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Schily, Ströbele, Mahler – wie sich drei prominente Anwälte entwickelten Ironie des Schicksals

Von Harald Keller

So ändern sich die Zeiten: Der einstige Anwalt der Linken, Otto Schily, ließ sich als Bundesinnenminister später auch mal mit Schlagstock fotografieren. Foto: APSo ändern sich die Zeiten: Der einstige Anwalt der Linken, Otto Schily, ließ sich als Bundesinnenminister später auch mal mit Schlagstock fotografieren. Foto: AP

Osnabrück. Drei Anwälte, drei politische Karrieren, drei deutsche Lebensläufe, die von den letzten Kriegstagen bis in unsere Gegenwart reichen. Ein spannender Dokumentarfilm auf Arte.

Ein Romancier mit der Absicht, die deutsche Gesellschaft der letzten fünf Jahrzehnte in eine große epische Form zu bringen, hätte kaum eine bessere Lösung finden können, als diese Geschichte über die Lebensläufe dreier Anwälte zu erzählen, deren Wege sich über Jahrzehnte hinweg immer wieder berühren. Aber „Die Anwälte“ ist keine Fiktion, die drei Juristen sind der Öffentlichkeit bekannt: Otto Schily, Christian Ströbele, Horst Mahler.

Ausgangspunkt ist ein Foto aus dem Jahr 1972. Vor dem Amtsgericht Moabit herrscht der Ausnahmezustand. Verhandelt wird gegen Horst Mahler. Seine Verteidiger sind Otto Schily und Christian Ströbele. Doch die gemeinsame Geschichte beginnt deutlich früher. Schily hatte Anfang der 1960er in einem Erbrechtsverfahren gegen den damaligen Star-Anwalt Horst Mahler gewonnen. Und Eindruck hinterlassen.

Für alle drei brachte das Jahr 1967 eine Zäsur. Gerade diese Passage macht den Film sehenswert, denn die Filmautorin Birgit Schulz geht den Dingen auf den Grund, die die Voraussetzung bilden für das Verständnis dessen, was meist auf knappe Chiffren wie „die 68er“ reduziert wird. In jenen Tagen stellte sich der deutsche Rechtsstaat selbst infrage. Persische Schah-Anhänger prügelten unter den Augen untätiger deutscher Polizisten auf Demonstranten ein. Später kam es auch vonseiten der deutschen Beamten zu Übergriffen. Am 2. Juni wurde der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten hinterrücks erschossen. Wie man heute weiß, stand der Täter Karl-Heinz Kurras in Diensten der DDR. Dennoch Skandal genug, dass der Todesschuss vertuscht werden sollte. Als Todesursache wurde anfangs ein Schädelbruch vorgeschoben, später verschwanden Beweismittel. Kurras wurde freigesprochen.

Solche Erfahrungen veranlassten den jungen Referendar Christian Ströbele, sich der Außerparlamentarischen Opposition (APO) als Rechtsbeistand zur Verfügung zu stellen. Otto Schily sah den Rechtsstaat, an den er glaubt, in Gefahr. Der vormalige Wirtschaftsanwalt Horst Mahler dagegen hoffte auf einen revolutionären Umsturz in Deutschland.

Der blieb aus, Mahler schloss sich der „Roten-Armee-Fraktion“ an und ging in den Untergrund. Er ließ sich in Jordanien im bewaffneten Kampf ausbilden, wurde nach seiner Rückkehr verhaftet und zu 14 Jahren Haft verurteilt. Seine Verteidiger waren Christian Ströbele und Otto Schily.

Schily und Mahler, die sich als Prozessgegner kennengelernt hatten, sollten sich viele Jahre später erneut in einem Gericht gegenüberstehen: Gegenstand der Verhandlung war das Verbot der NPD. Otto Schily war der zuständige Innenminister, Horst Mahler Rechtsvertreter der NPD.

Dazwischen liegt eine spannende persönliche und teils repräsentative politische Entwicklung. Schily wie auch Christian Ströbele gehörten zu den Mitbegründern der Grünen. Schily wechselte später zur SPD. In der Regierung Schröder wurde er, der einst als Demonstrant von uniformierten Beamten abtransportiert worden war, Innenminister und posierte gern mit Schutzhelm und Schlagstock.

Eine von vielen ironischen Wendungen in diesen drei Biografien. Birgit Schulz erzählt sie in einer Montage aus zeitgenössischen Materialien und eigens angefertigten Interviews mit den Protagonisten, die die Vergangenheit subjektiv reflektierend Revue passieren lassen.

Dazu gehören auch individuelle Standortbestimmungen. Schily sieht sich als konsequenten Vertreter eines starken Rechtsstaates. Für Ströbele liegt die Stärke des Rechtsstaates im Verzicht auf autoritäre Strukturen. Mahler, der heute konfuse rechtsradikale Positionen vertritt, hat den extremsten Wandel durchlaufen. 2009 wurde er wegen Leugnung des Holocausts zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Im selben Jahr verlor er seine Zulassung als Anwalt.

Die Anwälte, Arte, 21.55 Uhr


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