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So geht Serie Der ehemalige „Akte X“-Produzent Frank Spotnitz lüftet sein Erfolgsgeheimnis

Von Heinz-Jürgen Köhler

<em>Er weiß,</em> wie es geht:„Akte X“-Produzent Frank Spotnitz gehört zu den begnadetsten Serienschöpfern. Foto: ReutersEr weiß, wie es geht:„Akte X“-Produzent Frank Spotnitz gehört zu den begnadetsten Serienschöpfern. Foto: Reuters

Hamburg. Serien sind das neue Kino. Wie hochgelobte und sorgfältig produzierte Formate wie „Mad Men“ in den USA entstehen, erklärt der ehemalige „Akte X“-Autor und -Produzent Frank Spotnitz.

Eine romantische Liebesnacht, eine Schein-Erschießung, Verfolgungsjagden, Schusswechsel, exotische Schauplätze und zu Herzen gehende Gefühlsszenen: Es ist jede Menge los in den ersten zehn Minuten von Frank Spotnitz’ neuer Agentenserie „Hunted“, die er kürzlich beim Filmfest Hamburg präsentierte und die gerade in den USA startet. Spotnitz ist aus London gekommen, wo er lebt und arbeitet, um über die Produktionsweise der Serie zu erzählen, die in der englischen Hauptstadt nach amerikanischem Vorbild entsteht.

Alles in einer Hand

Amerikanisches Vorbild – das lässt sich in diesem Fall unter zwei Schlagworten zusammenfassen: „Showrunner“ und „Writer’s Room“. Der Showrunner bei „Hunted“ ist Spotnitz selbst, er hält die Show, also die Serie, ganz wörtlich „am Laufen“. Er selbst hatte die Ausgangsidee und fungiert nun als Autor und Produzent. Die Verantwortung für eine lang laufende Serie, deren Geschichte episodenübergreifend erzählt wird, in die Hände eines Autors und Produzenten zu legen, findet Spotnitz entscheidend. Nur ein solcher Showrunner könne über einen Zeitraum von acht, zehn, ja zwölf Folgen die Entwicklung der Geschichte im Auge behalten. Nur er könne, Spotnitz formuliert das fast militärisch, das Kommando über die Erzählstruktur behalten und zugleich einen gleichbleibenden Qualitätsstandard garantieren. Hochgelobte US-Serien wie „Breaking Bad“, „Walking Dead“ oder eben „Mad Men“ arbeiten nach diesem Showrunner-Prinzip, und deshalb, so Spotnitz, sind sie so gut.

Bei „Hunted“ hatte Spotnitz drei Autoren beschäftigt. Wie Schauspieler habe er sie geradezu gecastet und dann angestellt. Zwei Wochen lang habe er ihnen alles erzählt, was er über seine Serie und deren Geschichte im Kopf hatte. „Dann habe ich gesagt: ,Los, machen wir es besser.‘“ Der Showrunner muss dafür sorgen, dass die Autoren die Geschichte so gut verstehen wie er. Das Forum – und gleichzeitig ganz banal der Raum – , in dem die Autoren arbeiten, ist der Writer’s Room. Für eine lang laufende Serie braucht man selbstverständlich mehrere Autoren. Diese zusammen arbeiten zu lassen, und zwar als Fulltimejob, findet der 51-Jährige wichtig. Das sei in Europa kaum verbreitet. „Ich habe mit unzähligen Autoren gesprochen“, so Spotnitz. „Und viele kannten nur die eine Serienfolge, an der sie gerade schrieben – sonst nichts.“

Dahinter steht auch ein wirtschaftliches Problem: Viele Serienschreiber in Europa müssen gleichzeitig an verschiedenen Produktionen arbeiten, um leben zu können. Falsch, sagt Spotnitz. „Nimm die Autoren sechs Monate aus dem Markt und bezahle sie“, nur dann können sie sich mit ihrer ganzen Kreativität auf eine Serie konzentrieren.

Das Entstehen der modernen, hochgelobten Serien hängt mit einer dramatischen Veränderung im amerikanischen Fernsehmarkt zusammen, die sich in den letzten zehn Jahren vollzogen hat. Die großen öffentlichen Sender verloren immer mehr Zuschauer. Gleichzeitig entstanden immer mehr kleine Kabelanbieter, und die finanzieren sich durch Abonnenten.

Deshalb, so Frank Spotnitz, braucht ein solcher Sender, um profitabel zu sein, nur ein bis zwei Millionen Zuschauer – sehr wenig, gemessen am riesigen amerikanischen Markt. Diese wirtschaftliche Freiheit ermöglichte künstlerische Freiheit. Und so konnten mutige Serien mit ungewöhnlichen Geschichten und vermeintlich wenig mainstream-fähigen Themen entstehen.

Spotnitz, dessen neue Serie als Koproduktion der englischen BBC mit dem US-Kabelsender Cinemax entstand, ermutigt europäische Kreative, auch für den amerikanischen Markt zu produzieren. Kabelsender wie HBO oder Showtime hätten aus wirtschaftlichen Gründen durchaus Interesse daran. Europäische (Ko-)Produktionen wie die Historienserien „Die Tudors“ und „Die Borgias“, aber auch die Agentenserie „Strike Back“ laufen erfolgreich in den USA.

Der Showrunner, fügt Spotnitz noch hinzu, müsse neben allen kreativen und kommunikativen Fähigkeiten auch über eine gewisse Manager-Qualität verfügen. Wesentliches Arbeitsmittel von Autor Frank Spotnitz sind denn auch Moderationskarten. Auf denen notiert er im Writer’s Room Handlungsideen, ordnet sie bestimmten Charakteren zu und hängt sie für alle Autoren sichtbar an die Wand. Klingt eher nach Business – aber wenn auf den Karten dann Liebesnacht, Schein-Erschießung und Verfolgungsjagd steht, wird’s auf jeden Fall eine rasante Serie.


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