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Stimmung im Sturzflug Das ZDF spart – Es trifft vor allem die jüngeren freien Mitarbeiter

Von Thomas Klatt

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<em>Kapitän in schwerer See: </em>ZDF-Intendant Thomas Bellut muss sparen. Foto: dpaKapitän in schwerer See: ZDF-Intendant Thomas Bellut muss sparen. Foto: dpa

Mainz/Berlin. Das ZDF muss massiv sparen – und das geht vor allem auf Kosten der jüngeren freien Mitarbeiter. Gleichzeitig will der Sender aber sein Programm verjüngen. Wie die Verantwortlichen dieses Dilemma lösen wollen, ist schleierhaft. Die Stimmung ist auf dem Nullpunkt.

Ältere Mitarbeiter müssen sich keine Sorgen mehr machen. Denn jeder Freie, der 50 plus ist und seit mindestens 15 Jahren für den Sender arbeitet, gehört dem sogenannten „Zweiten Kreis“ an. Auch wer bereits 20 Jahre dauerhaft beim ZDF ist, genießt Bestandsschutz. Damit ist er in einem arbeitnehmerähnlichen Status und kann kaum noch vor die Tür gesetzt werden. An die 1000 freie Mainzelmänner und -frauen gehören zu diesem privilegierten Kreis. Da es für sie keine Planstellen gibt, verharren sie in diesem quasi gleichberechtigten Status neben den rund 3600 Festangestellten. Dazu gesellt sich noch der sogenannte „Erste Kreis“, Spitzenverdiener, um die man sich keine Sorgen machen muss.

Daneben aber beschäftigt das ZDF ein kleines Heer freier Kameraleute, Cutter, Tontechniker, MAZ-Ingenieure, Redakteure im Nachrichtenbereich, Autoren und Realisatoren. Diese bilden den sogenannten „Dritten Kreis“. Rund 1400 Freie aus dem äußersten Kreis hatten in Berlin, Mainz und den 16 ZDF-Landesstudios bislang ihre guten und quasi garantierten Honorareinkommen. Damit aber ist jetzt Schluss! Freien wird erheblich weniger Arbeit angeboten, Honorare werden gekürzt, oder sie kommen gar nicht mehr ins Haus rein.

„Da gibt es zum Beispiel eine Kollegin, die 17 Jahre ausschließlich in einer Redaktion tätig war. Sie ist unter 50 Jahre alt, die Sendung wurde ersatzlos gestrichen. Jetzt steht sie quasi auf der Straße“, schildert Werner Ach, für die Gewerkschaft Verdi stellvertretender ZDF-Personalratsvorsitzender, die menschlich zum Teil dramatische Situation im Sender.

Grund für die neuen Härten ist die aktuelle Auflage der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF), wonach das ZDF bis 2016 im Personalbereich 75 Millionen Euro einsparen muss. Nach Idee der Verantwortlichen auf dem Mainzer Lerchenberg soll der Löwenanteil nun beim dritten Kreis gekürzt werden. Erstmals sollen zum Beispiel nur noch halbe Tage honoriert werden. Wer aber etwa einen halben Tag für das ZDF dreht oder schneidet, kann sich nicht einfach den anderen halben Tag von einem anderen Sender buchen lassen.

„Das ist unangenehm bei Freien, die nur 110 Tage im Jahr für den ZDF-Sender arbeiten dürfen – und dann soll es nur noch halbe Tage geben. Das geht schon richtig an die Existenzgrundlagen“, schildert Ach.

Aber alles sei noch im Fluss, es werde auf allen Ebenen verhandelt, heißt es aus Mainz. „Ob es überwiegend freie Mitarbeiter sein werden, die gehen müssen, steht nicht fest. Es gibt zum Beispiel auch ein Frühverrentungsprogramm. Im schlechtesten Fall könnten 400 Stellen wegfallen, aber all das steht momentan noch nicht fest“, versucht ZDF-Pressesprecher Rainer Stumpf zu beschwichtigen, obwohl die Nachrichtenagenturen diese hohe Zahl längst als beschlossene Sache melden.

Das ZDF scheint nicht so recht zu wissen, was es will. Um das Programm zu verjüngen, wurden in den letzten Jahren erst drei Digitalkanäle eröffnet, für die sogar neues Personal angeworben wurde. Dann aber werden ganze Sendungen ersatzlos gestrichen: „Nachtstudio“, „Logo“ am Samstag, „Blickpunkt“, „Der Marker“ und ab Januar 2013 das „ZDFwochen-journal“. Wahrscheinlich ist das aber erst der Beginn einer ganzen Streichorgie. Es herrscht Einstellungsstopp, innerhalb des Hauses gibt es kaum noch Veränderungsmöglichkeiten, und neue Mitarbeiter kommen nur noch in Ausnahmefällen in den Sender. Perspektivisch wird es also bald kaum noch junge Kollegen geben, die dauerhaft ein jüngeres Programm machen könnten.

In einer Online-Petition der freien Mitarbeiter beim ZDF-Studio Berlin an ihren Intendanten Thomas Bellut wird die immer häufigere Trennung zwischen Redaktionen und Produktion beklagt. Immer öfter fehlt es an kontinuierlich zusammenarbeitenden Teams, als ob billige Kameraassistenten oder Cutter beliebig austauschbar oder kurzfristig zu Dumpinglöhnen disponierbar seien.

„Diese Haltung führt nicht nur zu kreativer Frustration, sondern bedroht in ihrer Konsequenz die Qualität des Programms“, heißt es in der Online-Petition der ZDF-Freien. Das Arbeitsklima kann als gestört gelten. Obwohl bis dato mehr als 170 Freie die Online-Petition unterschrieben haben, ist keiner von ihnen zum Interview bereit. Sie haben schlicht Angst, für die wenigen noch verbliebenen Aufträge nicht mehr gebucht zu werden, wenn sie namentlich als Kritiker in Erscheinung treten. Für einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk wünscht man sich dagegen eine offenere und demokratischere Unternehmens- und Gesprächskultur.

Das Dümmste aber sei es, jetzt einfach bei den arbeitsrechtlich am wenigsten abgesicherten Mitarbeitern zu kürzen, warnt ZDF-Personalrat Werner Ach: „Wenn, dann gibt es Versäumnisse der Geschäftsleitung. Und nun müssen es die Freien ausbaden, die bisher eine hervorragende Arbeit geleistet haben. Es ist Arbeit da, aber die Freien dürfen sie nicht mehr machen. Das bringt den Sender in eine echte Schieflage.“


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