Gitarrist mag die kleine Bühne „Major“ Heuser: BAP ist „Verdamp lang her“

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Köln. Der Mann hat Tophits wie „Verdamp lang her“ oder „Kristallnaach“ geschrieben, mehrere Millionen Platten verkauft, in den größten Arenen vor bis zu 100000 Zuschauern gespielt – und dann ein komplett neues Leben begonnen. Der langjährige BAP-Gitarrist Klaus „Major“ Heuser war zusammen mit Wolfgang Niedecken mal so etwas wie die Jagger/Richards der deutschen Rockmusik – heute spielt er mit seiner Band in kleinen Clubs vor oft 100 oder 200 Besuchern und ist vollkommen zufrieden mit seinem Leben. Über Hüte, seine Freundschaft zu Freddie Mercury und die Zeit nach BAP unterhalten wir uns in einem Kölner Café:

Major, ich habe gewettet, dass Sie mit Hut zum Interview kommen – und habe gewonnen.

Das war ja auch nicht so schwer, den Hut habe ich so gut wie immer auf, wenn ich aus dem Haus gehe.

Sie haben schon Hut getragen, als es komplett „out“ war.

Stimmt. Ich habe mal eine Zeit lang in Los Angeles gewohnt, wo ja ständig die Sonne scheint. Und weil mir damals schon einige Haare ausgefallen waren, habe ich mir irgendwann furchtbar die Platte verbrannt. Das war ein Erlebnis, das ich nicht noch mal haben muss.

Und das Motiv für den ersten Hut?

Aus reinem Körperschutz. Und da ich auch noch Probleme mit Hautkrebs bekam, rieten mir die Ärzte, nicht mehr ohne Hut aus dem Haus zu gehen. Deswegen trage ich auch immer Lederhüte, weil da kein UV-Licht durchkommt. Als ich zum ersten Mal mit dem Hut nach Hause kam, fand meine Frau, dass er mir gut steht. Und irgendwann hat sich das dann verselbstständigt, der Hut ist ein Teil von mir geworden, ich merke gar nicht mehr, dass ich einen trage.

Haben Sie sich mit Udo Lindenberg mal über Hüte ausgetauscht?

Nicht nur ausgetauscht, sondern auch getauscht. Und dabei haben wir festgestellt, dass jeder sein Modell für sich gut ausgesucht hat. Umgekehrt stand ihm mein Hut nicht und mir seiner auch nicht.

Sie haben Ihren Hut auch mal bei Freddy Mercury in den Ring geworfen – und sollten auf seiner zweiten Solo-Platte Gitarre spielen. Wie ist es dazu gekommen?

Wir haben damals mit BAP bei dem Band-Aid-Projekt für Afrika mitgemacht und mit Nena, Grönemeyer, Westernhagen und all den anderen sogenannten Popstars in München eine gemeinsame Single aufgenommen. Produziert hat diese Single Reinhold Mack, der auch Produzent von Queen war. Mit dem habe ich mich damals angefreundet.

Und der hat Sie dann mit Freddie Mercury zusammengebracht?

Das war in München während eines freien Tages auf einer BAP-Tournee. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und bin dann einfach mal zu Macki ins Studio. Als ich reinkam, dachte ich, dass ich mich jetzt vergucke: Da saß Freddie Mercury und arbeitete gerade an seiner ersten Solo-Platte. Wir haben dann den ganzen Abend über Musik geredet und uns gegenseitig Kassetten vorgespielt.

Was denn so?

Er hatte tolle Sachen dabei: Duette, die er mit Rod Stewart oder Michael Jackson gesungen hatte und die noch keiner gehört hatte. Im Nachhinein haben wir uns ein bisschen angefreundet, ich habe ihn später auch in London besucht, und so kam er auf die Idee, dass ich auf seiner nächsten Platte mitspielen soll. Die ist dann aber leider durch seine Krankheit nicht mehr zustande gekommen.

Sie haben auch mal in seinem New Yorker Apartment gewohnt – eine schicke Bude, vermute ich mal.

Geschmackssache. Ich würde mal sagen, dass Freddie und ich dabei etwas auseinanderlagen. Ich mag’s nicht so gern pompös, das war bei ihm anders. Er hatte zum Beispiel im Badezimmer Kacheln mit seinen Initialen FM, so etwas liegt mir ziemlich fern. Dieses Haus war für mich eine fremde Welt, mit einem Portier, dem man immer sagen musste, wer man ist und wohin man will.

Freddie Mercurys Solo-Platte hätte für Sie der Einstieg in eine Weltkarriere werden können...

Ich hatte nie den Drang, wer weiß wie berühmt zu werden. Ich habe mich ja auch nicht gedrängelt, um ihn mal kennenzulernen, sondern es war der reine Zufall. Es hätte mir vor allem sehr viel Spaß gemacht, auf der Platte mitzuspielen, weil er wirklich ein begnadeter Sänger war. Ich habe ihn mal mit meiner Frau zu Hause besucht und ihm auf dem Klavier ein paar Songs vorgespielt, die ich für BAP komponiert hatte. Er hat dann spontan dazu gesungen – das war eines der musikalischen Highlights meines Lebens.

Waren Sie etwa Queen-Fan?

Überhaupt nicht. Ich war weder der totale Freddy-Mercury-Fan, noch habe ich den ganzen Tag Queen gehört. Aber er war einfach ein Riesentalent, dessen Kunst man anerkennen muss – ob man seine Musik nun mag oder nicht. Er hat ja quasi den ganzen Queen-Sound gemacht und sogar Brian May die Gitarrenlinien vorgesungen, die er dann später gespielt hat. Als Mensch und Musiker bewundere ich ihn bis heute sehr.

Dass Sie nicht unbedingt berühmt sein wollen, haben Sie später noch mal bewiesen – indem Sie bei BAP ausgestiegen sind. Statt in Stadien und großen Hallen spielen Sie heute in kleinen Clubs. Wie viele Leute waren gestern Abend da?

Nicht so viele, ungefähr 100. Wer zu uns ins Konzert kommt, ist eigentlich immer begeistert – das Problem ist aber, die Leute erst einmal dahin zu kriegen. Unsere Songs werden ja nicht im Radio gespielt, weil sie in keine Schublade passen. Wir machen mittlerweile eine Art Kleinkunst und sitzen beim Spielen – da kann man gar nicht dazu verleitet werden, diese ganzen Rockstar-Attitüden an den Tag zu legen. Die Fixierung auf die Musik ist mir sehr wichtig. Das Musizieren auf so einer Bühne ist etwas ganz anderes, als in einer großen Halle vor einer anonymen Masse zu stehen. Das ist wie zwei verschiedene Sportarten.

Und ein bisschen so, als hätte sich Mezut Özil entschlossen, künftig nicht mehr bei Real Madrid, sondern bei Fortuna Köln zu spielen.

Das kann man doch nicht miteinander vergleichen, weil der Karriere eines Fußballers ja schon vom Alter natürliche Grenzen gesetzt sind. Ich habe ja fast 20 Jahre bei BAP gespielt – so lange dauert kaum eine Fußballerkarriere. Ich hatte das große Glück, Teil dieser Band zu sein – und habe mir dann irgendwann die Freiheit genommen, das zu machen, wozu ich Lust habe.

Macht es Sie wirklich nicht manchmal wehmütig, dass Sie heute vor 100 statt vor 10000 Leuten spielen?

Ich denke nie daran, was früher war. Ich habe das 20 Jahre lang gehabt, und ich hätte auch nicht damit aufhören müssen. Mein Ziel ist es, vor 200 bis 300 Leuten zu spielen – größer werden soll es gar nicht, weil dann zwangsläufig der ganze Kasten drumherum auch wieder größer werden würde. Dann kommen wieder diese ganzen Zwänge: Du musst mehr Eintritt nehmen, weil du mehr Leute bezahlen musst – und der Spaß geht verloren.

War es so, dass Ihnen bei BAP der Spaß vergangen ist?

Unter anderem. Irgendwann wiederholt sich alles, das beste Beispiel ist „Verdamp lang her“. Wenn du bei BAP spielst, musst du jeden Abend „Verdamp lang her“ spielen. Und du weißt auch immer schon, wie das Publikum reagieren wird. Irgendwann habe ich mich gefragt: Will ich bis ins hohe Alter in irgendwelchen Hallen oder Festzelten „Verdamp lang her“ spielen? Die Antwort war: Ich habe nur ein Leben, und ich will auch noch mal etwas anderes ausprobieren. Mittlerweile akzeptieren es die Leute, auch wenn mir klar ist, dass ich immer der ehemalige BAP-Gitarrist bleiben werde.

Ist doch nicht schlimm, oder?

Überhaupt nicht, es ist einfach ein Teil meiner Geschichte, und auf die bin ich inzwischen auch richtig stolz. Anfangs hat es mich gestört, immer darauf angesprochen zu werden, aber mittlerweile habe ich begriffen, dass das Quatsch ist. Ich habe mich ja auch nicht gegen BAP, sondern für etwas anderes entschieden. Und ich habe durch den großen Erfolg mit BAP finanzielle Freiheiten, über die ich sehr glücklich bin.

Haben Sie ausgesorgt?

Was heißt ausgesorgt? Die Frage ist: Was will man vom Leben, was erwartet man? Es gibt Menschen, die haben nie das Gefühl, ausgesorgt zu haben. Ich kann zum Beispiel Fußballer nicht verstehen, die sechs Millionen im Jahr verdienen und dann für eine Million mehr zu einem anderen Verein wechseln, obwohl sie sich doch gerade bei ihrem Verein wohlfühlen, Erfolg haben und von den Fans geliebt werden. Für mich kann ich sagen: Dank der Zeit mit BAP kann ich mein Leben so führen, wie ich es will. Ich brauche nicht viel, nicht ständig ein neues Auto und auch keine Villa auf Mallorca, aber ich bin glücklich und zufrieden – so gesehen habe ich ausgesorgt.

Sie waren auf dem Gipfel des Erfolgs, hatten Auftritte vor bis zu 100000 Menschen – und sind dann hingegangen und haben nach Ihrem Ausstieg noch mal zwei Jahre Unterricht in klassischer Gitarre genommen. Warum?

Ich habe mein Leben lang klassische Gitarre gespielt. Als ich Kind war, konnte man gar nicht Jazz- oder Bluesgitarre lernen – der normale Weg waren zwei Jahre Blockflöte und dann klassischer Gitarrenunterricht in irgendeiner Jugendmusikschule. Mir hat das total Spaß gemacht, und meine Mutter hat es geliebt, wenn ich zu Hause geübt habe. Ich liebe die klassische Gitarre bis heute, und mein größter Traum war es immer, nicht nur ein guter Rockgitarrist, sondern auch ein guter klassischer Gitarrist zu sein. Ich kannte Hubert Käppel, der Professor an der Kölner Musikhochschule und einer der besten klassischen Gitarristen Deutschlands ist – bei ihm war ich dann der erste und lange Zeit einzige Privatschüler.

Hat’s was gebracht?

Auf jeden Fall. Ich bin sehr ehrgeizig und habe unfassbar viel geübt, um ein Niveau zu erreichen, auf dem ich mit Hubert zusammenspielen kann. Wir wollten zusammen Konzerte über die Geschichte der Gitarre vom 14. Jahrhundert bis heute geben. Das wäre großartig geworden, weil es so viele verschiedene Möglichkeiten gibt, Gitarre zu spielen. Durch meinen Ehrgeiz habe ich dann so viel geübt, dass ich eine Nervenkrankheit im Mittelfinger der rechten Hand bekam – damit bin ich bis heute in Behandlung und kann nur hoffen, dass die Ärzte es wenigstens halbwegs wieder hinkriegen. Ich kann zwar noch spielen, aber eben nicht mehr auf diesem ganz hohen Niveau.

Ein herber Schlag?

Auf jeden Fall. Ich habe seit meinem zehnten Lebensjahr im Schnitt bestimmt zwei Stunden am Tag Gitarre geübt, an manchen waren es auch sechs oder sieben. Wenn dann auf einmal ein Finger nicht mehr das macht, was er soll, dann ist das bitter. Richtige Altersscheiße. Aber fragen Sie mal Profifußballer – denen tun ja manchmal schon mit 30 alle Knochen weh, wenn sie morgens aufstehen. So gesehen habe ich doch Glück: Ich bin 56 und kann immer noch auftreten.

Was ist ein perfekter Song?

Das ist unheimlich schwer zu sagen. Für mich hat Musik sehr viel mit Emotionen zu tun, gar nicht so viel mit Können und Geschicklichkeit. Wenn ich komponiere, ist es mir wichtig, dass mich ein Song emotional berührt. Auf der neuen Platte ist „Last favourite Song“ so ein Stück, ich finde sogar, eines der besten Lieder, die ich jemals geschrieben habe. Damit scheine ich die Leute zu berühren.

Klaus „Major“ Heuser

wird am 27. Januar 1957 in Leverkusen geboren – und will schon als kleiner Junge Gitarrist werden. Mit zehn Jahren bekommt er seine erste Gitarre geschenkt, absolviert eine klassische Ausbildung und eifert Vorbildern wie Eric Clapton und Rory Gallagher nach. In Leverkusen macht er sein Abitur und absolviert den Zivildienst in einem Altenheim. Ein Studium der Germanistik und Musik nimmt er zwar auf – doch dann kommt BAP. Zusammen mit dem Sänger und Frontmann Wolfgang Niedecken, den er auf einer Kneipentoilette kennenlernt, prägt Heuser ab 1980 für fast zwei Jahrzehnte das Erscheinungsbild einer der erfolgreichsten deutschen Bands aller Zeiten. Er schreibt die Musik für Hits wie „Verdamp lang her“, „Kristallnaach“, „Frau ich freu mich“ oder „Alles em Lot“. Seinen Spitznamen „Major“ hat er von der Figur des Major Healey aus der Fernsehserie „Bezaubernde Jeannie“.

1999 verabschiedet sich Heuser aus dem Rampenlicht der großen Bühnen, steigt bei BAP aus, produziert fortan Platten anderer Künstler, veröffentlicht 2006 zusammen mit einer Berliner Sängerin das Album „Major & Suzan“.

Zusammen mit Richard Bargel gründet er „Men in Blues“, ehe Bargel 2012 wegen eines Hörsturzes aussteigen muss. Für seine aktuelle „Klaus Major Heuser Band“ tut er sich mit Thomas Heinen, dem Frontmann der Springsteen-Coverband „Bosstime“, zusammen.

Heuser ist seit über 27 Jahren mit seiner Frau Marion, einer früheren Archäologin, verheiratet. Das Paar lebt in Köln und hat einen 21-jährigen Sohn, der eine Ausbildung zum Sportjournalisten absolviert.


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