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Sie war schon rausgeschrieben Zweiteiler zur Zwangsprostitution: Maria Furtwängler im neuen „Tatort“

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<em>Ein Theaterengagement</em> in Berlin, ein Kinofilm und die Rolle der Leni Riefenstahl – da bleibt Maria Furtwängler nicht mehr viel Zeit für den „Tatort“. Foto: NDREin Theaterengagement in Berlin, ein Kinofilm und die Rolle der Leni Riefenstahl – da bleibt Maria Furtwängler nicht mehr viel Zeit für den „Tatort“. Foto: NDR

Osnabrück. Es ist ein Wagnis, auf das sich der NDR und mit ihm die ARD da einlassen: Der neue „Tatort“ aus Niedersachsen kommt erstmals als Zweiteiler daher. Allerdings: Seine beiden Bausteine funktionieren losgelöst voneinander nur bedingt. Maria Furtwängler ermittelt als LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm im Dreieck Rocker – Rotlicht – Reiche und wird mit abscheulicher Zwangsprostitution konfrontiert. Um ein Haar wäre es Furtwänglers letzter „Tatort“ geworden.

Am Anfang war die SMS. So tauschten sich die Hauptdarstellerin und NDR-Fernsehfilmchef Christian Ganderath über das Thema des vorweihnachtlichen „Tatorts“ aus und waren sich schnell einig: Es geht um osteuropäische Zwangsprostituierte in Deutschland. Und es soll ein Zweiteiler werden, mit dem man dieses Thema in ungewohnter Komplexität aufgreifen kann.

Schon länger engagiert sich die Schauspielerin privat gegen die Sexsklaverei in Südostasien – nun wollte sie das Thema auch im populärsten deutschen Krimiformat unterbringen: „Das Thema – der Umgang mit und der Wert von Frauen in unserer Gesellschaft – geht mir sehr nahe“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Der Titel des ersten Teils „Wegwerfmädchen“ wird gleich zu Beginn in drastische Bilder umgesetzt: Junge Mädchen, die in historischen Kostümen scheinbar ungezwungen feiern – und dann weggezerrt, unter Drogen gesetzt und missbraucht werden. Ein finsterer Kapuzenmann, der blaue Säcke mit leblosen Körpern in einem Wagen der Hannoveraner Müllabfuhr entsorgt. Eine Hand, die sich aus einem schmutzig-bunten Müllberg gräbt: Das „Wegwerfmädchen“ – ein fast schon ästhetisches Bild, wo für Ästhetik kein Platz mehr ist.

Schlimmer noch: Der Reigen des Grauens wird unterbrochen von einer morgendlichen Bettszene der Kommissarin mit ihrem Liebhaber, dem investigativen Journalisten Jan Liebermann (Benjamin Sadler): „Guten Morgen, Du Schöne“.

Guten Abend, liebes „Tatort“-Publikum. Stellen Sie sich darauf ein, mit einem der widerwärtigsten Auswüchse unserer Gesellschaft konfrontiert zu werden. Mit stinkreichen Männern, die sich von skrupellosen Rockern mit blutjungen Frauen aus Weißrussland versorgen lassen, um eine zünftige Party zu feiern. Wozu auch heimische Nutten engagieren, die womöglich den einen oder anderen Promi erkennen und später in Bedrängnis bringen könnten? Ein Model-Casting in dem bitterarmen Land ist schnell organisiert, und die Siegprämie in Form einer Reise in den goldenen Westen wird ganz schnell zum Ticket in die Hölle.

Aber, liebes „Tatort“-Publikum, Sie müssen nicht befürchten, dass Ihnen der Krimi den Sonntagabend vermiest. Immer dann, wenn es intensiv, spannend und bedrückend wird, nimmt Regisseurin Franziska Meletzky die Fahrt aus dem Film und streut wieder eine Episode aus der Liebesgeschichte zwischen Lindholm und Liebermann ein. Da fühlt man sich schnell wie auf einer Achterbahn der Gefühle.

Zum Glück findet der Krimi immer wieder sein Thema. „Man kann Prostituierte tatsächlich wie aus einem Katalog bestellen – das hat ein Fall in Österreich gezeigt“, berichtet Drehbuchautor Stefan Dähnert von seinen Recherchen. „Üblich ist es, dass die Mädchen durch Modelwettbewerbe in Osteuropa rekrutiert werden. Was uns Mitglieder des Vereins ,Hydra‘, der sich in Hannover um Zwangsprostituierte kümmert, erzählt haben, ist nur schwer zu ertragen.“

Die Geschichte hat deutliche Anleihen aus der Wirklichkeit. Die Ähnlichkeit des Hannoveraner Rockerkönigs Uwe Koschnik (Robert Gallinowski) zum Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth liegt auf der Hand. Das räumt auch Maria Furtwängler ein, die maßgeblich an der Drehbuchentwicklung beteiligt war: „Eine Vorlage war sicher dieses dubiose Rockermilieu in Hannover – und da sind Frauen ganz klar Menschen zweiter Klasse, Ausstellungsstücke, Nutzgegenstände, Profilierungsobjekte.“

Seine Wurzel in der Wirklichkeit habe auch ein anderes Bild, sagt der Drehbuchautor: „Der Skandal um die Vergnügungsreise der Ergo-Versicherung nach Budapest, wo die Prostituierten verschiedenfarbige Bändchen tragen mussten, passierte, während wir geschrieben haben.“ So eine Vorlage habe er nicht liegen lassen können. Warum auch?

Problematischer hingegen ist das Vorhaben, auf „Wegwerfmädchen“ an diesem Sonntag in einer Woche den zweiten Teil „Das goldene Band“ folgen zu lassen, wie auch Dähnert einräumt: „So eine Doppelfolge ist ein bisschen wie die Quadratur des Kreises. Einerseits soll jede Folge für sich programmierbar sein, auf der anderen wollen wir natürlich, dass die Leute auch den zweiten Teil wieder einschalten.“ Und so gibt es am Ende von „Wegwerfmädchen“ gleich mehrere sogenannte Cliffhanger – unaufgelöste Handlungsstränge, die neugierig auf die Fortsetzung machen sollen. Für Wiederholungen ist so ein Krimi denkbar ungeeignet – es sei denn, man strahlt immer gleich eine Doppelfolge aus.

Für die Hauptdarstellerin wäre der Zweiteiler beinahe das Ende ihrer „Tatort“-Karriere gewesen: „Ursprünglich war geplant, dass es die Exit-Folge für sie wird – ich hatte Maria Furtwängler schon rausgeschrieben“, berichtet Drehbuchautor Dähnert. Doch dann kam der Sinneswandel: „Innerlich hatte ich schon mit dem Gedanken gespielt aufzuhören – und dann durch diesen Zweiteiler gemerkt, dass ich die Figur Charlotte Lindholm auf keinen Fall verlassen will“, sagt Furtwängler. „Aber ich möchte eben auch mehr Zeit haben für andere Projekte. Stillstand ist der Tod.“

Nun aber plant die Schauspielerin schon für ihre „Tatort“-Zukunft: „Nach diesem dramatischen und schweren Fall haben wir uns für das nächste Mal vorgenommen, in eine sehr viel leichtere und vielleicht auch absurd-makabre Richtung zu gehen.“ Und womöglich erlebt man sie bald auch in einer zweiten Rolle: „Ich würde gern auch ein eigenes Drehbuch schreiben – ein Teil liegt schon länger in der Schublade, ist aber noch nicht so weit. Das ist neben meinem Theater- und dem Kinoprojekt ein weiterer Grund dafür, dass ich künftig nur noch einen ,Tatort‘ pro Jahr drehen werde.“

Tatort: Wegwerfmädchen, ARD, Sonntag, 9. Dezember, 20.15 Uhr

Tatort: Das goldene Band, ARD, Sonntag, 16. Dezember, 20.15 Uhr

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