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Vor 29 Jahren im ZDF Legendäre Fernsehserie: „Nesthäkchen“ verzauberte das Publikum

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<em>Publikumsliebling:</em> Die kleine Annemarie Braun (Kathrin Toboll) wächst wohlbehütet unter der Aufsicht des geliebten Kindermädchens Lena auf. Foto: Fred Lindinger/TV 60 MünchenPublikumsliebling: Die kleine Annemarie Braun (Kathrin Toboll) wächst wohlbehütet unter der Aufsicht des geliebten Kindermädchens Lena auf. Foto: Fred Lindinger/TV 60 München

Osnabrück. Es gab einmal eine Zeit, da sorgten in den Tagen nach Weihnachten kindliche Helden namens Silas, Timm Thaler, Madita oder Anna in den sogenannten ZDF-Weihnachtsserien für hohe Einschaltquoten. Auch das „Nesthäkchen“ Annemarie Braun war eine von ihnen.

„In Prenzlauer Berg fing eine junge Frau vor Kurzem an, vor Freude auf und ab zu hüpfen, als sie mich sah. Das war sehr lustig, denn normalerweise werde ich nur noch selten erkannt“, erzählt Kathrin Toboll im Gespräch mit unserer Zeitung. Das war von fast 30 Jahren anders, als vom 25. bis zum 30. Dezember 1983 die sechs Folgen der Serie „Nesthäkchen“ ausgestrahlt wurden. Toboll spielte in den ersten Folgen der Serie die junge Heldin Annemarie Braun, ein Kind der gehobenen Bürgerschicht im kaiserlichen Deutschland.

Zugrunde lagen der Serie die Kinderbücher von Else Ury, deren „Nesthäkchen“-Bände zu den erfolgreichsten Büchern für Mädchen von der Kaiserzeit bis zur Weimarer Republik wurden. Urys Schicksal jedoch war traurig: Als beliebte Schriftstellerin und Patriotin fühlte sich die Jüdin auch nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland sicher. Nach jahrelangen Repressalien wurde die 65-Jährige schließlich nach Auschwitz deportiert und dort am 12. August 1943 vergast.

Von dieser Tragik ist in der Verfilmung jedoch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Die Serie zeichnete ein idyllisches Bild einer wohlbehüteten Kindheit im Schoß einer wohlhabenden Berliner Arztfamilie, die irgendwo in der Nähe des Charlottenburger Schlosses wohnt. Dieses sieht man nämlich jedes Mal im Vorspann, wenn die prägnante Klaviermusik von Christian Bruhn erklingt.

Sind die Erwachsenen oft allzu snobistisch, so schließt das unbekümmerte „Nesthäkchen“ Freundschaft mit allen Kindern, benutzt Worte wie „Donnerknispel“, zeigt allen ihre Puppe Gerda und treibt das allzu sanfte Kindermädchen Lena in den Wahnsinn. Ihr Vater, dargestellt von Christian Wolff, ist streng, aber liebevoll, die von Doris Kunstmann gespielte Mutter Elsbeth immer auf den guten Ton bedacht. Alles in allem also lebt Annemarie – trotz Keuchhusten, Scharlach oder des drohenden Ersten Weltkriegs – in einer heilen Welt. Und in die tauchten 1983 bis zu zwölf Millionen Zuschauer mit ein.

Nach Ausstrahlung der Serie bekam Toboll auch massig Fanbriefe: „Die ersten drei, vier, fünf habe ich noch beantwortet, aber dann wurde das Ausmaß einfach zu groß“, erzählt sie und lacht. Man muss bedenken: Damals gab es ja nur drei Fernsehsender, die Aufmerksamkeit, die einer einzigen Sendung gewidmet wurde, war ungleich höher als heute. Zudem waren die Weihnachtsserien Unterhaltung für die ganze Familie: spannend, aber nicht zu sehr, etwas tragisch, aber auch immer sehr lustig und garantiert mit Happy End.

Zu der Rolle war Toboll nur durch Zufall gekommen: „Die Eltern meiner besten Freundin waren mit dem Regisseur befreundet. Und der hatte sie gefragt, ob sie nicht jemanden kennen würden, der zu der Rolle passt.“ Ihre Eltern hätten das erst nicht so ernst genommen, „aber als dann der Produzent anrief und über Verträge reden wollte, dachten sie schon, okay, alles klar“. Toboll passte nämlich perfekt als kleine Annemarie, die ältere Annemarie wurde von Anja Bayer gespielt, die heute als Logopädin in München arbeitet.

Im Gegensatz zu den jungen Darstellern anderer Weihnachtsserien wurden aus den „Nesthäkchen“-Darstellerinnen nie die „Kinderstars“, die sie vielleicht hätten werden können. Bei Toboll lag das an ihren Eltern: „Sie waren sehr reflektiert, haben verantwortungsbewusst und in meinem Sinne als Kind gehandelt und mussten sich auch nicht über meine Karriere profilieren.“

Spricht man heute über die Weihnachtsserien, dann auch immer über Silvia Seidel, die sich im vergangenen Sommer das Leben nahm. Toboll hat das sehr mitgenommen, doch sie glaubt auch nicht an eine einfache Erklärung für Seidels Entschluss: „Schlimm war jedoch auch, was um ihren Tod herum passierte: Während bei Robert Enkes Suizid noch über die Krankheit Depression aufgeklärt wurde, wurde ihr Tod einfach boulevardisiert, und es wurde wild spekuliert.“

Heute ist Toboll jedenfalls froh über die Entscheidung ihrer Eltern, selbst wenn man „die Situation von heute mit damals auch nicht vergleichen kann: Das ist alles sehr extrem geworden. Zahlreiche Kindercasting- und Modelagenturen, diverse Castingshows, sogar Schauspielschulen zum Coachen für Kinder gibt es mittlerweile. Das finde ich übertrieben und zu viel.“ Dem Fernsehen blieb sie trotzdem treu, wenn auch anders: Heute arbeitet sie bei der Filmproduktionsfirma Teamworx, produziert dort Filme, von denen sie bei einigen auch selbst das Drehbuch verfasst hat.

Nesthäkchen – Alle 6 Episoden der Serie, 3 DVDs, 330 Minuten, Universum Film

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