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Das legendäre Sportstudio-Gespräch – Warum der Boxprinz Norbert Grupe schwieg Eigentlich wollte er zuschlagen


Osnabrück. Die Fußball-Gurus Christoph Daum und Uli Hoeneß beschimpften sich, die Kugelstoßerin Brigitte Berendonk schockte mit Doping-Wahrheiten, und Franz Beckenbauer verspottete ZDF-Reporter als „Zauberer“. Das Sportstudio des ZDF hat Interview-Höhepunkte produziert, doch kein Gespräch aus der Geschichte der Livesendung ist so berühmt wie das, in dem der Studiogast so gut wie nichts sagte: der schweigende Box-Prinz.

Zwei lapidare, kurze Antworten ganz zu Beginn, danach mag Norbert Grupe nichts mehr sagen an diesem 21. Juni 1969. Fünf Fragen stellt Sportstudio-Moderator Rainer Günzler dem Boxer einen Tag nach dessen Niederlage gegen den Argentinier Bonavena, doch Grupe antwortet nicht. Er lächelt spöttisch, schnauft verächtlich, leckt die Lippen und blinzelt aus zugeschwollenen Augen.

Nach zwei Minuten ist der Spuk vorbei, der souveräne Günzler bedankt sich für das Gespräch: „Das war reizend.“ Grupe steht auf und nuschelt im Weggehen: „Ich bedanke mich auch. Es war sehr aufschlussreich und man sieht, dass Sie nach wie vor dem Boxsport mit freundlichen Augen und Worten gegenüberstehen. Recht schönen Dank, Herr Günzler.“

Warum schwieg der Boxer? Ein Jahr zuvor war er schon einmal Gast im Sportstudio gewesen, ebenfalls bei Günzler. Der hatte den Boxer vorgeführt: Als Grupe seinen letzten Kampf aus subjektiver Sicht schilderte, zeigte Günzler einen Zusammenschnitt von Szenen, in denen der Boxer reichlich auf die Augen bekam. Das hatte Grupe derart geärgert, dass er sich vornahm, den Moderator beim nächsten Mal „saudumm“ aussehen zu lassen.

Grupe war der Klaus Kinski des Boxens: unberechenbar, größenwahnsinnig, unzähmbar. Als Junge zog er mit dem Vater in Amerika durch die Catcher-Buden, als „Wilhelm von Homburg“ erwarb er eine Profiboxer-Lizenz. Als er 1962 nach Hamburg zurückkehrte, imitierte er den großmäuligen Stil des jungen Cassius Clay: „Lasst sie kommen – ich hau se alle vorn Kopp.“

Weil zum Showtalent tatsächlich boxerisches Vermögen und ein enormer Mut kamen, füllte er die Schlagzeilen und die Hallen. Ringrichter beschimpfte er als „eigenmächtige Onanisten“, in seinem wichtigsten Kampf streckte er den Gegner nieder – allerdings mit einem verbotenen Kopfstoß. Im Ring trug der Exzentriker schwarze Hosen mit Nerzbesatz.

Grupe tauchte tief ein ins Milieu; Beihilfe zur Prostitution, Körperverletzung, Drogendelikte – fünf Jahre saß er im Knast, sein Lebensmotto: „Alles ist vergänglich – außer lebenslänglich.“ Er versuchte sich als Schauspieler, hatte eine kleine Rolle in einem Film mit Marlon Brando und einem von Regisseur Werner Herzog. Lange galt er als verschollen, bis der Dokumentarfilmer Gerd Kroske den verarmten, vereinsamten Ex-Boxer in Los Angeles aufspürte. Sein Film „Der Boxprinz“ geriet ein bisschen zu schwärmerisch, ist aber das verstörende Porträt eines verrückten, schillernden Lebens. Grupe starb am 10. März 2004 in Mexiko an Krebs, mit 63 Jahren.

Über den Auftritt im Sportstudio hat er vorher lange nachgedacht. Wie Günzlers Kollege Dieter Kürten einmal erzählte, hatte Grupe erwogen, dem Moderator „ein paar an den Hals zu hauen“. Immer wieder habe Günzler betont, dass er mit der Entscheidung Grupes „mehr als zufrieden“ gewesen sei.


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