zuletzt aktualisiert vor

Mehr als nur eine Audio-Ausgabe Der Radio-„Tatort“ erfreut sich solider Hörerzahlen: Oft sogar Harald Schmidt bei den Downloads abgehängt

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Aufnahme eines Kriminalhörspiels aus der Reihe Radio-„Tatort“, hier mit Karoline Eichhorn als Kommissarin Nina Brändle und Ueli Jäggi als Kriminaloberrat Xaver Finkbeiner. Foto: SWR/Monika MaierAufnahme eines Kriminalhörspiels aus der Reihe Radio-„Tatort“, hier mit Karoline Eichhorn als Kommissarin Nina Brändle und Ueli Jäggi als Kriminaloberrat Xaver Finkbeiner. Foto: SWR/Monika Maier

Osnabrück. So manche erfolgreiche Fernsehreihe nahm ihren Anfang im Radio – ein eigenes Kapitel deutscher Mediengeschichte. Mit dem Radio-„Tatort“ hat die ARD vor dreieinhalb Jahren den umgekehrten Sprung von der Mattscheibe zurück zum Äther geschafft. Doch die Hörspielreihe ist mehr als nur eine Audio-Ausgabe des „Tatorts“.

Es war eine lange Geburt. Mit der ersten Idee zu einer bundesweiten Krimihörspielreihe ging Ekkehard Skoruppa bereits vor etwa 20 Jahren schwanger. Der SWR-Abteilungsleiter für Hörspiel und Koordinator des Radio-„Tatorts“ bezeichnet sich selbst als einen der Hauptmotoren bei der Entstehung des Projekts.

Im Januar 2008 einigten sich die Rundfunkanstalten der ARD nach dreijähriger Vorarbeit auf ein gemeinsames Konzept. Die ursprüngliche Idee eines einzigen Teams, das bundesweit ermittelt, wurde verworfen zugunsten der Freiheit der einzelnen Redaktionen. Denn darum geht es beim Radio-„Tatort“, so Skoruppa: die Fälle mit eigenen, anderen Ermittlern als im Fernsehen in der Mentalität und der Realität der jeweiligen Einsatzorte anzusiedeln.

Auffällig ist das für den Hörer vor allem dort, wo die Ermittler Dialekt sprechen. So ist Karoline Eichhorn als SWR-Kommissarin Nina Brändle vor lauter Schwäbeln kaum wiederzuerkennen. Eine solch starke regionale Farbe findet sich im TV-„Tatort“, der ja erklärtermaßen ein Massenpublikum bedienen will, nicht.

Im Gespräch mit unserer Zeitung schwärmte Eichhorn über den Radio-„Tatort“: „Das mache ich unheimlich gerne, weil ich gerne diesen schwäbischen Dialekt spreche. Das ist im Radio ganz anders als im Fernsehen – da gibt es ohne Ende ,Tatorte‘, ,Polizeirufe‘ und ,Sokos‘, aber alle sprechen überall Hochdeutsch. Ich habe immer und immer wieder Regisseure gefragt, ob ich eine Rolle im Dialekt oder Akzent spielen kann. Und immer wieder hieß es: Nein, das versteht dann doch keiner. Das Fernsehen ist vollkommen paranoid, was die Quote angeht. Und deswegen liegt mir der Radio-,Tatort‘ so am Herzen.“

Die Rundfunkanstalten senden monatlich eine neue Folge, die dann vier Wochen auf der Internetseite zum freien Download bereitsteht. Die Downloadzahlen liegen stets jenseits der 100000er-Marke.

Über eine Million Menschen haben die Reihe bisher gehört, mehr als die Hälfte stellen ihr eine gute bis sehr gute Note aus, so die „ARD-Trend-Untersuchung“. In den Podcast-Portalen wie iTunes belegt der Radio-„Tatort“ regelmäßig Spitzenplätze und schlägt mitunter sogar Video-Podcasts wie „Harald Schmidt“, erklärt Skoruppa nicht ohne Stolz.

Eine Folge dauert rund 55 Minuten und folgt allein deshalb schon einer anderen Dramaturgie als die 90-Minüter im Fernsehen.

Darüber hinaus lebt das Hörspiel naturgemäß vom Wort – ein Reiz für viele Schauspieler. So finden sich unter den Sprechern nicht selten bekannte Namen. Auch auf Autorenseite erfreut sich der Radio-„Tatort“ offenbar einer gewissen Attraktivität. Friedrich Ani und John von Düffel sind hier nur die prominentesten Namen. Das hohe Niveau hebt die Hörererwartungen. Rege wird auf der Internetseite kommentiert und kritisiert, die Radiosender erhalten regelmäßig Post, es gibt eine eigene Facebook-Seite, auf der sich Fans austauschen. Die Erwartungen dürfen aber auch auf die Probe gestellt werden. Ein Krimi ohne Auflösung wäre im Fernsehen ein Sakrileg, der Radio-„Tatort“ hat es bereits gewagt.

Aufmerksamkeit für das gesamte Genre Hörspiel möchte Ekkehard Skoruppa erregen. Er ist „nicht unzufrieden“, doch sei das Potenzial derer, die den Radio-„Tatort“ zwar kennen, aber nicht regelmäßig hören, noch längst nicht ausgeschöpft.

Nina Brändle und Kollegen ermitteln also fleißig weiter. Der Fall ohne Auflösung, von John von Düffel nach einem realen Vorbild geschrieben, ist in der Wirklichkeit übrigens kürzlich aufgeklärt worden.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN