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Vom Schlüpfrigen zu Donna Leon Regisseur Sigi Rothemund begann seine Karriere in den 70er-Jahren mit Softpornos

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<em>Im neuesten Fall</em> von Commissario Brunetti (Uwe Kockisch, links) führte Sigi Rothemund wieder Regie – schon zum 17. Mal. Begonnen hat er seine Karriere mit Sexfilmchen in den 70er-Jahren. Foto: ARD/Degeto/BR/Nicolas MaackIm neuesten Fall von Commissario Brunetti (Uwe Kockisch, links) führte Sigi Rothemund wieder Regie – schon zum 17. Mal. Begonnen hat er seine Karriere mit Sexfilmchen in den 70er-Jahren. Foto: ARD/Degeto/BR/Nicolas Maack

Osnabrück. Mord in Venedig: Erneut ermittelt Commissario Brunetti (Uwe Kokisch) Samstagabend in der ARD in einem Krimi nach Donna Leon. Doch spannender als der eher behäbige Fernsehfilm ist die Biografie seines Regisseurs Sigi Rothemund. Der begann wie viele andere im Sexfilmgeschäft. Und wird neuerdings von Filmfans neu betrachtet.

Es gab eine Zeit im deutschen Kino, in der sich „Supernasen“ auf „Sexhasen“ reimte. In der unterm Dirndl gejodelt wurde und dabei den Titel „Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd‘“ Lügen strafte. Willkommen in den 70er-Jahren, als über die Kinos die Sexfilmwelle wogte. In einer Phase des deutschen Filmschaffens also, in der spätere TV-Lieblinge wie Sascha Hehn, Ingrid Steeger oder Peter Steiner so manchen „Matratzentango“ tanzten, in denen Konstantin Wecker und Friedrich von Thun im Schulmädchen Report“ auftraten: Sie waren halt jung und brauchten das Geld. Jung war damals auch Sigi Rothemund. 1944 nahe Hof geboren, lernte er nach der Schule das Filmhandwerk als Regieassistent, etwa bei Franz Marischka („Wenn die prallen Möpse hüpfen“, „Lass jucken, Kumpel!“), Peter Weck („Wenn mein Schätzchen auf die Pauke haut“) oder bei der TV-Serie „Der Kommissar“.

1973 folgte sein Regiedebüt: „Geh, zieh dein Dirndl aus“ war eine jener Lederhosen-Sexklamotten, mit denen dem Fernsehen Paroli geboten werden sollte. Danach drehte Rothemund wie am Fließband Filme nach ähnlichen Muster, „bumsfidele“ Sex-Schwänke wie „Alpenglühn im Dirndlrock“, „Drei Schwedinnen in Oberbayern“ oder „Bohr weiter, Kumpel“. Ganz geheuer war Rothemund als Jungregisseur bei „Papas Kino“ diese Art von Filmen nicht. Weshalb er sich das Pseudonym „Siggi Götz“ zulegte – angeblich nach dem Goethe-Zitat aus dem „Götz von Berlichingen“: „Leck mich am A...!“

Götz’ wohl spektakulärster Erfolg war 1977 das Softsexfilmchen „Griechische Feigen“, das dank zahlreicher Videoraubkopien zum Kulthit in der Sowjetunion wurde. Danach drehte er mit dem „Supernasen“-Duo Thomas Gottschalk und Mike Krüger zwei Filme: „Piratensender Powerplay“ (1982) und „Die Einsteiger“ (1985), in dem sich die Helden dank magischer Fernbedienung in Videos reinzappen können. Ein symbolischer Film: Denn Sigi Rothemund wechselte zum Fernsehen, legte sein Pseudonym ab und inszenierte da „Timm Thaler“ (1980) und viel Dutzendware, etwa für TV-Serien wie „Praxis Bülowbogen“ und „Hafendetektiv“ oder 17-mal „Donna Leon“. 95 Titel verzeichnet die „Internet Movie Database“. Es ist der stolze Ausstoß eines Workaholics.

Ist Götz/Rothemund ein unbesungener Held des deutschen Film- und TV-Schaffens? Nicht ganz. So reißt der Münchener Filmjournalist Ulrich Mannes Siggi Götz und seine damaligen Stars und Regiekollegen aus dem Nebel des Vergessens, indem er die Zeitschrift „Sigi Götz Entertainment“ (kurz: „SGE“) herausgibt. Über die Initialzündung sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung, dass das Ganze keine „cineastische Publikation“ sein sollte, sondern konzipiert wurde als „eine Mischung aus Fanzine und Satirezeitschrift“. Eine schöne Beschreibung auch für den Inhalt: Gewürdigt wird da „Kommissar“ Erik Ode ebenso wie das „SGE-Glamour Girl“ Katja Bienert („Lolita am Scheideweg“). Oder es findet sich darin ein Interview mit Rothemunds Schauspielerin und Ex-Frau Margit Geissler („Nackt und heiß auf Mykonos“), die inzwischen ein Bordell betreibt. Längst haben die Hefte Kultstatus erreicht, und vergriffene Ausgaben sind inzwischen heiß begehrt. Vor ein paar Tagen erschien „der zweiundzwanzigste Wurf“ (zu beziehen unter: http://www.sigigoetz-entertainment.de). Ein Erfolg also. Als Ergänzung empfiehlt sich übrigens das Buch „Alpenglühn 2011“ (Verbrecher-Verlag, 12 Euro), ein „Dialog zum deutschen Erotikkino“ (Untertitel) und über Siggi Götz zwischen einem Filmwissenschaftler (ein Alter Ego seines Autors Ulrich Mannes) und dessen Nachbarin. Ein höchst amüsantes Gespräch über ein oft schamhaft verschwiegenes Kapitel deutscher Filmgeschichte.

Anders als etwa Sascha Hehn oder Ingrid Steeger geht Sigi Rothemund mit seiner Sexfilmvergangenheit allerdings nicht offensiv um. Dazu Mannes: „Sigi Rothemund hat sich meines Wissens noch nie zu Sigi Götz Entertainment geäußert, zumindest nicht öffentlich, so wie er sich immer noch um jede Stellungnahme zu seiner Vergangenheit drückt.“ Kontaktaufnahmeversuche blieben bislang ohne Ergebnis: „Inzwischen finde ich diese Distanz richtig für den SGE-Mythos.“

Die bei Fans ruhmreiche Vergangenheit bleibt aber. Sogar bei einem englischsprachigen Blogger, der „ganz bestimmt ohne Hintergrundwissen“ (Mannes) schrieb: „Siggi Götz is a perfect name for a dirty old German man.“

Donna Leon: Auf Treu und Glauben, ARD, 20.15 Uhr


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