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Sender überschlagen sich Tsunami in der Endlosschleife: Die Katastrophe live im Fernsehen

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Osnabrück. Wieder und wieder rasen die Wellen an die Küste und über sie hinweg. Auf leuchtend rotem Grund die Unterzeile: „Tsunami hits.“ Später sind in der Anmutung einer Endlosschleife brennende Fabriken zu sehen, zerstörte Städte, dann die Probleme der Kernkraftwerke. Anders als beim Atomunfall von Tschernobyl im Jahr 1986 oder dem großen Erdbeben jüngst in Haiti ist der Fernsehzuschauer beim Geschehen in Japan in diesen Tagen live dabei.

Das Informationsbedürfnis ist groß. Fernsehnachrichten melden Quotenrekorde, eine Talkshow nach der nächsten befasst sich mit Beben, Tsunami und Atomunfall. Fast wirkt es, als sähen sich die Sender bei ihrer Ehre gepackt, nachdem sie die Revolutionen in Nordafrika zunächst stiefmütterlich behandelt hatten und herbe Kritik einstecken mussten. Damals wollten die Öffentlich-Rechtlichen ihre Korrespondenten noch abziehen, statt Verstärkung zu schicken – jetzt, aus Japan, können sie kaum genug Bilder bekommen und senden.

Andererseits: So viele Informationssendungen, Reportagen, Hintergründe – und doch weiß keiner, was eigentlich genau los ist. Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar tingelt durch die Kanäle und erklärt den Unterschied zwischen Tschernobyl und Fukushima, bis er schließlich neben dem Vorsitzenden der Deutsch-Japanischen Gesellschaft aus Osnabrück, Johannes Eidt, bei Anne Will zur Ruhe kommt.

Weitere Protagonisten des Experten-Zugs durch die Sondersendungen, Brennpunkte, Spezials und Dauerschleifen: Christoph von Lieven, Greenpeace-Aktivist, der auf die deutsche Regierung schimpft, Michael Sailer vom Öko-Institut und Wolfgang Renneberg, früherer Chef der deutschen Atomaufsicht.

Und obwohl man bereits zum zehnten Mal die Bilder von der schwarzen Welle sieht, die das Land verschlingt, zum zehnten Mal versucht, bei den Aufnahmen der Explosionen bei Fukushima 1 etwas Genaueres zu erkennen, kann man nicht abschalten.

Es ist ein bisschen wie damals, nach den islamistischen Anschlägen in New York und Washington im Jahr 2001. Keine Nachrichten laufen, die das Geschehen des Tages zusammenfassen. Sondern Sendungen, die das Geschehen direkt begleiten. Übertragung in Echt-Zeit. Moderatoren, die nicht viel mehr wissen als die Zuschauer, die die Bilder für sich sprechen lassen müssen mangels Informationen. Die überrollt werden von den Ereignissen. Während auf Sender Nummer eins noch an einer Kernschmelze gezweifelt wird, berichtet Sender Nummer zwei von einem Störfall in Reaktor Nummer drei, und irgendwo soll ein Vulkan ausgebrochen sein.

Wenn dann doch irgendwann etwas Ruhe einkehren sollte, klinken Phoenix, N24 und Co. eine Reportage ein: 25 Jahre nach Tschernobyl.

Die Reaktorkatastrophe in der Ukraine ist durch die Ereignisse in Japan wieder derartig ins Schlaglicht gerückt, dass mehrere Sender bereits ihre Dokus ausstrahlen, die erst zum 25. Jahrestag Ende April geplant waren. So zeigt Arte am Mittwoch um 20.15 Uhr „Die Wolke – Tschernobyl und die Folgen“, ursprünglich geplant für den 13. April. Der NDR berichtet ebenfalls am Mittwoch um 22.35 Uhr über „Die Kinder von Tschernobyl“. Am Samstag hatte auch die ARD die Geschehnisse in den Mittelpunkt gerückt und dafür die Sendung zum 30. Jubiläum des Volksmusikrenners „Musikantenstadl“ aus dem Programm genommen – geschunkelt werden kann ein andermal.

Den wohl authentischsten Blick auf die Katastrophe bot gestern wie schon am Sonntag übrigens der ZDF-Infokanal. Er übertrug live den japanischen Nachrichtensender NHK („Nippon Hoso Kyokal“). Sachlich kommentiert von Redakteur Gert Anhalt und übersetzt von einer japanischen Dolmetscherin, prasselten vor allem erschütternde Einzelschicksale auf den Zuschauer ein. NHK berichtete mithilfe zahlreicher Reporterteams unmittelbar aus verwüsteten Küstenorten.

Gezeichnet von seinem Überlebenskampf, erzählte etwa ein junger Mann, wie er inmitten der Tsunami-Welle in Trümmern eingeklemmt war – seine Hose hatte sich verfangen. Mit einem vorbeitreibenden Stück Holz mit einem Nagel darin konnte er schließlich seine Hose auftrennen. Dennoch drohte er zu ertrinken. An einem Altenheim riefen ihm Menschen, die sich ins obere Stockwerk gerettet hatten, zu, er solle ein Fenster einschlagen. „Das war meine Rettung“, sagte der Japaner, dessen Gesicht von Schnittwunden übersät war.

In Erinnerung blieb auch eine Japanerin, die mit beeindruckender Contenance berichtete, wie sie ihre Tochter im Tsunami verlor. Obwohl sich beide ins dritte Stockwerk retten konnten, wurde das Kind mitgerissen. Ergreifend.


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