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„frauTV“: Letztes TV-Frauenmagazin wird 15 Jahre alt Lisa Ortgies: „Moderner Feminismus ist nötiger denn je“

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Das Gesicht von „frau tv“: Moderatorin Lisa Ortgies findet, dass dasWDR-Magazin eigentlich ins Programm der ARD gehört. Foto: WDR/Bettina Fürst-Fastré,Das Gesicht von „frau tv“: Moderatorin Lisa Ortgies findet, dass dasWDR-Magazin eigentlich ins Programm der ARD gehört. Foto: WDR/Bettina Fürst-Fastré,

Osnabrück. Dem Titel zum Trotz schalten nicht nur Frauen ein, wenn das WDR-Magazin „frauTV“ gesendet wird. Am kommenden Donnerstag feiert es seinen 15. Geburtstag – und ist nötiger denn je und eine Sendung für die erste Reihe, findet Moderatorin Lisa Ortgies.

„Wir sind die Einzigen“, sagt Moderatorin Lisa Ortgies im Gespräch mit unserer Zeitung. Denn seitdem die ZDF-Sendung „ML Mona Lisa“ unter dem Label „Gesellschaftsmagazin“ läuft, richtet sich nur noch „frauTV“ ausdrücklich an die weiblichen Zuschauer. Und das nun schon seit 15 Jahren

Gefeiert wird der Geburtstag an diesem Donnerstag ab 22 Uhr im WDR mit prominentem Besuch: Senta Berger, Gaby Köster sowie die luxemburgische Köchin Lea Linster werden die Protagonistinnen der Geschichten sein. Aber hat sich das Thema Frauenmagazin mit Angela Merkel als Regierungschefin und lautstarken Ministerinnen in ihrem Kabinett im Jahr 2012 nicht erledigt? „Über eine solche Behauptung kann ich nur schmunzeln. Wenn man sieht, wie Frau Schröder und Frau von der Leyen sich um das Betreuungsgeld streiten oder wie wir wäschekörbeweise Post bekommen von Frauen, die einen Arbeitsvertrag nicht unterschreiben konnten, weil sie keine Betreuungsmöglichkeiten für ihr Kind haben, zeigt das eher, dass die Themen mehr werden“, sagt Ortgies.

Sie ist von Anfang an beim Magazin dabei – mit einer kurzen Ausnahme: Im April 2008 gab „Emma“-Chefredakteurin Alice Schwarzer ihre Position an Ortgies weiter, doch schon Ende Juni verließ sie die feministische Zeitschrift wieder, und Schwarzer übernahm erneut das Ruder. Ortgies’ Entscheidungen seien von Schwarzer ohne Rücksprache immer wieder rückgängig gemacht worden, hieß es einerseits. Die „Emma“-Redaktion ließ hingegen verlauten, dass sich Ortgies „nicht für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin“ eigne. „In meiner persönlichen Biografie ist das komplett abgeschlossen“, sagt Ortgies heute. Problematisch sei jedoch, dass Schwarzer immer noch als „Galionsfigur“ des deutschen Feminismus gesehen würde, aber keine Antworten auf die aktuellen Fragen von Frauen habe. „Frau Schwarzer beschäftigt sich mit manchen Dingen, aber nicht mit denen, die für Männer und Frauen in Partnerschaft mit Kindern von Belang sind.“

Dabei ist ein moderner Feminismus nötiger denn je, glaubt Ortgies. Auch, weil sie einen Rückschritt im Rollenverständnis beobachtet. „Männer gelten plötzlich wieder als testosterongesteuert und ehrgeizig, Frauen hingegen verfügen automatisch über Mutterschaftsgene. Derlei Studien überholen sich gegenseitig. Das ist doch aberwitzig“, findet sie.

Doch in den 15 Jahren habe sich auch „frauTV“ verändert. „Am Anfang spielten Partnerschaft, Sexualität oder auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine sehr kleine Rolle.“ Das ist heute ganz anders, denn die berufstätige Frau ist kein exotisches Rollenmodell mehr. Im Gegenteil zu dem sie im Haushalt zu 50 Prozent unterstützenden Mann.

Die Folge: Doppelbelastung. „Es herrscht eine ,Yes, we can, wir kriegen das alles gewuppt‘-Mentalität bei den jungen Frauen. Nur laufen diese Frauen gegen die Wand, weil die unterstützenden Strukturen fehlen.“ Allein um hier Hilfestellungen zu geben, sei „frauTV“ wichtig – und gehöre eigentlich in die ARD, sagt Ortgies.

Zudem sei man bereits im WDR sehr erfolgreich: „Wir sind das erfolgreichste Magazin der 22-Uhr-Schiene und haben bundesweit bis zu einer Million Zuschauer.“ Und davon sind, dem Namen zum Trotz, 30 Prozent Männer. „Ich werde sehr oft auf der Straße von Paaren angesprochen, die die Sendung zusammen gucken und mir dann sagen ,Wir haben Spaß dabei und danach immer etwas zu diskutieren‘“, berichtet sie.

Die Themen der jeweils halbstündigen Sendung sind tatsächlich viel weiter gestrickt als die klassischer Frauenzeitschriften: „Beauty und Diäten machen wir nur in der Form, dass wir sagen ,So bitte nicht‘“. Stattdessen geht es von der Krebsvorsorge über Zwangsehen, Gewalt in Partnerschaften bis hin zur Aktfotografie im Alter. Und auch Tabuthemen wie Missbrauch durch Frauen werden angesprochen. Was sich jedoch nie findet, ist eine generelle Männerfeindlichkeit.

Allerdings, so Ortgies, gebe es eine „Modernitätskluft zwischen Männern und Frauen, besonders in der jüngeren Generation. Wir haben uns deshalb bewusst den Männern geöffnet, denn eine Veränderung kann nur passieren, wenn man die Männer mitnimmt.“

Trotzdem werde sich das Thema Gleichstellung nicht so schnell erledigen: „In Deutschland haben wir das 40 Jahre verschlafen. Bei Kohl wurde es ausgesessen, unter Schröder ist auch nichts passiert, und jetzt kriegt man das auch nicht so schnell aus dem Boden gestampft. Im Gegenteil: Wir brauchen Jahre, um das aufzuholen.“ Und Magazine wie „frauTV“.

WDR: frauTV, donnerstags, 22.00 Uhr


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