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Gespräch mit „Afghan Star“-Jurorin: „Dieter Bohlen? Der wäre hier unvorstellbar“ Castingshow ist Quotenhit in Afghanistan

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„Afghan Star“-Teilnehmerin aus dem Jahr 2008: Lima Sahar war die erste Frau, die es unter die Top Drei schaffte. Foto: dapd„Afghan Star“-Teilnehmerin aus dem Jahr 2008: Lima Sahar war die erste Frau, die es unter die Top Drei schaffte. Foto: dapd

Osnabrück. Ab heute werden Kandidaten wieder zittern. Wird Dieter Bohlen sie wieder kleinmachen? Werden sie im Rampenlicht stehen oder abtreten müssen? „Deutschland sucht den Superstar“ geht ab heute in die neunte Staffel, Millionen werden per Telefon „voten“ und mitfiebern. Ähnliches passiert auch bei den Kandidaten des afghanischen Pendants, dem „Afghan Star“.

Dennoch müssen die dort auftretenden Sänger mit Schlimmerem als höhnischen Kommentaren rechnen – Morddrohungen etwa. Dennoch gibt die Sendung vielen Menschen Hoffnung, wie uns Wajiha Rastagar, eine der Jurorinnen, im Gespräch mit unserer Zeitung versicherte.

Der Ansturm ist enorm. Riesige Menschenmassen versammeln sich vor dem Kabuler Studio von Tolo TV, dem erfolgreichsten Fernsehsender Afghanistans, Ordnungskräfte haben Mühe, die Menge zu bändigen. Überall in Afghanistan, ob in Kundus, Kandahar oder Kabul, gibt es freitags nur ein Thema: Wer wird bei „Afghan Star“, der sechs Monate lang laufenden Castingshow, siegen? In einem Land, in dem das Fernsehen unter den Taliban verboten war und die Stromversorgung oft nur über Autobatterien gewährleistet ist, schauen immerhin bis zu einem Drittel der Bevölkerung, 12 Millionen, zu. Und das seit 2005.

Ein enormer Erfolg. Dennoch läuft hier manches anders, wie Wajiha Rastagar, selbst erfolgreiche Sängerin und zeitweise in Hamburg lebend, im Gespräch mit unserer Zeitung sagt: „Bei uns sind die Kandidaten viel verhaltener. Viele fühlen sich in der Öffentlichkeit nicht wohl, dieses Showgehabe wie in Deutschland ist ihnen fremd.“

Und auch, wenn sie eine ähnliche Position wie Dieter Bohlen innehat, weicht sie doch von dessen Konzept ab: „Dieter Bohlens Art und Weise wäre bei uns unvorstellbar. Wir müssen viel sensibler mit den Kandidaten umgehen. Viele haben Schreckliches im Krieg erlebt, sind traumatisiert. Was aber nicht bedeutet, dass wir nicht unsere Meinung sagen. Sie ist halt nur schöner verpackt.“

Dass der Krieg und der Islamismus noch immer ein Problem sind, mussten auch schon Kandidaten und Moderatoren erleben. Setara Hussainzada, eine junge Frau aus Herat, die 2008 immerhin Achte wurde, musste mit Morddrohungen zurechtkommen, nachdem sie öffentlich tanzte und zudem auf einen Schleier verzichtete. Und auch der langjährige Moderator der Show, Daoud Sediqi, erhielt 2009 nach Drohungen Asyl in den USA. Während der Taliban-Zeit reparierte er heimlich Videorekorder und TV-Geräte – und das unter Lebensgefahr. Fernsehen war schließlich strengstens verboten.

Auch Wajiha Rastagar lebt, zumal als Frau, nicht ungefährdet: „Leider müssen wir mit bewaffneten Bodyguards im Studio arbeiten. Glücklicherweise ist aber noch nichts Ernstes passiert.“ Und weiter: „Vieles ist allerdings nicht vorhersehbar. Aber sich zu Hause vor den Taliban zu verstecken wäre mir zu feige. Ich will für mein Volk arbeiten“, erklärt sie stolz. Und fügt hinzu: „Zudem bringen mir die Menschen meist großen Respekt entgegen.“

Ob Arm oder Reich, ob Großstädter oder Steppenbewohner, Mann oder Frau, Hirte oder Händler: Jeder kann an der Abstimmung für seinen Kandidaten per Handy teilnehmen, auch wenn die Stammesangehörigkeit wichtig bleibt. Parallelen zum Abstimmungsverhalten beim „Eurovision Song Contest“, wo Skandinavier oder Osteuropäer unter sich bleiben, sind also nicht so abwegig. Dennoch wird das Abstimmen per SMS auch als Einübung in die Demokratie gesehen, wie es nicht nur westliche Kommentatoren immer wieder behaupten. Und trotz aller Ethnienzugehörigkeit komme es, so Rastagar, beim Abstimmen dennoch vor allem auf die Leistung an, die die Sänger mit ihren oft von traditionellen afghanischen Melodien beeinflussten Popsongs erbringen: „Wir haben festgestellt, dass die Kandidaten, die nicht so gut waren, auch tatsächlich weniger Stimmen bekamen.“

Und Exil-Afghanen, etwa in Deutschland, verfolgen auch sie die Sendungen von „Afghan Star“? Ja, bestätigt Wajiha Rastagar. Via Satellit oder im Internet, etwa bei Facebook, würden viele die Sendungen verfolgen: „Die Menschen im Ausland haben jedoch oft mehr Mitleid mit den Kandidaten, fordern uns gar auf, diese mehr zu unterstützen. In Afghanistan selber ist man viel kritischer. Hier zählen vor allem die erbrachten Leistungen.“

Ob in Afghanistan oder im Ausland: Das Wort vom „globalen Dorf“ bekommt angesichts der prozentualen Reichweite von „Afghan Star“ eine ganz neue Bedeutung. Und gegenüber der weltweiten Verbreitung wird selbst Dieter Bohlen ausnahmsweise mal ein ganz kleiner Poptitan.


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