gibt’s eine Schalte nach München, danach bespreche ich einen Anrufbeantworter per Service-Upload, und am Freitag vertone ich nachmittags eine TV-Dokumentation, und am Sonntag gebe ich einen Workshop für Berufsanfänger, die in Vorträgen mit ihrer Stimme überzeugen wollen“, zählt sie ihre nächsten Engagements auf – fast wie Siri, wenn sie nach dem Terminkalender gefragt wird. Nur antwortet sie flüssiger, weniger abgehackt als ihr virtuelles Alter Ego. Sprachlos wird Heike Hagen erst, wenn sie nach dem neuen Update iOS7 gefragt wird: Das kommt nämlich ohne Siri aus, ganz zum Leidwesen vieler Fans.

Heike Hagen hat wahrscheinlich eine der bekanntesten deutschen Stimmen. Gut für ihre Aufträge, schlecht allerdings für die Nerven. Denn Heike Hagen kann ihrer eigenen Stimme nicht mehr entkommen. Im Flugzeug könne es passieren, dass sie sich die Ohren zuhält, wenn sie ihre eigene Ansage hört. „Ich kann meine eigene Stimme nicht hören – ich werde ständig mit meiner Arbeit konfrontiert“, sagt sie. Der Ausweg: Auf keinen Fall fernsehen. „Wenn ich wirklich einmal abschalten will, dann höre ich lieber den Vögeln und den rauschenden Blättern zu.“


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