zuletzt aktualisiert vor

Nach dem Kinoflop zeigt die ARD eine dreistündige Fernsehfassung von „Henri 4“ Ein kräftiger Biss in den Po

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Regisseur Jo Baier legt großen Wert darauf, dass es sich bei „Henri 4“ nicht um einen „Amphibienfilm“ handelt. Foto: dpaRegisseur Jo Baier legt großen Wert darauf, dass es sich bei „Henri 4“ nicht um einen „Amphibienfilm“ handelt. Foto: dpa

Osnabrück. Katharina Thalbach, Ulrich Noethen, Hannelore Hoger, Joachim Król, Devid Striesow, ChrisTine Urspruch, Andreas Schmidt, Wotan Wilke Möhring und Sandra Hüller: Die Besetzung von „Henri 4“ – und das ist nur der deutsche Anteil – ist erstklassig, die Bilder sind wunderschön, die Musik von Oscarpreisträger Hans Zimmer und die Kosten mit fast 20 Millionen Euro üppig. Trotzdem floppte der Film an den Kinokassen. Nun zeigt die ARD die 180 Minuten lange Fernsehfassung.

„Margot ist eine Sau!“. So urteilt wenig charmant Frankreichs kranker König Charles IX. (großartig neurotisch: Ulrich Noethen) über seine Schwester (Armelle Deutsch), versohlt der dann den blanken Po, in den daraufhin die Königinmutter Katharina de Medici (Hannelore Hoger) kräftig reinbeißt. Keine Frage, am Hofe des französischen Königs herrschen um 1570 sonderbare Sitten – wenn man denn Heinrich Mann Glauben schenken mag.

„Wir haben uns in dieser Szene eng an Manns Buch über Henri 4 gehalten“, sagt Jo Baier im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Mann, der Regie führte und zusammen mit Cooky Ziesche auch das Drehbuch zu „Henri 4“ schrieb, erlangte spätestens mit der Strittmatter-Verfilmung „Der Laden“ großes Renommee bei Kritik und Zuschauern. Ziesche hingegen verfasste die Drehbücher zu Erfolgsfilmen wie „Wolke 9“ und „Halt auf freier Strecke“.

Doch zurück zu Margots Po – denn in der Verfilmung des Buches von Heinrich Manns Büchern „Die Jugend des Königs Henri Quatre“ und „Die Vollendung des Königs Henri Quatre“ aus den Jahren 1935 und 1938 wird er nicht der einzige unbedeckte Körperteil bleiben. Im Gegenteil: „Henri war ein großer Humanist, aber auch ein Schürzenjäger“, sagt Baier. Und dieses Bild des Protestanten Heinrich von Navarra, der aus Staatsräson zum Katholizismus konvertierte, den Franzosen mit dem Edikt von Nantes Religionsfrieden schenkte, das Königsgeschlecht der Bourbonen begründete und 1610 ermordet wurde, zeigt der Film überdeutlich: Wenn Henri, dargestellt vom Franzosen Julien Boisselier, nicht gerade philosophiert oder kämpft, liebt er in aller Anschaulichkeit schöne Frauen oder betrügt seine weniger schöne Gattin.

Für einen deutschen TV-Film ist das gewöhnungsbedürftig, aber auch wenn einige Szenen ausdrücklich nur für die Fernsehversion gedreht wurden, war „der Kinofilm die Orientierung“ für den Regisseur. „Die epischen Szenen, bei denen man mehr ausatmet, als man es sich im Kino erlauben kann“, waren es hingegen, die extra für die Fernsehversion gedreht wurden.

Doch ein Amphibienfilm, wie die Werke genannt werden, die extra für TV und Kino in einer langen und sehr viel kürzeren Version gedacht sind, sei „Henri 4“ nicht, findet Baier: „Selbst Volker Schlöndorff hat mir nach Sicht des Films gratuliert. Zudem beträgt der Unterschied von Fernseh- und Kinofassung nur 25 Minuten.“ Schlöndorff gilt als einer der größten Kritiker von Amphibienfilmen und lehnte deshalb seine Mitarbeit bei der „Päpstin“ ab.

Baier hat recht mit seiner Einschätzung, denn zu schön sind die Bilder, zu gewaltig die Musik, zu großartig die Einzelleistungen einiger Schauspieler, zu prominent die internationale Besetzung – von der ein jeder in seiner Landessprache spielte. An 21 Drehorten wurde gefilmt, der Louvre extra in Prag nachgebaut, die Schlachten mit viel Getöse inszeniert. So etwas sieht man im deutschen Fernsehen nur selten.

Kein Wunder also, dass die Kosten für die Produktion fast 20 Millionen Euro betragen haben und die Vorbereitung etwa acht Jahre dauerte. „Anlass war eigentlich der 11. September 2001. Damals begann ein Glaubenskrieg, den man so nicht mehr kannte. Und auch Henri 4 hat zu seiner Zeit gegen die Intoleranz und die Glaubenskriege gekämpft.“ Doch von der Idee bis zur Umsetzung des „anspruchsvollen Kinoprojektes“ musste viel investiert werden. Besonders, wie Baier betont, von Produzentin Regina Ziegler. Sie wollte den Film unbedingt machen, sprang, um die Finanzierung zu retten, sogar mit ihrem Eigenkapital ein.

Doch der Einsatz aller hat sich nicht ausgezahlt: Den Film wollten nur knapp 40000 Kinobesucher auf der großen Leinwand sehen, die Kritiken in Deutschland waren eher mau, und Ziegler blieb auf einer Million Euro Schulden sitzen.

„Dass das ganze Herzblut aller Beteiligten dort reingeflossen ist und der Film dann trotzdem in Deutschland floppte, schmerzt immer noch“, sagt Baier, „denn ich mache Filme ja nicht für mich, sondern für die Zuschauer.“ Trösten kann er sich mit den „vielen positiven Reaktionen im Ausland und den häufigen Einladungen des Films auf internationale Festivals“.

Nicht trösten hingegen musste man Armelle Deutsch, die die von Hoger in den Po gebissene Königsschwester spielt: Für diese Szene wurde die Französin von einem tschechischen Double vertreten.

Henri 4, ARD, Freitag, 06.04. Teil 1 und 2 ab 20.15 Uhr


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN