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Ein "Niemand" als Attentäter

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Mordfall John Lennon - Arte, 20.40 Uhr

"Erschossen zu werden ist nicht das Schlechteste. Es ist eine moderne Art der Kreuzigung." War es Zynismus, der John Lennon zu dieser Aussage bewegte? Eine dunkle Vorahnung oder gar die Sehnsucht eines narzisstischen Superstars, der sich und seine Band öffentlich "populärer als Jesus" nannte?

Wie auch immer - vor fast 25 Jahren, am 8. Dezember 1980, machte ein komplexbeladener Südstaatler namens Mark Chapman daraus grausame Wahrheit: Er erschoss den Mitbegründer der Beatles, die Ikone einer ganzen Generation auf offener Straße in New York. Aus nur einem Motiv heraus: "Ich wollte kein Niemand mehr sein." Indem er John Lennon tötete, raubte er ein Stück von dessen Bedeutung. Auch er ein Narziss, der zum Schluss seinen einzigen Selbstwert aus der Kanone in seiner Hand zieht.

Zwei Lebensläufe, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten und sich doch auf so unterschiedlichen Wegen aufeinander zu bewegten. Die Filmautoren Egon Koch und Friedrich Scherer führen sie nun wieder zusammen - weniger brachial, dafür umso interessanter. Sie schöpfen dafür nicht nur aus dem gewaltigen Fundus alter Beatles-Aufnahmen und lassen die Biografen des Mörders und seines Opfers ausführlich zu Wort kommen - auch psychologisch versuchen sie Erklärungen zu finden.

Das erste Attentat der Pop-Geschichte erweist sich schnell als perfekter Stoff für fesselnde Zeitgeschichte. Allein Frederic Seaman, seinerzeit Lennons Assistent, der später ein Buch über seinen Freund und Chef schrieb, ist das Einschalten wert, wenn er beispielsweise erzählt, wie der Mann, der "Imagine" geschrieben hat ("Stell dir eine Welt ohne Besitz vor"), in seinem Luxus schwelgte, mit Einkaufen die Zeit totschlug und sich dabei immer mehr zurückzog.

Als er sich aus dem selbst gewählten Exil zurückmeldet, wird es Lennon zum Verhängnis. Beklemmend führen Koch und Scherer ihre Zuschauer zum Finale, mit Tonbandprotokollen von einem Interview des Attentäters. Wahrscheinlich würde es Chapman heute in seiner Zelle mit Stolz erfüllen, dass dieser Film heute im Fernsehen zu sehen. Armes Schwein.


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