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Eine Platte macht die Runde Vinyl feiert ein Comeback und macht Musik wieder anfassbar

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Osnabrück/Diepholz. Schwarz, glänzend und mit feinen Rillen liegt sie da, sie will mit sanften Händen angefasst werden: die Schallplatte. Mit ihr ist Musikhören wie Schmusen. Im niedersächsischen Diepholz werden die Platten für Liebhaber gefertigt.

Die Pallas-Group in der 16000-Einwohner-Kreisstadt ist eine der letzten Firmen ihrer Art. Insgesamt gibt es noch fünf Betriebe, die Musik auf Vinyl pressen – in ganz Europa. Die Pallas liegt damit im Trend. „Ein unheimlich großer Kreis möchte Retroprodukte wieder in der Hand halten und abhören“, sagt der Geschäftsführer der Pallas-Group , Holger Neumann. „Die Schallplatten, die wir heute ausliefern, haben die Qualität von früher.“

Damals hätten die Kunden sich gewünscht, dass die Platten weniger knistern. Heute heißt es: „Mach mir mal ein Knistern drauf.“ Die Herstellung der Schallplatten wird noch genauso gehandhabt wie damals. „100-prozentige Qualität gibt es nicht“, sagt Neumann. Grundgeräusche im Material plus Musik plus Fussel gleich Knistern, rechnet er vor. Da helfen auch keine neuen Maschinen – die gibt es nämlich nicht.

In Diepholz fing die Produktion mit Schellackplatten an. Neumanns Großvater Karl, ein Militärattaché, gründete die Firma 1948, als er aus norwegischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war. Im Krieg hatte er mit seinem tschechischen Kameraden Hans Oestreicher über Musik philosophiert und kam auf die Idee, mit ihm Schallplatten zu produzieren. „Das fand ich schon sehr mutig“, sagt Neumann. Richtige Pionierarbeit sei das gewesen zu Beginn der Wirtschaftswunderzeit. Auch Holger Neumann war beim Militär, 1986 verließ der Elektromechaniker die Luftwaffe und stieg bei seinem Vater Rolf ins Musikgeschäft ein. „Wenn damals nicht die CD entstanden wäre, hätte ich etwas anderes gemacht“, erzählt Neumann. Die Schallplattenproduktion brachte kaum noch Gewinn. Waren es anfangs noch 6 Millionen produzierte Platten im Jahr, sank ihre Zahl mit der Geburt der CD rasch. Ein neues CD-Werk gegenüber dem Stammhaus sollte die Firma retten. Eine Herausforderung für Neumann. Das musst du mitmachen, dachte er. Die alten Schallplattenpressen behielt er. Mit einer leisen Vorahnung, dass sich Vergangenes auch wieder zum Trend entwickeln könnte.

Ein Stück Nostalgie

In Diepholz werden die Schallplatten heute mit schwedischen Toolex-Alpha-Automaten aus den 70er-Jahren produziert. 12 davon stehen in Neumanns Halle. Dort riecht es nach angeschmortem Gummi. 35 Sekunden dauert es, bis aus einem schwarzen Klumpen Polyvinylchlorid ein Stück Nostalgie wird.

Der Weg der Musik aus dem Tonstudio auf die Schallplatte ist komplizierter: Im Studio werden die Töne mit einer feinen Nadel in eine Scheibe aus Lack oder Kupfer geritzt. Die Nadel wird von einem Schreiber gesteuert, der die elektrischen Signale der auf dem Computer gespeicherten Musik in mechanische Schwingungen umwandelt.

Neumann steht in einer der Produktionshallen und zieht etwas Silbernes in Schallplattenform aus einem Schuber. Es ist die versilberte Urplatte. Im Nebenraum stehen Becken mit einer grünen Flüssigkeit, die aussieht wie Wackelpudding. Die Urplatte kommt in diese Nickelbäder. Unter Strom gesetzt, zieht das Silber das im Bad gelöste Nickel an, es legt sich als dünne Hülle um die Platte. In der Fachsprache wird es auch das Vater-Mutter-Sohn-Verfahren genannt: Der erste Schritt ist die Geburt des Vaters. Er wird anschließend von der Urplatte abgezogen, noch lässt sich die Platte nicht zum Leben erwecken. Die Rillen sind eingesenkt.

Wieder ein Bad unter Strom, und aus dem Vater wird die Mutter. Ein weiteres Mal baden, und die Mutter gebiert zwei Söhne, die Schallplattenmatrizen – die A- und B-Seiten der Platte. Nun pressen die alten Automaten die Musik in den Vinylklumpen. Etikett drauf, in die Hülle rein, auskühlen. Aus einer Matrize werden bei Pallas rund 8000 Schallplatten gepresst, dann ist sie abgenutzt. Die Platten in die Cover zu sortieren ist Handarbeit: Mitarbeiter sitzen mit Handschuhen an den Händen vor den Plattenstapeln und schieben sie mit flinker Bewegung in die Hüllen. „Das Web ist, was das Vinyl betrifft, sehr klein“, sagt Neumann. Er selbst stöbert dort nach alten Maschinen. Kürzlich hat er welche aus England abgeholt, die werden „ausgeschlachtet“ wie er sagt und als Ersatzteillager für seine Maschinen verwendet. Das Wichtigste seien die Mitarbeiter, sagt Neumann. „Deren langjährige Qualität spiegelt sich in der Qualität der LPs wider“, sagt er. Die Handgriffe und Bewegungen könne man nicht niederschreiben, neue Mitarbeiter müssen bei Pallas den älteren über die Schulter gucken.

Auch in Röbel/Müritz in Mecklenburg-Vorpommern werden noch Schallplatten hergestellt. In der Kleinstadt produziert die Firma Optimal Media seit 1996 Vinyl-Schallplatten. Damals waren die Platten ziemlich unpopulär. Sie hatten noch ein wenig den Muff der alten Zeiten an sich haften.

Denn als Mitte der 80er-Jahre die CD auf den Markt kam, brachte sie den Firmen schnell Millionenumsätze und verdrängte das Vinyl. Die CD stand für eine neue Generation von Tonträgern. Es passten mehr Daten darauf, sie war einfach zu bedienen und vor allem handlicher und damit praktischer zu verstauen. Viele Schallplattenhersteller stellten komplett auf die CD-Produktion um und sortierten ihre alten Maschinen aus. „Wir haben damals gegen den Trend angefangen, auch Vinyl zu produzieren, und haben einige alte Maschinen aufgekauft“, sagt Peter Runge von Optimal Media.

Die Platte klingt wärmer

Die Platten werden, genau wie bei der Pallas, auf alten Maschinen aus den 1950ern und 1970ern hergestellt. „Es ist heute nicht mehr möglich, neue Maschinen zu kaufen. Wenn bei uns eine Maschine ausfällt, haben wir die Möglichkeit, für Reparaturen Ersatzteile von anderen alten Anlagen zu verwenden, oder wir bauen die Ersatzteile selbst nach“, sagt Runge.

Im vergangenen Jahr hat das Unternehmen rund sieben Millionen Schallplatten hergestellt und konnte damit eine Umsatzsteigerung von 50 Prozent verzeichnen. Den Trend hin zur Schallplatte kann sich Runge erklären: „Der Klang macht den Unterschied. Eine MP3-Datei ist mit Verlust komprimiert. Das heißt, es fehlt etwas, sie kann nie so klingen wie eine Schallplatte. Die Schallplatte hat einen viel wärmeren Klang, man kann sie in die Hand nehmen und hatdamit insgesamt eine andere Beziehung zur Musik.“ Ein fast ausgestorbener Tonträger feiert sein Comeback und überholt dabei noch die jüngere Generation. „Die CD ist leicht rückläufig, dass sie ausstirbt, glaube ich nicht“, sagt Runge.

Holger Neumann gibt der CD dagegen höchstens noch zehn Jahre als Musikträger. Mittlerweile produziert die Pallas-Group nur noch 14 Millionen CDs, zu Beginn waren es noch 30 Millionen. Heute, im digitalen Zeitalter, ist Neumann also wieder ein Pionier mit der Produktion der Vinyl-Platte. 2011 wurden in Diepholz 3,8 Millionen Schallplatten gepresst, 2012 waren es 3,5 Millionen.

„Es ist schon faszinierend, dass das, was ich früher auf Schallplatte gehört habe, heute auch wieder als Schallplatte aufgelegt wird“ – wie die Musik von Led Zeppelin oder den Beatles. Aber auch neuere Rockbands wie Tocotronic lassen ihre Platten bei Pallas pressen und „schwimmen auf der Welle“ mit, wie Neumann über den Retro-Trend sagt. Neue Kunden finden Neumann über die sozialen Netzwerke. „Das Web ist, was das Vinyl betrifft, sehr klein“, sagt Neumann. Viele Kunden von Pallas sitzen in den USA, aber auch in Australien, Indien, Thailand, Japan oder China. Mittlerweile liegen 40 Prozent des Jahresumsatzes der Pallas-Group im Export.

„Vinyl ist eine Technologie, die in unsere Zeit zurückgebeamt wurde, so was gab es doch noch nie“, sagt Gerhard Georg Ortmann, Geschäftsführer des Musik-Versandhandels JPC aus Georgsmarienhütte. Seine ersten Platten verkaufte er 1970 mit einem Freund vor den Universitäten in Köln und Göttingen – auf zwei Tapeziertischen. Heute ist JPC einer der größten Klassik-Anbieter Europas. „Vor 10, 15 Jahren erlebte Vinyl einen Tiefpunkt“, sagt Ortmann. Da wurden kaum noch Platten hergestellt. Einzelne Restbestände gab es noch in den Musikläden, beliebt war die Platte bei seinen Kunden aber nicht.

Das änderte sich vor ein paar Jahren. Seit 2004 steigen die Verkaufszahlen von Vinyl wieder an, und Musikliebhaber lernten die Platte wieder schätzen. Vielleicht liegt es am Ritual des Auflegens, am nostalgischen Knistern oder weil sie einfach schöner aussieht als ein silberner CD-Rohling. Für den Geschäftsführer aus Georgsmarienhütte jedenfalls ist klar: „Vinyl klingt einfach besser, es gibt ein Cover, das man schätzt, und man kann das anfassen, was man liebt. Es ist das Romantische daran.“

Ob der Trend zur Platte nur ein flüchtiger ist, bleibt abzuwarten. Der Osnabrücker Plattenladenbesitzer Hans-Dieter Herrmann, auch bekannt als Bibi, mag dakeine Prognose abgeben. Er sieht vor allem einen Markt dahinter: „Der Boom nach Vinyl wird ausgenutzt, teilweise werden die Platten viel zu teuer angeboten. Das Ganze ist extrem inflationär. Früher war der Verkauf ungezwungener. Mittlerweile haben ja auch Media Markt und Saturn Vinyl.“

Er selbst betreibt den kleinen Laden Shock Records. Die erhöhte Nachfrage nach Platten merkt er auch dort, aber ihn ärgert der ganze Rummel ein wenig und die schwarzen Schafe in der Branche: „Das ist ja nicht schlecht für mich, aber man sollte vor allem bei Secondhand-Verkäufern aufpassen – die verkaufen ihren Schrott viel zu teuer“, sagt Herrmann. Es ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit, die Liebhaber zur Schallplatte greifen lassen.

Auch wenn Neumann in Diepholz sich sicher ist, dass in einigen Jahren die physischen Tonträger nicht mehr existieren, „es geht darum, die Schallplatte als Kulturgut zu erhalten“, sagt er.


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