zuletzt aktualisiert vor

Flatrate-Bordelle boomen Sextourismus: Deutschland Reiseziel Nummer eins in Europa

Meine Nachrichten

Um das Thema Medien Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Hamburg. Seit 2002 hat Deutschland eines der liberalsten Prostitutionsgesetze Europas. Was zum besseren Schutz der Frauen gedacht war, entpuppte sich als Grundstein für immer mehr Flatrate-Bordelle, die zahllose Kunden aus dem Ausland anlocken. Deutschland ist längst zum Reiseziel Nummer eins für Sextouristen in Europa geworden, wie eine ARD-Dokumentation belegt.

Jürgen Rudloff ist ein smarter Unternehmer, wie er im Buche steht: dunkler Anzug, weißes Hemd, gebräunter Teint. Sein Erfolg beschert ihm längst regelmäßige Fernsehauftritte wie in der Talkshow „Menschen bei Maischberger“. Seit einiger Zeit beschäftigt er sogar einen Pressesprecher. Seine vier Kinder schickt der alleinerziehende Vater in die Waldorf-Schule und auf ein englisches Elite-Internat, damit sie bestens darauf vorbereitet sind, später einmal sein Imperium zu übernehmen.

Denn Jürgen Rudloff betreibt mit dem „Paradise“ in Stuttgart den größten Puff Europas. Und er expandiert ungebremst. Schließlich ist der geschäftstüchtige Bordellbetreiber einer der Profiteure der vor elf Jahren verabschiedeten Liberalisierung des Prostitutionsgesetzes – und das lockt Scharen von Sextouristen über die Grenze nach Deutschland.

Rudloff ist einer der vielen Interviewpartner aus dem Rotlichtmilieu, die die Filmemacherinnen Tina Soliman und Sonia Kennebeck für ihre ARD/NDR-Dokumentation „Sex made in Germany“ vor die Kamera geholt haben. Seit zwei Jahren beschäftigen sie sich mittlerweile mit diesem Thema, haben einen viel beachteten und im Milieu kontrovers diskutierten „Panorama“-Beitrag dazu gedreht, dabei unzählige Kontakte aufgebaut, viel Vertrauen geschaffen und so für diesen Film Gesprächspartner gewinnen können, die sonst höchst ungern Auskunft geben: Prostituierte, Pornodarstellerinnen, Bordellbetreiber, Webcam-Huren, Freier – und Finanzbeamte.

55000 Freier pro Jahr

Denn auch der Staat macht ordentlich Kasse, wenn sexhungrige Männerhorden Flatrate-Puffs wie das „Paradise“ stürmen. Über 55000 Kunden verbucht allein dieser Laden im Jahr, und die sorgen für nicht zu verachtende Steuereinnahmen. Aber nicht nur in Stuttgart: In Köln brüstet sich der Betreiber des Großbordells „Pascha“, inklusive Sondersteuern jährlich einen siebenstelligen Betrag an Vater Staat zu überweisen, „bei dem keine 1 vorne steht“. Ein Kölner Finanzbeamter kommentiert dies lakonisch mit den Worten: „Geld stinkt nicht.“

„Die größte Schwierigkeit war es, Freier vor die Kamera zu bekommen“, berichtet Filmautorin Soliman im Gespräch mit unserer Zeitung. „Wir haben mit vielen gesprochen, aber die meisten wollten es nur ohne Kamera. Oft haben uns aber auch die Finanzbeamten versetzt, die waren unzuverlässiger als die Frauen.“

Die Herangehensweise der beiden Filmemacherinnen war eine andere, als man sie meistens in Dokumentationen dieser Art zu sehen bekommt: „Es gab schon Hunderte Berichte über Straßen- und Zwangsprostitution, in denen immer die moralische Keule geschwungen wurde – wir wollten herausfinden, wer die Profiteure des Prostitutionsgesetzes sind“, sagt Soliman. „Unser Ansatz war politisch-wirtschaftlich.“

Und so erzählt ihr Film eine bizarre deutsche Erfolgsgeschichte: „Sie kommen aus Frankreich, der Schweiz und Österreich, manche fliegen sogar extra von Amerika hierher“, berichtet die Stuttgarter „Paradise“-Prostituierte Bettina. Tatsächlich kann man(n) sowohl in den USA als auch in Asien einwöchige Reisen nach Deutschland buchen, die quer durch die Bordelle der Nation führen und nur mit einer ordentlichen Portion Potenzmittel im Gepäck zu bewältigen sind. Das schnäppchenverwöhnte heimische Publikum locken die Betreiber mancher Flatrate-Bordelle gern mit Sprüchen wie „Geiz macht geil“ und bieten für oft unter 100 Euro Sex bis zum Abwinken.

Auch im Internet boomt das Geschäft mit der Lust. Der Marktführer gesext.de verzeichnet 200 Millionen Klicks pro Jahr und plant längst den Börsengang. Er sieht sich als „Lifestyle-Anbieter“ und beschäftigt unter anderem Webcam-Huren wie Nathalie, die es „absolut okay“ findet, „wenn man seine Jungfräulichkeit im Internet versteigert“. Von dem Geld, das in die Kassen der Bordellbetreiber und des Staates gespült wird, kommt ein dicker Batzen aus dem Ausland. In Deutschlands Nachbarländern gibt es zum größten Teil deutlich schärfere Prostitutionsgesetzte – deshalb fahren viele Dänen 200 oder 300 Kilometer, um sich jenseits der Grenze zu vergnügen, wie ein Freier freimütig erzählt. „Deutschland ist das größte Bordell Europas“, lobt er die Nachbarn im Süden und weiß dabei deutsche Tugenden durchaus zu schätzen: „Die Qualität ist gut, und alles hat seine Ordnung.“ Dabei stammen 65 Prozent der Prostituierten aus dem Ausland, die meisten von ihnen aus Osteuropa.

Auch wenn sie das Thema Zwangsprostitution weitgehend aussparen, verbergen Soliman und Kennebeck den Zuschauern nicht die grausamen Schattenseiten des deutschen Bordellbooms. Sie berichten von einer Hure, die im Flatrate-Puff „krankenhausreif gevögelt“ wurde, und lassen die ehemalige Teilzeit-Prostituierte Sonia von ihrer Kundschaft erzählen: „Männer, die darauf stehen, sich schlagen oder in die Eier treten, anspucken und beleidigen zu lassen – oder aber Macht ausüben an einer Frau, die offensichtlich wehrlos ist.“

„Brutale Frage“

Und so kommt Filmautorin Soliman im Gespräch zu dem Fazit: „. So liberal, wie es in Deutschland gehandhabt wird, kann es absolut nicht weitergehen.“ Es müsse stärker reguliert werden. „Selbst viele Bordellbetreiber würden eine Konzessionspflicht begrüßen. Rudloff fände es toll, weil er sich von den schwarzen Schafen unterscheiden möchte.“

Jürgen Rudloff aber hat drängendere Aufgaben: Im österreichischen Graz baut er einen neuen Puff, um italienische und osteuropäische Kundschaft zu mobilisieren. Und in Saarbrücken investiert er fünf Millionen Euro, weil in Frankreich eine weitere Verschärfung der Prostitutionsgesetze zu erwarten ist. Der Mann muss schließlich die Ausbildung von vier Kindern finanzieren, damit seine Töchter nicht auf die Idee kommen, in einem seiner Bordelle anzuschaffen. „Undenkbar“ sei das, antwortet er auf diese „brutale Frage“.

Sex made in Germany – Prostitution und ihre Profiteure, ARD, Montag, 22.45 Uhr


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN