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Klassenkampf an der Krimifront DDR-Krimi "Polizeiruf 110" feiert 40-jähriges Jubiläum

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Kultkommissar der DDR: Peter Borgelt verkörperte fast 20 Jahre lang den scharfsinnigen, aber spröden Oberleutnant und späteren Hauptmann Fuchs. Foto: MDRKultkommissar der DDR: Peter Borgelt verkörperte fast 20 Jahre lang den scharfsinnigen, aber spröden Oberleutnant und späteren Hauptmann Fuchs. Foto: MDR

Osnabrück. Es soll ja noch immer Krimifans geben, die den „Polizeiruf 110“ geringschätzig als kleinen Bruder des „Tatort“ betrachten und auf das Einschalten verzichten. Dabei war schon lange kein „Polizeiruf“ mehr so schlecht wie die „Tatort“-Folgen der letzten beiden Sonntage. An diesem Wochenende feiert die einstige DDR-Krimireihe 40-jähriges Jubiläum – wie der „Tatort“ im vergangenen Jahr.

Für Erich Honecker war es das Grauen: Kaum hatte die ARD im Westen den „Tatort“ ins sonntägliche Rennen um die Zuschauergunst geschickt, musste der oberste Staats- und Parteibonze der DDR miterleben, wie seine Volksgenossen massenhaft vor den Fernsehern saßen und sich prächtig bei der Verbrecherjagd des Klassenfeinds amüsierten. Im Frühjahr 1971 prangerte er auf dem achten SED-Parteitag eine „gewisse Langeweile“ im DDR-Fernsehen an und forderte die Etablierung eines „sozialistischen Gegenwartskriminalfilms“.

Leicht gesagt, aber schwer umgesetzt für die Fernsehbosse der DDR. Schließlich kannte der real existierende Sozialismus eigentlich kein Verbrechen, nun sollte ein Krimi Konflikte in der „konfliktlosen Gesellschaft“ zeigen. Dem Westen aber die Hoheit in der kriminalistischen Fernsehunterhaltung zu überlassen erschien Honecker und Genossen noch undenkbarer. Es galt, das „grenzüberschreitende Fernsehen“ zu unterbinden.

Am 27. Juni 1971 flimmerte der erste „Polizeiruf“ mit dem Titel „Der Fall Lisa Murnau“ über die DDR-Bildschirme. Musste es beim „Tatort“ stets ein Kapitalverbrechen sein, mochte man die DDR-Bevölkerung jedoch nicht mit so viel Schlechtigkeit im Arbeiter-und-Bauern-Staat konfrontieren. Mord war die Ausnahme im „Polizeiruf“, meist ging es um minderschwere „Vergehen gegen sozialistische Sicherheit und Ordnung“. So wurde nach Einbrechern, Erpressern, Dieben und Devisenschmugglern gefahndet. Die Opfer waren im Ost-Krimi „Geschädigte“, der Tatort ein „Ereignisort“. Die Täter stammten niemals aus der Mitte der sozialistischen Gesellschaft – nein, sie waren entwurzelte Einzelgänger, kleinbürgerliche Irrläufer, jugendliche Rowdys, Ewiggestrige, gewissenlose Elemente.

Das Ministerium des Innern (MdI) hatte ein wachsames Auge auf jeder Folge, steuerte die Arbeit der Drehbuchautoren und verhinderte 1974 die Ausstrahlung der Folge „Im Alter von…“, die sich an den Fall des real existierenden Kindermörders Erwin Hagedorn anlehnte.

Star des „Polizeirufs“ war ein solider sozialistischer Biedermann: Peter Borgelt verkörperte den scharfsinnigen, aber spröden Oberleutnant und späteren Hauptmann Fuchs und spielte fast 20 Jahre lang den Leiter der „Sondergruppe Fuchs“. Alkohol und Zigaretten waren ihm und den übrigen Ost-Ermittlern strengstens untersagt. 1991, im bereits wiedervereinten Deutschland, stand Borgelt zum letzten Mal vor der „Polizeiruf“-Kamera: In „Thanners neuer Job“ ermittelte er gemeinsam mit den beiden Duisburger „Tatort“-Kollegen Schimanski und Thanner, wurde vom Jäger zum Gejagten. Drei Jahre später starb der populärste Fernsehfahnder der DDR.

Von Beginn an hatte er eine Frau in seinem Team gehabt: Sigrid Göhler, die in insgesamt 84 Folgen als Leutnant Vera Arndt ermittelte. Als sie im DDR-Fernsehen zum ersten Mal auf Verbrecherjagd ging, war eine Frau als Kommissarin im „Tatort“ noch so undenkbar wie ein bundesrepublikanischer Mann am heimischen Herd.

Doch der DDR-„Polizeiruf“ erzählt weit mehr Erfolgsgeschichten als die der früh emanzipierten Frau: Er erreichte im Osten Deutschlands Quoten von oft über 50 Prozent und erfüllte damit Honeckers Ansprüche. Er entwickelte sich zum Exportschlager, der in weit über 30 Ländern im Fernsehen und im Kino gezeigt wurde – nicht nur im gesamten Ostblock, sondern auch in Afghanistan, Vietnam, Mongolei und sogar in Finnland und Spanien. Und er schaffte es mit zunehmender Zeit immer mehr, einen vorsichtigen Finger in die Wunden der DDR zu legen. Die Folge „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ thematisierte 1981 den Alkoholismus und gilt noch heute als herausragende Fernseharbeit in der DDR.

Als 1989 die Mauer fiel, wenig später Deutschland wiedervereint und das DDR-Fernsehen abgewickelt wurde, schien auch die Stunde des „Polizeirufs“ geschlagen. Doch dann rettete er sich als einziges Format des sozialistischen Fernsehzeitalters in das neue Deutschland. Zunächst produzierten die neuen ARD-Anstalten MDR und ORB Folgen fürs dritte Programm, doch schon bald adoptierte die alte Tante ARD den kleinen Bruder des „Tatort“ fürs Erste.

Aus dem kleinen Bruder ist längst ein gleichwertiges Familienmitglied geworden. Kurt Böwe (und nach seinem Tod Henry Hübchen und Felix Eitner) im Zusammenspiel mit Uwe Steimle in Mecklenburg-Vorpommern, Edgar Selge und wechselnde Partnerinnen in München, Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler in Halle an der Saale wurden schnell zu Publikumslieblingen der Krimi-Fangemeinde. Heute gehören die Fälle von Anneke-Kim Sarnau und Charly Hübner in Rostock zum Besten, was die ARD sonntagabends an Krimikost anbietet, an diesem Sonntag gibt Maria Simon ein vielversprechendes Debüt als neue Ermittlerin (siehe „Schon gesehen“).

Ausgerechnet Deutschlands bester Krimi-Regisseur Dominik Graf drückt weniger dem „Tatort“ als dem „Polizeiruf“ seinen Stempel auf. Er drehte die preisgekrönten Meisterwerke „Der scharlachrote Engel“ (2005) und „Er sollte tot“ (2006) mit Edgar Selge und Michaela May – und er hat auch den ersten „Polizeiruf“ mit dem neuen Münchner Ermittlerteam Matthias Brandt und Anna Maria Sturm gemacht, den die ARD am 21. August ausstrahlt. Auf „Cassandra Warnung“ dürfen sich alle Krimifreunde schon jetzt freuen – der „Tatort“ muss sich Mühe geben, wenn ihm der kleine Bruder nicht über den Kopf wachsen soll.


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