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Die tägliche Dosis an Geschichte Stichtag-Sendungen: Zeitreise mit dem Radio

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              <em>Das Stichtag-Team</em> des WDR: Michael Rüger (Redakteur, links), Hildegard Schulte (Redakteurin, vorne links), Ronald Feisel (Redaktionsleiter), Claudia Beklas (Sekretärin).<Cust strParam="FH">Foto: WDR</Cust></p>

Das Stichtag-Team des WDR: Michael Rüger (Redakteur, links), Hildegard Schulte (Redakteurin, vorne links), Ronald Feisel (Redaktionsleiter), Claudia Beklas (Sekretärin).Foto: WDR

Osnabrück. Ob Todestage und Geburtstage berühmter Menschen oder Ereignisse, die den Lauf der Welt veränderten: Mittels Stichtag-Sendungen kann man jeden Tag im Radio für kurze Zeit dem aktuellen Geschehen entfliehen und eine Reise an einen bestimmten Tag in die Vergangenheit unternehmen.

Auf Zeitreise kann dabei jeden Tag um 20.15 Uhr in der Sendung „ZeitZeichen“ auf NDR-Info gegangen werden. Produziert werden diese 15 Minuten-Trips in die Vergangenheit allerdings vom Westdeutschen Rundfunk (WDR), laufen hier täglich auf WDR 5 und WDR 3. Zudem sendet WDR 2 täglich die rund vierminütige Sendung „Stichtag“. Und auch das Deutschland Radio hat seine täglichen historischen fünf Minuten: Hier widmet sich die Sendung „Kalenderblatt“ – auf Deutschlandfunk (DLF) um 9.05 Uhr, auf Deutschlandradio Kultur um 5.45 und 11.55 Uhr – ebenfalls einem Jahrestag.

An diesem 1. Juni wären das unter anderem die Gründung des Klosters Corvey im Jahr 822, auch wenn hier der genaue Gründungstag nicht bekannt ist („Zeitzeichen“), die Eröffnung der ersten Jugendherberge der Welt auf der Burg Altena im Sauerland vor 100 Jahren („Kalenderblatt“) oder die Gründung der Banknotendruckerei Giesecke & Devrient am 1. Juni 1852 („Stichtag“).

Die Hörer sind treu, melden sich beispielsweise oft beim Deutschland Radio, um die Manuskripte der Sendungen zu erhalten, oder lesen diese im Internet nach, wie die Kalenderblatt-Redakeurin Hildegard Wenner im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt. „Ich glaube, dass es eine große Lust daran gibt, kleinere Geschichten, die nichts mit dem tagesaktuellen Geschehen zu tun haben, zu hören. Ohne, dass es sich dabei um einen Schulfunkbeitrag handelt.“

Ein anderer Aspekt, der die Hörer reizt, sei die „große Spannbreite an Themen“, sagt Michael Rüger, WDR-Redakteur der Sendung „ZeitZeichen“. „Und selbst wenn einen das Thema zuerst vielleicht nicht so interessiert, bleiben viele dran, weil es spannend erzählt wird. Damit ist die Sendung eine radiofone Wundertüte.“ Nach Manuskripten wird beim WDR allerdings nur noch selten gefragt, seitdem die Sendungen auch als Podcast zu haben sind.

40 Jahre alt ist das „ZeitZeichen“ 2012 geworden. Am Anfang war ein Zettelkasten. In dem sammelte Wolf Dieter Ruppel, Ende der 60er-Jahre Leiter der WDR-Hörfunkredaktion „Heute-Morgen“, Daten über Menschen und Ereignisse, nebst Tonbändern, Audio-Kassetten und Zeitungsausschnitten. Er beschloss, daraus eine Sendung zu machen.

Das erste „ZeitZeichen“ im April 1972 hatte aber mit der heutigen Form nur die Länge von 15 Minuten gemein. Denn statt nur ein Thema zu behandeln, wurde damals an die Belagerung Leningrads 1942, eine gesellschaftspolitische Rede der FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher aus dem Jahr 1967 und ein Chemieunglück in Walsum am 4. April 1952 erinnert. Etwas später wurde die Sendung monothematisch.

Beim WDR wie beim Deutschland Radio muss allerdings sehr darauf geachtet werden, dass das Tagesthema nicht zu regional ist und viele Hörer dadurch außen vor bleiben. Denn sowohl „Zeitzeichen“ wie „Kalenderblatt“ laufen beide über einzelne Bundesländer hinaus. Dass das Thema des Tages bei den verschiedenen Sendungen das gleiche sein kann, ist jedoch kein Problem: „Ist doch interessant zu hören, wie andere Reaktionen dieselbe Geschichte umsetzen“, findet Rüger.

„Die Auswahl der Themen ist eine kleine Sisyphusarbeit“, erzählt Rüger. Zwar haben man in den Datenbanken alle Themen seit 1972 und bemühe sich, nicht das gleiche Thema wie vor fünf Jahren zu machen. „Wenn wir dann aber ein Thema wiederholen, versuchen wir, einen anderen Zugang zu finden, sodass wir nicht einfach das Band von damals noch mal auflegen.“

Zu 60 Prozent widmen sich „Zeitzeichen“ und „Stichtag“ demselben Thema, erklärt Rüger. Das ergibt durchaus Sinn, haben beide Sendungen doch seit 2004 dieselbe Redaktion im Hintergrund. „Unterschiedliche Themen sind dann zumeist den verschiedenen Hörerkreisen der Sender geschuldet. Der ,Stichtag‘ ist etwas bunter und politischer, das ,Zeitzeichen‘ etwas kultureller.“

Das „Kalenderblatt“ – seit Oktober 2004 eine Fusion aus der Sendung des DLF „Wir erinnern“ und dem „Kalenderblatt“ des Deutschlandradio Kultur – arbeitet ähnlich: Es wird geschaut, was an dem Tag wichtig ist – und, so Wenner, welches Thema man dann „radiofon in der kurzen Zeit umsetzen kann. Wir haben ja leider nur diese fünf Minuten“. Gerne wählte die Redaktion dabei auch Themen aus, die „Geschichte aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel beleuchten“.


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