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„Girls in Popsongs“ Wer ist Peggy Sue? Unbekannt, aber berühmt

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Leonard Cohens berühmte „Suzanne“ lebte jahrelang völlig mittellos in einem Van. Der Musiker hat sie besungen – und sich dann nie wieder bei ihr gemeldet. Foto: ArteLeonard Cohens berühmte „Suzanne“ lebte jahrelang völlig mittellos in einem Van. Der Musiker hat sie besungen – und sich dann nie wieder bei ihr gemeldet. Foto: Arte

Osnabrück. „Barbara Ann“, „Peggy Sue“ oder „My Sharona“: Fast jeder kennt diese legendären Songs. Doch wer verbirgt sich eigentlich hinter den Frauennamen, die dort besungen werden? Arte geht dieser Frage in der sehenswerten Dokumentation „Girls in Popsongs“ nach.

Musen unter sich: „Bist du ,Oh Donna‘? Ich bin nämlich ,pretty pretty Peggy Sue‘, vielleicht sollten wir uns mal zum Mittagessen treffen.“ Mit diesen Worten meldete sich Peggy Sue Garron bei Donna Ludwig Fox. Das war viele Jahre nach dem Erscheinen von Buddy Hollys „Peggy Sue“ und Ritchie Valens Schmachtlied „Donna“. Seitdem stehen die zwei Frauen im freundschaftlichen Kontakt, denn sie teilen dasselbe Schicksal: Sie wurden besungen von Musikern und verloren dadurch auch ein wenig vom Recht an ihrem eigenen Namen.

Doch unglücklich sind beide darüber nicht, das zeigt Regisseur Markus Heidingsfelder in seiner Dokumentation, die Arte heute Abend im Rahmen des Themenabend „Singing Ladies“ sendet. Da passt sie zwar thematisch nicht wirklich hin – schließlich singen die Damen nicht –, aber das tut der Qualität des hochinteressanten Films keinerlei Abbruch.

„Die Idee zur Dokumentation kam mir nach Lektüre des Buches ,Das Mädchen aus dem Song‘ – und meinem Ärger über diverse Ungenauigkeiten in ihm. Da dachte ich mir: ,Lasst die Musen doch selbst sprechen‘“, erzählt Regisseur Heidingsfelder im Gespräch mit unserer Zeitung. Als dann Arte die Reihe „Summer of Girls“ plante, passte Heidingsfelders Idee wunderbar ins Konzept.

Neben Peggy Sue und Donna hat Heidingsfelder noch sieben weitere Musen ausfindig gemacht, die bereit waren, mit ihm zu sprechen. Darunter die von den Rolling Stones im Song „Miss Amanda Jones“ übel beleumundete Amanda Lear, Leonard Cohens „Suzanne“ Verdal, „The Knacks“ „My Sharona“ Alperin und den Transvestiten Holly Woodlaw, der Lou Reed zum legendären „Walk on the Wild Side“ inspirierte.

„Letztendlich haben wir genommen, wen wir kriegen konnten“, sagt Heidingsfelder und lacht. „Das größte Wunder ist, dass der Film überhaupt fertig wurde“, findet der Autor des Buches „System Pop“. Denn die gesamte Produktion – Recherche, Anfrage, Dreh und Schnitt – wurde in fünf Wochen durchgezogen. Dass man ihr das nicht ansieht, verdankt sie sowohl den entspannt aus dem Nähkästchen plaudernden Damen wie auch den wunderschönen und gekonnt auf den Takt der Songs geschnittenen Bildern von Kameramann Benjamin Wistorf.

Dabei reibt man sich als Zuschauer, der die Lieder kennt, immer wieder die Augen, wenn man sieht, was aus den Mädchen von damals geworden ist: Statt Musen sieht man die Frauen in ihrer ganzen Normalität. So ist die süße Peggy Sue heute eine zum zweiten Mal verheiratete vollschlanke Blondine und Sharona Alperin, die als Schülerin den „The Knack“-Sänger Doug Fieger in den Liebeswahn trieb und eine vierjährige Beziehung mit ihm einging, arbeitet als bodenständige Immobilienmaklerin in Kalifornien. Statt sich vom Ruhm des Liedes lange beeindrucken zu lassen, befreite sich Letztere selbstbewusst von ihrer Rolle wie von Fieger: „Ich habe ihn verlassen, weil ich auch mal wieder meine Sharona sein wollte“, sagt sie.

Tragisch jedoch das Schicksal Suzanne Verdals. Einst die unberührte Muse Leonard Cohens, lebte die hippieske Tänzerin nach einem Hüftunfall jahrelang in einem Van, weil sie sich keine Wohnung leisten konnte. Heute ist sie immer noch arm – und wirkt ein wenig verbittert, dass Cohen sich nie mehr gemeldet hat, obwohl er von ihrem Schicksal wusste. „Bei den Dreharbeiten mit ihr kam es zu Tränen, doch die haben wir rausgeschnitten, denn es sollte nicht zu RTL-lig werden, und wir wollten sie auch nicht bloßstellen“, sagt Heidingsfelder.

Doch der Film sollte nicht nur „Homestorys bieten, sondern auch eine wissenschaftliche Komponente“ beinhalten. Deshalb werden die Songs von Joachim Hentschel, stellvertretendem Chefredakteur des deutschen „Rolling Stone“-Magazins, musikalisch – und glücklicherweise nicht zu ernst – eingeordnet. Mit diesem Rezept gelingt Heidingsfelder eine ebenso informative wie unterhaltsame popkulturelle Recherche über die Frauen, deren Namen Popgeschichte schrieben.

Girls in Popsongs, Arte, Dienstag, 26. Juli 2011, 21.55 Uhr


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