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Lieber lästern als lehren Stefan Sichermann betreibt den erfolgreichen Satire-Blog „Postillon“

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Das Logo des „Postillon“.Das Logo des „Postillon“.

Osnabrück. Stefan Sichermann gibt es unumwunden zu: „Ich war am Anfang ganz furchtbar schlecht.“ 2008 ist es gewesen, als er seinen Satire-Blog „Der Postillon“ ins Leben rief. Gut 20000 Besucher hat die Seite inzwischen täglich. So schrecklich schlecht kann seine Arbeit also nicht mehr sein.

Der Newsticker fällt beim Öffnen der Seite als Erstes ins Auge und hat einige Schmunzler zur Folge: „Ägyptische Bank: Auszug der Israelis im Drucker stecken geblieben“, heißt es da oder „Gleitzeit im Bordell: Angestellte können kommen, wann sie wollen“ und „Praktisch: Fliesenleger macht seiner Angebeteten den Hof“. Für Stefan Sichermann ist das eine gute Entwicklung: „Die Wortspiele kommen inzwischen von den Lesern. Ich wähle nur noch aus.“

Während der Ticker also von allein läuft, muss sich der Chefredakteur höchstselbst um alles andere kümmern. „Ich bekomme ganz selten mal einen Beitrag zugesandt“, erzählt der Mann, der ursprünglich auf Lehramt studierte, sich mit alter und mittlerer Geschichte befasste, später in einer Werbeagentur arbeitete und sich Anfang 2011 mit seiner Satire-Seite selbstständig machte.

„Ich kann inzwischen sehr gut davon leben“, sagt Sichermann. Muss er auch. Kürzlich ist er Vater geworden und trägt nicht nur für sich selbst Verantwortung. Die Seite finanziert er über Werbeflächen und Spenden. Außerdem vertreibt er seit Oktober 2011 über den Online-Laden „Shopillon“ einige wenige Humor-Artikel. Darunter zwei „Minderheitenquartette“ in den Varianten „Soziale Kernschmelze“ und „Der politisch semi-korrekte Kartenspaß für die ganze Familie“.

Ein Freund hatte ihn 2008 auf die Idee zu einem eigenen Blog gebracht. „Ich war wirklich kein Internet-affiner Mensch.“ Angeregt von der US-amerikanischen Seite „The onion“ ging er dann doch mit Satire an den Start. Dann hieß es hartnäckig sein, bis die ersten Leser kamen. „Ich habe sehr viel nach Feierabend gearbeitet damals – und auch während meiner Arbeitszeit“, ergänzt er. Für die Jahre 2009/10 hat die Deutsche Welle ihn mit dem Jury-Preis für Weblogs „The Bobs“ in der Kategorie bester deutscher Weblog ausgezeichnet. Und auch in der Nutzer-Wertung hat Sichermann damals gewonnen.

Tabu-

hemen gibt es für Stefan Sichermann keine. Auch über Missbrauch zu schreiben schreckt ihn nicht. „Es kommt ja darauf an, über wen ich mich lustig mache. Und das sind eben nicht die Opfer, sondern die Täter.“

Ideen zieht er aus allem, was ihm begegnet. „Ich kann nichts lesen, ohne abzuklopfen, ob sich was daraus machen lässt.“ Und so erscheinen Beiträge wie „310 Teile: Peter Jackson macht aus jeder einzelnen Hobbit-Buchseite eigenen Film“ im Postillon neben „Blasphemie! Erzbischof hält Gott für zu schwach, um sich gegen Blasphemie zu wehren“. Auch wissenschaftliche Meldungen zerpflückt er unter Titeln wie „Zucker enthält viel zu viel Zucker“ und „Schockstudie enthüllt: Wir werden alle sterben“.

Nicht jeder versteht seinen Humor, manch einer nimmt die Meldungen ernst. Einige solcher Rückmeldungen stellt er auf seiner Facebook-Seite ein, was wiederum andere Leser amüsiert. Kai Diekmann hingegen zeigte sich wenig erbaut, als Sichermann eine Twitter-Nachricht mit einem Foto des „Bild“-Chefredakteurs versandte. „Ich erhielt von seinem Rechtsanwalt einen Brief wegen der Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte.“

Selten richteten sich seine Beiträge gegen Einzelpersonen, vielmehr zielten sie auf das, was diese darstellen. Bei Christian Wulff sei das anders gewesen, als er die Affäre um den Bundespräsidenten mit Beiträgen wie „Das Präsidentenamt tritt von Christian Wulff zurück“ kommentierte. Eine gewisse Fallhöhe müsse aber schon sein. „Es ist nicht sportlich auf jemanden einzutreten, der unten liegt.“

Tagesaktuelle Geschichten würden am besten laufen, erzählt Sichermann. Oder auch alles um Sex. Sehr gut gelaufen sei ein Beitrag kurz nach dem Tod von Apple-Gründer Steve Jobs. Der drehte sich darum, welche Form wohl sein Sarg haben wird. Der Postillon wollte damit den Hype für das Design der Apple-Produkte aufs Korn nehmen.

Die Themen werden Stefan Sichermann nicht ausgehen, wohl eher die Zeit, sie alle zu bearbeiten. Denn inzwischen widmet er sich der weiteren Vermarktung. So hat er jüngst sein erstes Buch herausgegeben, mit den besten Geschichten vom Postillon.

Mehr unter www.der-postillon.de


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