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Versalzene Buchstabensuppe Neue Serie „TV schräg“: Als Cherno Jobatey beleidigt das „Zimmer frei“-Studio verließ

Da lachte Cherno Jobatey (links) noch: Doch als Christine Westermann und Götz Alsmann ihm bei „Zimmer frei“ Buchstabensuppe servierten, war‘s um den Humor geschehen.Foto: WDRDa lachte Cherno Jobatey (links) noch: Doch als Christine Westermann und Götz Alsmann ihm bei „Zimmer frei“ Buchstabensuppe servierten, war‘s um den Humor geschehen.Foto: WDR

Osnabrück. Was wäre das Fernsehen ohne seine unvorhergesehenen Momente? Wenn Sendungen anders verlaufen als geplant, ist dies häufig das Salz in der Einheitssuppe. Diesen „Ausreißern“ widmen wir unsere neue Serie „TV schräg“.

Sie frotzeln gern – und wer zu Christine Westermann und Götz Alsmann in die Sendung „Zimmer frei“ geht, sollte wissen, ob er darauf wechseln kann. Oder er sollte fernbleiben. Der Moderator Cherno Jobatey wollte weder das eine noch das andere. So trägt die „Zimmer frei“-Ausgabe mit ihm heute den Spitznamen „Chernobyl“ in Anlehnung an die Reaktorkatastrophe in Russland.

Die „Kommunalobligation“ brachte das Fass für Jobatey zum Überlaufen. Schweigend verließ der Mann, der sonst so beredt das Morgenmagazin beim ZDF moderiert, das Studio. Götz Alsmann hatte ihn aufgefordert, das Wort „Kommunalobligation“ mit den Spielsteinen von „Scrabble“ zu legen. Neun Minuten lang blieb Jobatey während der Aufzeichnung hinter den Kulissen.

Auf Herz und Nieren testen Christine Westermann und Götz Alsmann seit Juli 1996 in der Sendung „Zimmer frei“ Prominente als Mitbewohner ihrer fiktiven WG. Mit Fragen prüfen sie Humor, Schlagfertigkeit und Lebenslauf der Kandidaten der Reihe, die im Jahr 2000 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Die Gäste müssen bei allerlei Spielchen mitmachen, die sich auf ihr Können, zumeist aber auf ihr Unvermögen beziehen. Es gibt eine Homestory, eine Umfeldstory und eine ultimative „Lobhudelei“ eines möglichst prominenten Freundes. Am Ende entscheiden die Zuschauer mit grünen oder roten Karten, ob der Gast das Zimmer in der Fernseh-WG bekommt.

Freimütig hatte Jobatey im Fragenbogen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bekannt: Sein größter Erfolg sei sein Sieg über die Legasthenie – die Lese-Rechtschreib-Schwäche – gewesen. Für Alsmann und Westermann war das Grund genug, Jobatey ein ABC-Pflaster auf die Stirn zu pappen, ihm Buchstabensuppe zu servieren und ihn Wörter buchstabieren zu lassen – wohl auch, weil Cherno Jobatey zur damaligen Zeit die Sendung „Verstehen Sie Spaß?“ moderierte.

Ob „Verstehen Sie Spaß?“ lustig ist, soll umstritten sein. Der Moderator jedenfalls hatte Schwierigkeiten, die Sprüche von Alsmann und Westermann zu parieren. Bereits auf die Ankündigung Alsmanns, „Er ist der Mann, der aus einer Gegend kommt, wo es keine Friseure gibt“, reagierte der Mann mit dem Zopf verkniffen.

Nach seiner Rückkehr aus den Kulissen ins Studio wurde es kaum besser. Zwar versuchte Jobatey, seinen Rückzug mit einer Art Scherz zu rechtfertigen – er habe im Büro des Intendanten einen Duden gesucht– doch es half nichts. Stets stand Aggression im Raum.

Er schoss auf eine Art zurück, die mehr ihn bloßstellte als die Moderatoren, die die Sendung bereits wenig charmant begonnen hatten. „Kannst du überhaupt etwas?“, hatte Westermann gefragt, mit Blick auf Jobateys Legasthenie. Der konterte auf Westermanns „Meine Schwester ist ganz anders als ich“: „Echt, kannst du mir die mal vorstellen?“

Nicht nur was seine Person betrifft, gab sich Jobatey zugeknöpft. So wollte er nicht einmal sein Zopfgummi lösen, als Christine Westermann ihn darum bat. Auch von seinem Umfeld mochte er kaum etwas preisgeben – und erst recht nicht humorvoll kommentieren. Die „Homestory“ – sonst ein humoriger Bericht über das Zuhause des Gastes oder einen Ort, an dem er sich gern aufhält – wurde im Studio des Morgenmagazins gedreht. Jobatheys Arbeitsplatz war ebenfalls der Ort der „Umfeldstory“, und bei der ultimativen Lobhudelei war die ZDF-Moderatorin Maybrit Illner zu hören. Ganz ohne Humor. Und ebenfalls Kollegin vom ZDF.

„Boh, ist das ’ne spannende Sendung heute“, seufzte Alsmann ironisch, bevor er begann, Mitarbeiter der Sendung vorzustellen, während Jobatey in den Kulissen hockte. Am Ende zückten die Gäste der Sendung fast ausschließlich rote Karten. Jobatey war beim Publikum so klar durchgefallen wie kaum ein anderer Bewerber um das WG-Zimmer.

Und auch der Ausstrahlung der Sendung begegnete Jobatey wenig humorvoll. Götz Alsmann sagte später, über Kontakte habe Cherno Jobatey zunächst verhindern können, dass die Sendung, die am 7. Februar 1999 aufgezeichnet worden war, über den Sender läuft. Doch dann am Totensonntag, 23. November 2003, zeigte der WDR die Sendung. Inklusive neunminütigen Abgangs des Gastes. Und damit wurde sie auch zum öffentlichen Chernobyl.


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