Doku über die Insel Nauru Das arme Reich der Dicken

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<em>Für die Verhältnisse von Nauru</em> geradezu schlank sind diese Mitglieder einer Tanzgruppe, die 2010 bei der Weltausstellung in Schanghai auf der Bühne standen. Foto: ImagoFür die Verhältnisse von Nauru geradezu schlank sind diese Mitglieder einer Tanzgruppe, die 2010 bei der Weltausstellung in Schanghai auf der Bühne standen. Foto: Imago

Osnabrück. Der weiße Fleck auf der Landkarte – man sollte meinen, es gibt ihn nicht mehr. Autorin Jenny Roller hat ihn trotzdem gefunden – auf der Pazifikinsel Nauru. Im Galileo-Spezial „Insel der Superlative“ erzählt sie am Sonntag auf Pro Sieben die Geschichte vom Aufstieg und tiefen Fall eines kleinen und besonderen Inselvolks.

„Normalerweise, wenn ich für Fernsehen ins Ausland fahre“, erzählt Roller im Gespräch mit unserer Zeitung, „arbeite ich mit jemandem vor Ort zusammen, der mir hilft, einem sogenannten Guide. Das gibt es in Nauru nicht. Ich habe sehr lange gebraucht, um Kontakt zu kriegen. Es ist schon ein bisschen wie ein letzter weißer Fleck.“

Die Vorgeschichte klingt wie ein Märchen. Eine abgelegene Koralleninsel, mitten im Meer, wird reich. Denn der Vogelkot, der sich dort ablagert, bildet unter Einwirkung der tropischen Witterung Calciumphosphat, das zeitweise kostbarer war als Gold. Damit wurden die Nauruer so reich, dass sie sich mehrere Autos pro Haushalt leisteten, als puren Luxusartikel. Und sie einfach am Straßenrand stehen ließen, sobald sie kaputt gingen, und sich neue kauften. So reich, dass der Staat jedem Haushalt eine Putzfrau stellte, Wasser und Strom kostenlos zur Verfügung standen.

Heute sind die Nauruer auf Hilfsgelder aus Australien und Neuseeland angewiesen, auf die externe Versorgung per Containerschiff, auf das taiwanesische Hilfswerk, das den Nauruern den verlernten Gemüseanbau nahebringen soll. Das Phosphatvorkommen wird bald ausgeschöpft sein. Der Abbau hat 70 Prozent der Insel buchstäblich zerfressen, und die Renaturierung kommt nur schleppend voran, obwohl es an Platz mangelt.

Was ist geschehen, wo ist das Geld hin? Dieser Frage geht Autorin Jenny Roller in ihrer Doku nach und begibt sich dabei auf ein kleines Abenteuer.

„Wir haben tatsächlich nicht wirklich gewusst, was auf uns zukommt“, erinnert sich Roller. „Sonst weiß man ja, was man wann dreht, das ist Usus. Wir mussten uns die Geschichten vor Ort suchen. Das ist selten geworden.“ Über den Ministaat Nauru gibt es kaum verlässliche Informationen, der Staat selbst hält sich bedeckt, wie auch viele der Inselbewohner.

„Das Problem in Nauru ist, dass die Leute wahnsinnig kamerascheu sind“, so Roller. „Das kennen die einfach nicht, es gibt keine Medienkultur, keine Tageszeitung, nur ein Regierungsblatt, das einmal im Monat erscheint, und einen Radiosender. Insofern waren wir darauf angewiesen, auf die Leute zuzugehen, weil es ganz selten vorgekommen ist, dass uns jemand aktiv angesprochen hat.“

Roller und ihre zwei Kollegen sind das erste deutsche Kamerateam auf Nauru, doch sie ist überzeugt, dass es nicht das letzte sein wird. Zwar ist Nauru laut einer britischen Studie mit nur 200 Touristen im Jahr das am seltensten besuchte Land der Welt, vor Somalia. Zu sehen und zu stauen gibt es dennoch genug. Etwa den traditionellen Wettbewerb der männlichen Insulaner um die stärkste Lautsprecherbox. Oder die fehlenden Ampeln und Nummernschilder. Und natürlich die Kraterlandschaft im Inselinneren, die der Phosphatabbau hinterlassen hat.

Nauru ist etwa auch das Land mit den meisten Übergewichtigen. Früher, in den goldenen Jahren, als das Geld auf der Straße lag, hatten die Restaurants rund um die Uhr geöffnet. Die Regierung hat das abgeschafft, zu ungesund. Plakate halten die Nauruer zu Fitness und bewusster Ernährung an, die Flugzeugrollbahn wird als Sportplatz genutzt.

Jenny Roller hatte es schwer, Nauruer zu finden, die bereit waren, über den rätselhaften Niedergang des kollektiven Wohlstands zu sprechen. Doch es ist ihr gelungen. Das Ergebnis ist eine sehenswerte und für das Galileo-Etikett ungewöhnlich leise und eindringliche Doku über ein Land, das verlernt hat zu arbeiten. „Das haben mir viele Nauruer bestätigt“, so Roller. „Zukunft ist in deren Vorstellung nicht verankert.“

Doch die Autorin glaubt: „Wir dürfen nicht darüber urteilen. In Nauru können wir unterm Brennglas all die Fehler sehen, die wir auch machen: Wohlstandskrankheiten, Ressourcenverschwendung, Umweltverschmutzung.“

Naurus Zukunft ist unsicher. Auch wenn das neue Flüchtlingscamp für sogenannte „Boat People“, Menschen, die auf ihr Asylverfahren für Australien warten, wieder Geld und Bewegung bringt. „Interessant wäre es“, so Roller, „in 25 Jahren mal zu gucken, ob die Nauruer wirklich noch auf Nauru leben.“ Oder ob der weiße Fleck tatsächlich einmal weiß wird?

Galileo spezial: Insel der Superlative, Pro Sieben, Sonntag, 19.05 Uhr.


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