Spionin oder Hitlers Geliebte? Arte zeigt Doku über Filmdiva Zarah Leander

Von Tobias Sunderdiek

Um die Filmdiva Zarah Leander rankten sich zahlreiche Gerüchte, zum Beispiel, dass sie einst die Geliebte Adolf Hitlers gewesen sei. Foto: ImagoUm die Filmdiva Zarah Leander rankten sich zahlreiche Gerüchte, zum Beispiel, dass sie einst die Geliebte Adolf Hitlers gewesen sei. Foto: Imago

Osnabrück. War Zarah Leander eine Spionin? Hitlers Geliebte? Oder hat sie gegen die Nationalsozialisten gekämpft? Die Arte-Dokumentation „Die Akte Zarah Leander“ blickt auf die vielen Gerüchte, die sich um die Filmdiva ranken, und enthüllt Details aus Geheimdienstarchiven.

Es war der größte Kassenschlager des Dritten Reiches und wurde zum erfolgreichsten deutschen Kinofilm aller Zeiten: 27 Millionen Zuschauer sahen das Melodram „Die große Liebe“ (1942), begeistert wurde darin Zarah Leander gefeiert. Die matronenhafte Schwedin mit der tiefen Stimme sang darin nicht nur einige ihrer zu Evergreens gewordenen Lieder wie „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ und „Davon geht die Welt nicht unter“ , sondern stellte sich auch in den Dienst der NS-Propaganda. Aber auch willentlich? Oder war sie wirklich nur eine „politische Idiotin“, wie sie sich später selbst titulierte?

1943 jedenfalls geschah etwas, was noch immer Rätsel aufgibt. Die Diva verließ Nazi-Deutschland in Richtung Schweden – und sollte erst nach dem Krieg wieder zurückkehren. Trotz laufender Verträge mit der Ufa und trotz aller Lockangebote von Propagandaminister Goebbels, der ihr gar ein Schloss in Ostpreußen schenken wollte.

Zwar war sie auch in Schweden ein Star, wurde aber auch kritisch beäugt. Die Stimmung des im Krieg neutralen Landes wurde zunehmend deutschfeindlicher, Zarah Leander sah sich Gerüchten und Anfeindungen ausgesetzt. Sie soll sogar Hitlers Geliebte gewesen sein, behaupteten einige. Ein absurdes Gerücht, das sich aber lange hielt und unter anderem dazu führte, dass sie i n Schweden mit einem Radioverbot belegt wurde .

Trotzdem: Es gab genug Gründe für den schwedischen Geheimdienst, sie zu beobachten. Unter anderem ging die Stockholmer Behörde der Mutmaßung nach, die Schauspielerin wolle ihr Privatdomizil an der Ostsee deutschen Truppen zur Verfügung stellen, sollten diese Schweden angreifen. Und: Welche Verbindung besaß die Leander zu Juden und Kommunisten? Schließlich war die Sängerin bereits 1935 in die Sowjetunion gereist, besaß viele linke Freunde und verkehrte 1937 in Wien, wo sie Bühnenerfolge feierte, mit deutschen Emigranten. So füllten sich seit Ende der 30er-Jahre Akten über den schwedischen Star.

Und auch in Berlin setzte Goebbels Agenten auf sie an. Angeblich wurde sie gar einmal von der Gestapo verhört. Belegt sind zumindest Schnüffeleien über das Privatleben der Schauspielerin, das übrigens, wie die meisten ihrer Rollen, so ganz und gar nicht dem NS-Ideal einer deutschen Frau entsprach: Zarah Leander war alleinerziehende Mutter, beruflich stand sie ihren Mann, und sie führte ein Leben in Luxus. Lebensumstände, die sich für deutsche Frauen angeblich nicht ziemten.

2001 kam es schließlich zu einem überraschenden Dokumentenfund. In Schweden fanden sich Protokolle, die nahelegten, Zarah Leander hätte für die Sowjetunion spioniert. War die in Luxus schwelgende Filmschauspielerin in Wirklichkeit gar eine Kommunistin? Zarah Leander verneinte in Interviews stets irgendeine Verbindung zu Geheimorganisationen. Und tatsächlich: Bis heute fanden sich in Moskauer Archiven keine Bestätigungen für diese Behauptungen. Bleibt die Frage: Was ist also Wahrheit? Was Dichtung?

Dramaturgisch spannend mit dieser Frage verwebt, gestaltet sich die Arte-Dokumentation von Torsten Striegnitz und Simone Dobmeier dabei aber auch zu einer aufregenden Spurensuche, was den Mythos der „zweiten Garbo“ angeht. Unterstützt werden sie dabei von gelungenen Animationen des Künstlers Ali Soozandeh und kompetenten Interviewpartnern, darunter die Filmwissenschaftler George Seeßlen und Paul Seiler, der das wohl größte Privatarchiv zu Zarah Leander besitzt und mehrere Biografien über sie schrieb.

Und sie untersuchen den Einfluss der Leander auf die Popkultur. Unvergessen bleibt etwa Nina Hagens Interpretation des Songs „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ oder Zarah Leanders Einfluss auf die schwul-lesbische Szene , die sie längst zum „queeren Camp-Star“ adaptierte.

Eins ist jedoch klar: Auch 106 Jahre nach ihrem Geburtstag und 32 Jahre nach ihrem Tod lebt der „Mythos Zarah Leander“ weiter. Auch dank solcher Dokumentationen. Nächste Woche setzt Arte die Reihe mit der „Akte Beethoven“ fort und untersucht unter anderem die rätselhafte Krankengeschichte des Komponisten.

„Die Akte Zarah“, Arte, 22.00 Uhr