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Nicht immer die zweite Geige Endlich mal im Mittelpunkt: „Tatort“-Nebendarsteller werden bei „Morden im Norden“ aufgewertet

Von Martin Weber

Ingo Naujoks und Tessa Mittelstadt spielen bei „Morden im Norden“ die erste Geige. Foto: ARDIngo Naujoks und Tessa Mittelstadt spielen bei „Morden im Norden“ die erste Geige. Foto: ARD

Osnabrück. Beim Kölner „Tatort“ spielt sie in der Rolle der Assistentin stets die zweite Geige, doch jetzt darf Tessa Mittelstaedt selbst als Ermittlerin ran: In der Krimiserie „Morden im Norden verkörpert sie die schlagfertige Staatsanwältin Elke Rasmussen, die an der Seite des coolen Kommissars Finn Kiesewetter (Sven Martinek) und seiner drolligen Kollegin Sandra Schwartenbeck (Marie-Luise Schramm) im beschaulichen Lübeck Morde aufklärt.

Mittelstaedt ist nicht die einzige „Tatort“-Nebendarstellerin, die in der heiteren Krimiserie ein Upgrade erfährt – auch der jahrelang als schrulliger Mitbewohner von Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) agierende Ingo Naujoks spielt in „Morden im Norden“ als Kriminaldirektor und Rasmussens Ex-Mann Lars Englen eine tragende Rolle. In der Auftaktfolge der neuen Serie unter dem ARD-Regionalkrimi-Label „Heiter bis tödlich“ bekommen es die Ermittler mit dem Mord an einem Marzipan-Fabrikanten zu tun, der offenbar an seinem eigenen Produkt erstickt ist. „Im ‚Tatort‘ bin ich immer an Stelle drei“, sagt Tessa Mittelstaedt. „Das ist natürlich schon manchmal frustrierend, weil ich nicht mehr Facetten zeigen kann.“

Während manche Nebendarsteller aus ihren Rollen kleine Kabinettstückchen machen, bringen es andere nie über die Rolle eines Stichwortgebers hinaus, der mit breitem Dialekt für Lokalkolorit sorgt – und einige schmeißen aus lauter Frust auch schon mal die Brocken hin. So hatte Naujoks im letzten Jahr die Nase voll von seiner Rolle im Niedersachsen-„Tatort“. Er stieg aus der Krimireihe aus, obwohl dieser Entschluss für ihn massive finanzielle Einbußen bedeutete. „Es ging für den Charakter von Martin einfach nicht mehr weiter“, gab Naujoks frustriert zu Protokoll. „Das ist das Schlimmste, was einer Rolle passieren kann.“

Auch Michael Fitz, der lange Zeit im Münchner „Tatort“ treubrav seinen Dienst als gutmütiger und oft geknechteter Carlo unter den Ermittlern Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) versah, hatte eines Tages genug vom Schattendasein und wollte vor ein paar Jahren nicht länger den dritten Mann spielen. Der Schauspieler, der nach eigener Aussage von seinen beiden „Tatort“-Kollegen bisweilen auch dann noch veräppelt wurde, wenn die Kamera aus war, sah keine interessante Perspektive mehr für seinen Carlo. „Ich hatte nur so für mich auch den Eindruck, vielleicht ist auch irgendwann alles erzählt, was so eine Figur hergeben kann“, begründete Fitz seinen Ausstieg. Nun kehrt Fitz allerdings für einen Gastauftritt zum Münchner „Tatort“ zurück: Der 53-Jährige soll noch einmal in die Rolle des Oberkommissars Carlo Menzinger schlüpfen, die er 16 Jahre lang bis 2007 spielte. Die Dreharbeiten sind für den Herbst geplant.

Ein neues Kapitel schlug derweil auch Maren Eggert auf, die im Kieler „Tatort“ im Schatten von Axel Milberg alias Kommissar Borowski eine Psychologin gespielt hatte – sie kündigte, um schauspielerisch neue Wege zu gehen und ein Theaterengagement in Berlin anzunehmen. Es ist für eingefleischte Schauspieler eben nie leicht, nicht im Mittelpunkt zu stehen.

Dabei sind gerade die Männer und Frauen aus der zweiten Reihe oft unverzichtbar, etwa wenn es um das Lokalkolorit in einem „Tatort“ geht. So gibt Peter Espeloer in den Ulrike-Folkerts-Krimis aus Ludwigshafen seit Jahr und Tag mit Hingabe den pfälzisch babbelnden Kriminaltechniker Peter Becker („Isch muss erscht die Spure sischere“), und Ernst-Georg Schwill bringt als Lutz Weber im „Tatort“ aus der Hauptstadt mit Herzblut die Berliner Schnauze zur Geltung. Justine Hauer sorgt als kokette Assistentin Annika Beck („Beckchen“) in den Krimis aus Konstanz für alemannische und Jürgen Hartmann als maulfauler Gerichtsmediziner Daniel Vogt im „Tatort“ aus Stuttgart für schwäbische Untertöne – die beiden ergänzen damit das dialektfreie Konstanzer Ermittlergespann Klara Blum (Eva Mattes) und Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) und die ebenfalls Hochdeutsch sprechenden Stuttgarter Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare).

Während jedoch viele der Pathologen, Spurensicherer, Assistentinnen oder Staatsanwälte im „Tatort“ nie über die Rolle einer rein funktionalen Randfigur hinauskommen, haben sich einige zu kleinen Stars entwickelt, die von den Fans geliebt werden. So wartet etwa der „Tatort“ aus Münster gleich mit mehreren markanten Nebenrollen auf, allen voran die von ihrem arroganten Chef Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) wegen ihrer Kleinwüchsigkeit despektierlich Alberich genannte Gerichtsmedizinerin Silke Haller (Christine Urspruch), die oft das letzte Wort hat. Aber auch der von Claus D. Clausnitzer gespielte kiffende Taxifahrer Herbert Thiel, Vater des leidgeplagten Kommissars Frank Thiel (Axel Prahl), sorgt in den oft skurrilen Fällen aus Münster für Heiterkeit, genauso wie Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann), deren Reibeisenstimme jeden Mörder erzittern lässt.

Dass eine Nebenrolle im „Tatort“ einen Darsteller oft populärer machen kann als zehn Hauptrollen in anderen Filmen, weiß auch Joe Bausch, einer der heimlichen Stars der ARD-Reihe: „Es ist natürlich großartig, im wichtigsten Schaufenster des deutschen Fernsehens präsent sein zu dürfen und jedes Mal fast zehn Millionen Zuschauer zu haben“, sagt der Arzt und Schauspieler, der im „Tatort“ aus Köln den knochentrockenen Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth spielt.

Morden im Norden,ARD, Dienstag, 21. Februar, 18.30 Uhr


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