Rio würd's gefallen Max Prosas sensible „Grüße aus der Flut“

Von dpa

Der Songschreiber Max Prosa legt sein siebtes Albumvor: „Grüße aus der Flut“.Der Songschreiber Max Prosa legt sein siebtes Albumvor: „Grüße aus der Flut“.
Sandra Ludewig/Rosenheim Rocks/dpa

Berlin. Unter den deutschen Qualitäts-Songschreibern gehört Max Prosa zu den jüngeren. „Mit anderen Augen“ war voriges Jahr ein erstaunlich reifes Album. Nun nähert sich der 30-Jährige erneut einem großen Vorbild.

Der gut gemeinte Vergleich mit dem unerreichbaren Bob Dylan hat schon so manchem Singer-Songwriter in den USA das Leben schwer gemacht.

Ähnlich ergeht es deutschen Liedermachern mit dem Etikett „Ein neuer Rio Reiser“. Und doch darf man diesen 1996 gestorbenen Politrock-Pionier (Ton Steine Scherben) erwähnen, wenn es jetzt um Max Prosa geht.

Der 30-Jährige legt sein siebtes Album „Grüße aus der Flut“ vor, das wohltuend an den „König von Deutschland“ (Titel eines Reiser-Solohits von 1986) erinnert.

Der als Max Podeschwig in Berlin geborene Sänger hatte sich schon mit seinem erfolgreichen Debüt „Die Phantasie wird siegen“ (2012) und „Rangoon“ (2013) in der ersten Reihe deutschsprachiger Songpoeten etabliert. Voriges Jahr spielte auf dem bisher stärksten Prosa-Album „Mit anderen Augen“ überraschend Gitarrist Ralph Peter Steitz mit - besser bekannt als R.P.S. Lanrue und vor 50 Jahren Mitbegründer der „Scherben“. Mit Misha Schoeneberg, ebenfalls einst bei Ton Steine Scherben und auch für den Solokünstler Rio Reiser tätig, ist der Youngster befreundet.

Doch mit solchen Szene-Beziehungen erschöpfen sich die anerkennenden Vergleiche eben nicht. „Grüße aus der Flut“ ist ein Album, das Prosa vor allem als Balladensänger in der Reiser-Tradition glänzen lässt, etwa im leicht apokalyptischen Pianopop-Lied „Donnerschlag“. Mit dem (im Vergleich zu den wütenden „Scherben“) milden, aber wirkungsvollen Politstück „Buntes Papier“ singt das „Wendekind“ (Geburtsjahr 1989) gegen die Macht des großen Geldes an. Der linksalternativ-grüne Deutschpop-Aktivist Rio Reiser fänd's bestimmt gut.

Als sensibler Geschichtenerzähler erweist sich der Dylan-Fan in „Lilly sagt“, einem Stück mit selbstironischem Fazit: „Lilly sagt sie glaubt nicht an den Zufall / und dass jeder Idiot vom Schicksal spricht / sie mochte nie eins meiner Lieder / ich glaub sie mag auch dieses nicht.“ Keines der insgesamt zehn Stücke nähert sich dem im deutschen Songwriter-Pop derzeit so verbreiteten Selbstmitleid, das manchmal anstrengend Kryptische der „Hamburger Schule“ um Blumfeld und Tocotronic lässt Prosa ebenfalls links liegen. Am nächsten sind Prosa - auch stimmlich - unkonventionelle Qualitäts-Songschreiber wie Gisbert zu Knyphausen, Niels Frevert, Felix Meyer und Moritz Krämer.

Manche neuen Lieder seien „vor Corona“ entstanden, andere mittendrin, berichtet der Musiker auf seiner Webseite. „So ein Einschnitt gibt immer Raum für Veränderungen. Auch mein Schreiben hat sich durch die Pandemie verändert, denn das Thema war wirklich präsent, fast schon ein Lebensgefühl.“ Die Klavierballade „Von Engel zu Engel“ entstand auf Anregung eines Crowdfunding-Unterstützers, der sich ein Lied wünschte, um den Tod seiner Mutter zu verarbeiten. „Als ich ihm die erste Aufnahme ins Handy gespielt habe, ist er zu ihrem Grab gegangen und hat sie dort abgespielt. Das hat mich sehr tief berührt.“

Obwohl „Grüße aus der Flut“ eine Art Lockdown-Album ist, klingt hier nichts nach Musiker-Homeoffice oder Wohnküche. Die Produktion von Pascal El Sauaf ist vielschichtig: Mellotron, Streicher und Bläser begleiten von Fall zu Fall Max Prosas eindringlich angerauten Gesang und seine Gitarre. Musik ist übrigens noch nicht einmal das einzige Talent des 30-Jährigen: Seit 2018 hat er Textbände mit Lyrik, Liedern und Erzählungen veröffentlicht, ein erstes Theaterstück geschrieben, in dem er selbst mitspielte - und 2021 soll Max Prosa an der Deutschen Oper in Berlin inszenieren.


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