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Informationsblockade Ein WDR-Film als Geheimprojekt - „Die Story: Der lange Arm des Imam“

Von Thomas Klatt

<em>Geheimnisvoller Führer:</em> Die meisten Deutschen zucken mit den Achseln – wer aber türkischer Abstammung ist, erkennt den Prediger Fethullah Gülen auf dem Foto sofort. Foto: WDRGeheimnisvoller Führer: Die meisten Deutschen zucken mit den Achseln – wer aber türkischer Abstammung ist, erkennt den Prediger Fethullah Gülen auf dem Foto sofort. Foto: WDR

Berlin. Wenn im WDR-Fernsehen am Montag, 15. April, die lang erarbeitete „Story“ über den langen Arm des türkisch-amerikanischen Laien-Imam Fethullah Gülen gesendet wird, ist die Informationsblockade über dieses filmische Geheimprojekt vorbei. Weder gab es vorab – wie sonst üblich – eine Presse-DVD, noch gewährten Redaktion oder Autoren ein Interview über ihre Recherchen.

Das ist bemerkenswert, denn nicht einmal bei der zuletzt ausgestrahlten Scientology-Doku (26. Juni 2012, „Die Spitzel von Scientology – Der Sektengeheimdienst OSA“) in der ARD gab es solch eine Geheimniskrämerei. Der Grund ist, dass man beim WDR übergroße Angst vor einer einstweiligen Verfügung hat, die die Ausstrahlung in letzter Minute verhindern könnte, wenn auch nur kleinste Details vorab bekannt werden. Hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen also mehr Angst vor dieser muslimischen Bewegung als vor der US-amerikanischen Sekte? Wer oder was ist also die Gülen-Bewegung, dass deutsche Journalisten vor ihr zittern müssen?

Zumindest der Soziologe Ercan Karakoyun gibt bereitwillig Interviews zur Gülen-Bewegung. Er leitet unweit des Potsdamer Platzes das Berliner „Forum für interkulturellen Dialog“. Von hier aus will er nicht nur anderen Religionsvertretern und Politikern, sondern auch deutschen Pressevertretern die Idee des türkischen Laien-Theologen Fethullah Gülen nahebringen. „Bisher galt für Muslime immer, dass sie sich nur im Moschee-Bereich sozial engagieren oder sich allein für Themen interessieren sollen, die mit dem Islam zu tun haben. Gülen hat das soziale und das finanzielle Engagement auch auf säkulare Bereiche ausgeweitet“, begeistert sich Karakoyun.

Bildung, Medien und Dialog sind die drei großen Themenfelder, in denen sich moderne Muslime nach Gülens Vorstellung engagieren sollen.

„Ein Muslim kann sein zakat, also die islamische Abgabe, auch auf Bildungsinstitutionen leisten. Dazu zählt auch das Engagement für die Umwelt, das Engagement für Menschenrechte, das gewerkschaftliche Engagement. Gülen hat den Bereich des Engagements von den traditionell islamischen Bereichen auch auf die weltlichen Bereiche gelenkt“, erklärt der Vertrauensmann des Imam.

Karakoyun ist einer der ganz wenigen Gefolgsleute in Deutschland, die sich auch gegenüber Journalisten offen zu Fethullah Gülen bekennen.

In den 1980er-Jahren begann Gülen in der Türkei damit, seine Predigten über Hörkassetten millionenfach unter das Volk zu bringen und erste Schulen zu gründen. Ende der 90er-Jahre ermittelte die türkische Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf islamistische Staatsgefährdung gegen ihn. Gülen ging in die USA, von wo aus er bis heute agiert, obwohl die Vorwürfe gegen ihn in der Türkei mittlerweile wieder fallen gelassen wurden.

Bis heute baute Gülen unter dem Dach der World Media Group ein kleines Presseimperium auf, zu dem neben Radio- und Fernsehsendern auch die türkische Zeitung „Zaman“ gehört. Die Gülen-Bewegung ist mittlerweile in etwa 120 Ländern aktiv. Allein in Deutschland zählen mehr als 160 Kitas, Lernhilfezentren und Privatschulen zur Bewegung. Sie sind rein rechtlich und wirtschaftlich voneinander unabhängig, aber eben doch vernetzt, weiß Friedmann Eißler, Islam-Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. Er kritisiert diese kaum zu durchschauende Struktur.

„Wie die Gülen-Bewegung in Deutschland aufgestellt ist, wird nicht transparent gemacht. Da heißt es nur, wir sind dezentral, wir sind inspiriert von Gülen, aber wir arbeiten jeder für sich. Auf der anderen Seite stellt man in Gesprächen sehr schnell fest, dass die Vernetzung untereinander sehr stark ist und gute Kommunikationsstrukturen aufgebaut sind, und das schafft Misstrauen“, sagt Eißler.

Daher müssen Journalisten auch vorsichtig sein. Wenn diese über einen Zweig des Gülen-Netzwerkes kritisch berichten, so bleibt ihnen unter Umständen der Zugang zur ganzen Bewegung dauerhaft verwehrt. Oder kritische Rechercheure werden bekämpft, weiß der Berliner Journalist und Gülen-Kenner Nikolaus Brauns. Und das sei nicht dem Zufall überlassen.

„Ganz oben steht der geistige Führer Fethullah Gülen, der in seinem selbst gewählten Exil in Pennsylvania lebt. Fethullah Gülen hat unter sich einen Beraterrat mit Imamen für die einzelnen Kontinente. Und von da aus geht das immer weiter herunter in immer kleinere Einheiten bis in die Länder, die Stadtteile, die Straßen. Die unterste Stufe sind dann die Abis und Ablas, großer Bruder und große Schwester, die Kader in den Wohnheimen, den Lichthäusern. Die Schüler und Studenten sind ihnen dort zum absoluten Gehorsam verpflichtet“, weiß Brauns.

Anders, als nach außen dargestellt, herrsche gerade in den Gülen nahen WGs, den sogenannten Lichthäusern, oftmals ein unfreier Geist. Brauns spricht sogar von einer Art Gehirnwäsche: „Die Lichthäuser-Bewohner, streng geschlechtlich getrennt, dürfen nur noch die Schriften der Gülen-Bewegung lesen. Sie haben kein eigenständiges Privatleben mehr. Gleichzeitig bietet ihnen die Bewegung ein berufliches Fortkommen. Es gehören ja eine ganze Reihe Unternehmer zur Bewegung, und von dort kommt das Geld.“

Kritiker sehen in dem Engagement für gute Bildung durch eigene Privatschulen nur eine Fassade, ja einen Köder, um darüber geeignete Kandidaten für die inneren Zirkel zu werben. Man wolle junge Menschen letztlich islamistisch indoktrinieren. Besorgniserregend seien da auch manche Schriften aus dem Gülen-nahen Fontäne-Verlag. Den Muslimen werde vor allem beigebracht, dass die eigene Religion dem Westen überlegen sei.

„Da wird ein sehr starker Gegensatz zwischen Islam und dem Westen aufgemacht. Es wird gesagt, dass die Gesellschaftsordnung sich am Islam orientieren muss. Gülen kann sehr deutlich sagen, dass sich die Demokratie noch entwickeln muss“, kritisiert Islam-Experte Friedmann Eißler.

Bleibt also zu hoffen, dass die WDR-Dokumentation mehr Licht in die schwer zu durchschauende Gülen-Bewegung bringt.

Die Story: Der lange Arm des Imam – das Netzwerk des Fethullah Gülen, WDR, Montag, 15. April 2013, 22.00 Uhr.