Audiodateien und Transkriptionen Auschwitzprozess: Zeugenaussagen online veröffentlicht

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Erschreckende Aussagen sind auf den Tonbandmitschnitten aus dem ersten Frankfurter Auschwitzprozess zu hören. Zeugen schildern, wie Menschen umgebracht und gefoltert wurden. Nun sind diese Original-Aussagen vom Fritz-Bauer-Institut als Audiodateien online veröffentlicht wurden.

Imrich Gönczi war 17, als er nach Auschwitz kam und sein Vater erschossen wurde: „Eines Tages auf diesem Arbeitsplatz ist zu ihm ein SS-Mann gekommen, den ich nicht mit Namen kenne, es war ein Posten. Hat die Mütze meines Vaters weggenommen und weggeschmissen. Und wie mein Vater sich die Mütze holen wollte, hat er ihn erschossen. Das war mein erster Eindruck von Auschwitz.“

Die Tonbandmitschnitte des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses sind eindrucksvoll und beklemmend. Täter kommen zu Wort, aber vor allem bekommen die Opfer eine Stimme und ein Gesicht. Erstmals wurden sie in dem Prozess gehört, der von 1963 bis 1965 in Frankfurt am Main stattfand und damals der größte Schwurgerichtsprozess der westdeutschen Nachkriegsgeschichte war. Damit fand zum ersten Mal eine Auseinandersetzung in Deutschland mit den Verbrechen in Auschwitz statt. Um diese wertvollen historischen Zeugnisse der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat das Fritz-Bauer-Institut sie jetzt als Audiodateien online gestellt. Die Webseite war nach ihrem Start am Montag einige Tage nicht erreichbar, weil die Server überlastet waren, berichtete Werner Renz, Archivleiter des Fritz-Bauer-Instituts. Zurzeit können deshalb auf der Webseite nur die Transkriptionen ohne Audios angeboten werden. Das Institut arbeite aber mit Hochdruck daran, dieses Problem zu beheben.

Historische Dokumente auf diese Art in Deutschland online zu veröffentlichen, sei eine relativ neue und noch selten genutzte Form, sagt Jochen Oltmer, Historiker am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück, im Gespräch mit unserer Zeitung. Er sieht eine starke Tendenz, in den Neuen Medien historische Zusammenhänge anhand von Biografien aufzuarbeiten.

Die Schicksale einzelner Menschen würden seit Jahren immer weiter in den Mittelpunkt des Interesses rücken und einen hohen Grad an Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Sie sprechen die Menschen damit auf emotionaler Ebene an“, erklärt er. Dadurch, dass sie den Geschichten ein Gesicht geben, eine Stimme, würden sich die Zuhörer, zum Beispiel auch Schüler, dann auch für die weiteren geschichtlichen Zusammenhänge interessieren. Das sei ein wichtiger Schritt in der Vergangenheitsbewältigung, auf der Suche nach dem Warum.

Hermann Langbein wurde 1942 ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Der spätere Chronist des Auschwitzprozesses arbeitete illegal in der Widerstandsgruppe „Kampfgruppe Auschwitz“ und hatte als Häftlingsschreiber Einblicke in alle Bereiche. Dadurch hatte er von Anfang an gewusst, wie viele Tote es jeden Tag gab und dass sie vergast wurden. „Ich habe viel gesehen in Auschwitz. Tote waren für uns eine Alltäglichkeit. Man ist furchtbar hart geworden in Auschwitz, so hart, dass man manchmal Angst gehabt hat, ob man wieder ins normale Leben zurückfindet.“

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der Initiator des Auschwitzprozesses, habe gesagt, dass dieses Verfahren auch wichtig gewesen sei, „damit wir Gericht über uns selbst halten“, berichtet Jochen Oltmer. Lange untergetauchte Täter konnten dadurch vor Gericht gestellt werden. Das jahrelange Schweigen wurde durchbrochen. Während die Täter in dem Prozess als Spießbürger aufgetreten seien und nichts zu sagen hatten, keine Verantwortung übernahmen oder die Täterschaft leugneten, bekamen die Opfer eine Stimme vor Gericht und in den Medien.

Während der Prozess anfangs noch auf den hinteren Seiten der deutschen Zeitungen landete, rückte er im Laufe der Zeit immer weiter nach vorne, bis die Urteilsverkündung schließlich auf der Seite eins landete, also im Mittelpunkt der Wahrnehmung. Und auch heute rücken die Ereignisse durch die neue Form der Aufbereitung im Internet wieder in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit.

Kurt Leischow, Mitglied der SS-Wachtruppe im Konzentrationslager Auschwitz von 1940 bis 1944, sah täglich, wie Menschen abtransportiert wurden und die Kommandos mit Leichen abends wiederkamen. Er bemühte sich lange Zeit, aus dem Lager wegzukommen und wieder an die Front versetzt zu werden: „Stellen Sie sich vor, wenn Sie das dauernd und täglich mit ansehen, wenn die Kommandos rauslaufen. […] Die kommen abends mit Toten auf der Bahre wieder. […] Das kann nicht jeder auf die Dauer ertragen. Das ist zu viel.“ Doch auf die nächste Frage des Richters, ob er nicht etwas hätte verhindern können in seiner Funktion als Wachmann, antwortete er nur: „Was wollen Sie daran verhindern?“

Neben der gewaltigen Aussagekraft der Zeugenaussagen haben die Tonbandmitschnitte eine weitere wichtige Aufgabe: „Die Ära der Zeitgenossenschaft endet“, betont Werner Renz, Archivleiter des Fritz-Bauer-Instituts, im Gespräch mit unserer Zeitung. Immer weniger Zeitzeugen seien noch am Leben, doch ihre Berichte müssten weiterhin zugänglich sein, damit diese Ereignisse nie vergessen werden. Ebenfalls besonders an den Audiodateien sei, dass die Zeugen absolut glaubwürdig seien, schließlich standen sie unter Eid vor Gericht, erklärt Renz.

Der jüdische Arzt Mauritius Berner wurde mit seiner Familie, Frau und drei Töchter, 1944 ins Lager deportiert. Er berichtete, wie er direkt nach der Ankunft in Auschwitz von seiner Familie getrennt wurde, seine Frau und die Kinder sollten in die Gaskammer. Verzweifelt versuchte er, das zu verhindern, indem er Doktor Victor Capesius, einem ehemaligen Bekannten aus seiner Heimat, erzählte, dass er Zwillingskinder habe, die „einer größeren Schonung bedürfen“. Daraufhin ließ Capesius die Frau mit den Kindern zurückrufen und schickte sie zu Lagerarzt Josef Mengele. Dieser hatte kein Interesse und schickte sie fort. Berner war klar, was das bedeutete: „Ich begann zu schluchzen und er (Capesius) sagte auf Ungarisch: Weinen sie nicht, sie gehen baden. In einer Stunde werden sie sich wiedersehen. […] Nie habe ich sie mehr gesehen.“

Es ist eine Sache, Dokumente über Auschwitz zu lesen. Es ist eine ganz andere, die Zeitzeugen darüber sprechen zu hören. Sie versuchen, gefasst zu sein, aber dem Zuhörer wird schnell klar, wie schwer es ihnen fällt, darüber zu reden. Diesen Aussagen zuzuhören ist schwer. Aber sie machen das Grauen greifbarer; ein wichtiger Schritt, es auch in Zukunft nicht zu vergessen.


Anlässlich des 50. Jahrestages des Prozessbeginns haben das Hessische Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden und das Frankfurter Fritz-Bauer-Institut den 430-stündigen Mitschnitt der Zeugenvernehmungen in der „Strafsache gegen Mulka u.a.“ veröffentlicht. Insgesamt waren das 103 Tonbänder und Aussagen von 318 Zeugen, davon 181 Auschwitzüberlebende. Die Tonbänder wurden von studentischen Hilfskräften im Fritz-Bauer-Institut geschnitten, aufwendig waren vor allem die Transkriptionen, die ebenfalls auf www.auschwitz-prozess.de veröffentlicht wurden. Bereits 2004 wurde eine DVD-ROM (100 Minuten lang) mit transkribierten Aussagen veröffentlicht. Daraus entstand die Idee, alle Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN