Kirchen und das Internet Das Kreuz mit dem Netz

Netzangebote für Christen gibt es viele, darunter auch Partnerbörsen. Dennoch: Das Internet hat die Arbeitswelt verändert und etwa dem arbeitsfreien Sonntag zugesetzt. Foto: ImagoNetzangebote für Christen gibt es viele, darunter auch Partnerbörsen. Dennoch: Das Internet hat die Arbeitswelt verändert und etwa dem arbeitsfreien Sonntag zugesetzt. Foto: Imago

Berlin. Schon lange wird nicht mehr nur über die fantastischen Möglichkeiten des World Wide Web geschwärmt, sondern vor allem in Deutschland auch über Gefahren und Risiken von Online-Beziehungen und -Existenzen diskutiert. Kein Wunder also, dass sich auch die Kirchen darum kümmern, wie es den Seelen im Netz geht. Eine Tagung der Evangelischen Akademie Berlin hat sich die Frage gestellt: Wie wirkt das Netz?

Für Ralf Meister, Bischof der Hannoverschen Landeskirche, sind die Neuen Medien ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sind sie ein Segen. Gerade das Hochwasser im Juni habe gezeigt, wie moderne Kommunikation dazu beitragen kann, Solidarität zu organisieren. Auf Facebook-Seiten wurden Hilfegesuche etwa nach Notquartieren gepostet, die kurze Zeit später schon positiv beantwortet wurden. Für Bischof Meister ein Beweis für die Existenz eines „Empathie-Netzwerkes“.

Damit trage das Internet beinahe schon religiöse Züge. Auch Jesus forderte Nachfolge, so wie heute Twitter, Facebook und andere soziale Medien. Nur gebe es anders als zu Jesu Zeiten heute eine neue Dynamik. Kommunikation ist heute global und funktioniert fast in Echtzeit. Und anders als Jesus, der sich für seine Botschaft sogar kreuzigen ließ, stehe hinter dem geposteten Wort heute keine Person mehr, die sich zu verantworten habe. Jeder darf alles sagen und schreiben, ohne dafür in der Regel persönliche Konsequenzen tragen zu müssen.

„Es entsteht eine Gegenöffentlichkeit ohne Bremsen und ohne Filter. Darin kann man einen ungeheuren Gewinn an Autonomie und ein Beispiel enthierarchisierter Kommunikation sehen.“ Andererseits führten Entrüstungsstürme im Netz oft zu „großen Mengen extremer Hasskommentare“, so Meister. „Darin ist das Netz eben auch eine Welt der großen Logorrhoe geworden. Es ist eine krankhafte Sprachausbreitung.“ Das ist für den Lutheraner das Kreuz mit dem Netz. Meister selbst hat zumindest mit Antritt seines Bischofsamtes seinen Facebook-Account gelöscht. Er möchte lieber mit seinen Schäfchen analog Aug in Aug kommunizieren.

Aber die medial-technische Entwicklung lässt sich durch Verzicht kaum aufhalten. Die Kirchen müssen der Tatsache ins Auge schauen, dass die modernen Medien nicht nur den All-, sondern auch den Feiertag beherrschen. Der arbeitsfreie Sonntag etwa ist ein Relikt aus dem analogen Zeitalter.

Der Sonntag sei der stärkste Tag im Online-Einkauf, berichtet Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin Brandenburg. „Selbstverständlich kann sich heute kein Anbieter mehr leisten, 24 Stunden zu warten“, fährt er fort. Natürlich werde in den Logistikzentren auch an den Wochenenden gearbeitet. „Es ist heuchlerisch zu sagen, die Läden müssen am Sonntag zu bleiben, aber der Handel online geht munter weiter“, auf 24 Stunden sieben Tage die Woche ausgeweitet. Wer sonntags in den Gottesdienst gehe und anschließend online shoppen, unterstütze diese Entwicklung. Gerade die Kirchen aber müssten auf diese radikalen Veränderungen auf dem Konsummarkt eine sinnvolle Antwort finden.

Sabria David betreibt in Bonn das Slow-Media-Institut . Sie rät Firmen, dass weniger Kommunikation oft mehr ist. „Das berufliche Feld ist über die digitalen Techniken auf 24 Stunden sieben Tage die Woche ausgeweitet“, so ihr Befund. Verantwortungsvolle Chefs würden von ihren Untergebenen nicht den totalen Stand-by-Modus fordern, findet David. Und auch während der Arbeitswoche lassen sich Datenströme reduzieren. Es gibt bereits Unternehmen, die bei der internen Kommunikation komplett auf E-Mails verzichten, weil manche Mitarbeiter bis zu 25 Wochenarbeitsstunden nur mit der Bearbeitung der elektronischen Post beschäftigt waren.

Ob nun auch im Landeskirchenamt von Hannover auf E-Mails verzichtet wird, sagt Bischof Ralf Meister nicht. Nur rät er dringend dazu, die alte christliche Tradition des Fastens auch auf den Medienkonsum anzuwenden . Wer einmal in der Woche oder vielleicht sogar ganz biblisch sieben Wochen verzichtet und offline lebt, bekommt den Kopf frei für anderes. Denn der Mensch sei mehr als nur die Summe der Informationen über ihn. Hinter jedem Menschen stecke auch ein Geheimnis, und das könne man eben nur analog entdecken. Manche nennen das dann auch ganz einfach Liebe.


0 Kommentare