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Über Suizidversuche in der Jugend und ihre Rolle als Wiener „Tatort“-Kommissarin Adele Neuhauser: Dunkle Seiten, helle Seiten

Von Joachim Schmitz

Sie kennt die Höhen und Tiefen des Lebens: Adele Neuhauser hat sich nach einer äußerst schweren Jugend zu einer großartigen Theater- und Filmschauspielerin entwickelt. Foto: ORFSie kennt die Höhen und Tiefen des Lebens: Adele Neuhauser hat sich nach einer äußerst schweren Jugend zu einer großartigen Theater- und Filmschauspielerin entwickelt. Foto: ORF

Wien. In Österreich ist sie ein Fernsehstar, nach dem sich die Leute auf der Straße umdrehen, in Deutschland wurde sie für ihren ersten Auftritt als Kommissarin Bibi Fellner im Wiener „Tatort“ gefeiert. Doch Adele Neuhauser kennt auch die dunklen Seiten des Lebens. Über ihre Rollen, Suizidversuche als Jugendliche und sechs Wochen Schweigen sprechen wir in einem Wiener Café:

 

Frau Neuhauser, was halten Sie davon, wenn Sie heute die Rechnung übernehmen?

Das mache ich gerne. Weil ich Sie zur falschen U-Bahn-Station gelotst habe? Das verzeihe ich mir nicht.

 

Halb so wild – ich dachte eher, weil Österreich beim Eurovision Song Contest zwölf Punkte aus Deutschland bekommen hat.

Bist du narrisch (lacht). Das habe ich gar nicht verfolgt. Aber da sieht man mal, was Österreich den Deutschen wert ist. Was ich mitbekommen habe, ist, dass unsere Kandidatin gefeiert wurde, auch wenn sie nicht gewonnen hat. Die Österreicher stehen eben auch zu ihren Verlierern.

 

Sie selbst haben für Ihren ersten Wiener „Tatort“ aus Deutschland auch die Höchstwertung von der Fernsehkritik bekommen. Wie war’s denn hier in Wien?

Der Film hat schier unglaubliche Wellen geschlagen. Ich bekam begeisterte Reaktionen von alten Freunden, die ich seit Jahren nicht mehr gesehen und schon verschollen geglaubt hatte. Was dieser eine Film ausgelöst hat, habe ich in dieser Form noch nicht erlebt. Ich wusste zwar, dass die Figur Bibi Fellner und die Konstellation mit Harald Krassnitzer als Eisner super sind, hatte aber nicht damit gerechnet, dass es derartig einschlägt. Ich bin ja hier in Österreich durch die Krimiserie „Vier Frauen und ein Todesfall“ im sichtbaren Status angelangt, aber der „Tatort“ ist tatsächlich noch mal ein anderes Kaliber.

 

Bibi Fellner ist alles andere als eine typische „Tatort“-Kommissarin. Sie ist alkoholkrank, ziemlich ausgebrannt und ein wahres Fettnäpfchen-Suchgerät.

Der Autor Ulrich Brée, den ich sehr gut kenne, hat mir die Rolle förmlich auf den Leib geschrieben, das ist großartig. Und ich finde, dass eine solche Frauenfigur längst überfällig war. Es gibt viele toughe Kommissarinnen, aber wenige gebrochene Charaktere, die an dieser Altersstufe angelangt sind und Schwierigkeiten mit ihrem Leben haben.

 

Hatten Sie nicht Angst vor Verrissen bei einer so außergewöhnlichen Figur?

Darüber habe ich überhaupt nicht nachgedacht. Ich liebe diese Figur so sehr – da war ich mir sicher, dass sie zumindest mit Neugierde betrachtet wird. Es hätte mich wirklich getroffen, wenn es dafür Verrisse gegeben hätte.

Das Alkoholproblem ist ja nach der ersten Folge vom Tisch.

Nicht ganz. Es war klar, dass Bibi Fellner es in den Griff kriegen muss, aber es ist nicht klar, wie lange sie dafür braucht. Ich denke mal, dass ein Rückfall nicht ausgeschlossen ist.

 

Als Sie den ersten Wiener „Tatort“ drehten, haben Sie die Waffe nach den Worten Ihres Regisseurs noch gehalten „wie einen Blumenstrauß“.

Stimmt. Er hat es sich kaum getraut, mir das so zu sagen, aber ich empfand es eigentlich als Kompliment. Harry Krassnitzer und ich haben dann mal ein paar Stunden bei der Wiener Spezialeinheit „Cobra“ verbracht, da habe ich zum ersten Mal mit scharfer Munition geschossen. Ich muss Ihnen sagen: Ich hatte kein gutes Gefühl dabei. Ich habe schweißnasse Hände bekommen und plötzlich gespürt, was so eine Waffe anrichten kann. Und ich hoffe, dass ich dieses Gefühl auch nicht verliere.Mit Bibi Fellner ist auch ein etwas derberer Tonfall in den „Tatort“ eingezogen.

Zumindest hat Maria Furtwängler als Charlotte Lindholm noch keinem Verdächtigen angekündigt, dass sie ihn „bei den Eiern kriegen wird“.

Das ist Bibi Fellner, sie ist eben anders. Und ich finde, so etwas gehört auch mal einer Frau in den Mund gelegt. Mich hat’s amüsiert, und Bibi ist ja auch nicht humorbefreit (lacht).

 

Wenn man Sie so fröhlich erlebt, kann man sich gar nicht vorstellen, dass Sie als Jugendliche so große Probleme mit sich und der Welt hatten, dass Sie mehrere Suizidversuche begangen haben. Was hat Sie denn damals so verzweifeln lassen?

Es hat ja sehr früh angefangen. Von meinem 10. bis zum 21. Lebensjahr hatte ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zur Welt. Ich war nicht nur traurig, sondern auch erfüllt von großer Fröhlichkeit, deshalb war es so schwer erkennbar. Heute denke ich, dass es sehr viel mit der Trennung meiner Eltern zu tun hatte, aber auch mit den Schwierigkeiten der Pubertät. Wir unterschätzen immer wieder, was sich in dieser Zeit im Körper eines Menschen abspielt. Und wenn man schon so eine Ausrichtung hat, kann das fatale Folgen haben.

 

Was meinen Sie mit dieser Ausrichtung? Mehrere Selbstmordversuche haben ja schon etwas äußerst Selbstzerstörerisches.

Anders kann ich es mir mit meinem Hausverstand nicht erklären. Diese dunkle Seite eines Charakters ist etwas, das viele meiner Figuren begleitet. Die möchte ich mir auch für die Figuren erhalten, in meinem Leben ist das etwas anders. Ich lerne und genieße es immer mehr, die schönen Seiten zu leben. Aber um diese leben zu können, muss man auch aufmerksam auf die dunklen Seiten schauen.

 

Sie haben sich mit zehn Jahren zum ersten Mal die Pulsadern aufgeschnitten – wollten Sie wirklich so jung sterben?

Ich glaube, es war eher in der Absicht, mich zu verwunden. All meine Suizidversuche waren vermutlich nicht mit der letzten Konsequenz ausgeführt, sonst wäre ich nicht mehr da. Hätte ich es wirklich gewollt, dann hätte ich effektiver gehandelt. Irgendwann habe ich gesehen, dass es eigentlich Hilferufe sind – und dann wird es sogar leicht zu sagen: Ich bring mich um. Irgendwann habe ich mir gesagt: Jetzt machst du es wirklich, oder es ist für immer Schluss damit. Ich habe mich für das Letztere entschieden, zum Glück.

 

Wer oder was hat Ihnen geholfen?

Ich habe niemals eine Therapie oder so etwas gemacht. Aber ich hatte meine Begabung und meinen Trieb zu spielen. Mir hat es immer geholfen, wenn die Menschen über mich gelacht haben. Und die Liebe meiner Eltern hat mir unglaublich geholfen.

 

Widersprechen sich nicht die selbstzerstörerische Neigung und die Extrovertiertheit, die man als Schauspielerin für den Beruf braucht?

Es klingt nur wie ein Widerspruch. Aber der Trieb zu spielen und sich so zu exponieren kommt auch aus einer Sehnsucht, gesehen und geliebt zu werden. Und die erfordert eine ähnliche Energie wie die Sehnsucht, sich aus diesem Leben zu katapultieren. Als Schauspielerin muss man auch Grenzgängerin sein. Aus einem reinen Wohlbefinden heraus zu agieren erzählt nur die halbe Wahrheit über einen Menschen.

 

Sie haben ja ein großes komödiantisches Talent.

Und das resultiert auch aus einer großen Traurigkeit. Erst wenn man die Tiefen eines Charakters begreift oder zumindest anschaut, kann man sich darüber lustig machen. Und zwar auf eine Art, dass man diesen Charakter auch nicht denunziert.

 

Spüren Sie denn heute noch gelegentlich diese Verzweiflung?

Diese ganz tiefe Verzweiflung ist überwunden. Aber es gibt immer noch traurige Momente, die erlaube ich mir auch, und das ist gut so. Ich habe damals einiges dafür getan, um mich in dieser Stimmung zu halten – heute weiß ich, wie ich da wieder rauskomme.

Was würden Sie heute einer 10-, 12- oder 14-Jährigen sagen, die sich mit Selbstmordgedanken trägt?

Du musst den Mut aufbringen zu sagen: Ich habe Angst, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, ich brauche Hilfe. Offen auszusprechen, dass man eine Hand, einen Arm, Liebe und Schutz braucht, ist das Allerwichtigste. Das erfordert viel mehr Mut, als Hand an sich zu legen – diesen Mut solltest du aufbringen. Ich habe mich ganz bewusst entschlossen, offen darüber zu sprechen, weil ich hoffe, damit Menschen zu erreichen, die in einem solchen Engpass stecken. Denen will ich signalisieren: Man kann da rauskommen. Das Leben ist einfach ein zu großes und fantastisches Geschenk, um es wegzuwerfen.

 

Sind Ihre Rollen ein Teil dieses Geschenks?

O ja. Meine Rollen nehmen einen großen Platz in meinem Leben ein, meiner Rolle schenke ich immer meine größte Aufmerksamkeit. Bis ich sie im Griff habe, dann kann sie mich auch in Ruhe lassen. Ich durfte ja viele negative Figuren spielen, da hat es oft lange gedauert, bis ich die positive helle Seite dieser Figur herauskitzeln konnte, die es immer auch gibt. Aber erst dann konnte ich sie so negativ spielen.

 

Die Rolle der Medea hat Sie sehr belastet.

Ja, Medea ist schließlich eine Frau, die ihre Kinder umbringt und auch Göttin ist – so eine Figur muss man schon sehr genau erforschen, an sich heranholen, um zu verstehen, was in dieser Frau vorgeht. Dafür habe ich lange gebraucht, Medea hat mir sehr viel abverlangt. Das war eine der schwierigsten Aufgaben meines Lebens, aber ich möchte sie nicht missen.

Was würden Sie denn privat ungern missen?

Ich wandere wahnsinnig gerne und bin dabei am liebsten allein. Irrsinnig gern würde ich mal Wanderwege markieren, das fände ich unglaublich schön. Du wanderst, hast eine Aufgabe und machst hier und da mal deine Striche an die Bäume. Das ist doch faszinierend, das würde ich wirklich gerne mal „erledigen“.

 

Sie haben vor drei Jahren eine Stimmband-Operation vornehmen lassen. Warum?

Es ging einfach nicht mehr anders, ich war am Ende. Viele Leute fanden es faszinierend, was ich für eine außergewöhnliche Stimme habe, aber am Telefon wurde ich fast immer als „Herr Neuhauser“ angesprochen. Irgendwann aber habe ich morgens Stunden gebraucht, bis ich zu einer klingenden Stimme kam. Und trotzdem hätte ich diese OP wahrscheinlich nicht machen lassen, wenn nicht noch ein Faktor hinzugekommen wäre: Ich habe keine Luft mehr bekommen. In einem ganz normalen Gespräch, so wie wir jetzt miteinander sprechen, hätte ich immer wieder nach Luft gejapst. Das lag an einem schweren Reinke-Ödem auf meinen Stimmbändern – das ist wie ein Duschvorhang, durch den kein Luftzug mehr durchkommt.

 

Aber Ihre Stimme war ein Markenzeichen.

Das habe ich dem Arzt auch gesagt. Daraufhin hat er vorgeschlagen, dieses Ödem auf nur einem Stimmband vollends abzutragen – und ich finde, er hat wirklich gezaubert: Ich bin eine Frau geworden (lacht). Das hat mein Leben total verändert, ich glaube auch, es hat mein Wesen verändert. Aber es hat mich vor allem wieder für den Beruf gestärkt: Ich kann wieder Theater spielen, ich kann wieder singen und lachen – vorher habe ich nur den Mund aufgerissen, und es kam nichts.

 

Sie durften nach Ihrer Stimmbandoperation sechs Wochen lang nicht sprechen.

Das war toll, und ich will diese Zeit nicht missen. In der schlimmen Phase, über die wir vorhin gesprochen haben, hatte ich mal die Idee, in einen Schweigeorden einzutreten. Das habe ich dann nicht gemacht, aber diese sechs Wochen Schweigen haben mich positiv daran erinnert, und sie haben mir sehr gutgetan.

 

Wie haben Sie denn damals mit Ihrer Umwelt kommuniziert?

Ich habe geschrieben, auf ganz viele Zettel geschrieben. Und ich habe auch dabei wieder festgestellt, wie viel Schmarrn man oft plappert (lacht). Zwei Drittel davon hätte ich ruhig weglassen können.

 

Aber jetzt sprechen Sie wieder gerne, oder?

Ich habe immer gerne gesprochen (lacht). Wenn man durch Formulierungen auf den Kern kommt, den Kern eines Problems, den Kern einer Sehnsucht oder den Kern einer Liebe, dann erlebt man doppelt so viel. Es reicht nicht nur das Empfinden, ich liebe auch das Wort. Und wenn man die richtigen Worte findet, ist es so beglückend. Deswegen liebe ich auch Literatur und Poesie, und deswegen ist es mir ein Bedürfnis, mich treffend und gut auszudrücken.


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