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Sehenswerte Dokumentation Die Wutfahrer

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Kein Klischee: Der „Wutfahrer“ am Steuer ist tatsächlich meistens ein beruflich erfolgreicher Mensch, der sich in seiner Oberklasse-Limousine nicht ausbremsen lassen will. Foto: ColourboxKein Klischee: Der „Wutfahrer“ am Steuer ist tatsächlich meistens ein beruflich erfolgreicher Mensch, der sich in seiner Oberklasse-Limousine nicht ausbremsen lassen will. Foto: Colourbox

Osnabrück. Im wirklichen Leben ist alles anders als in der Werbung. Keine Spur von entspanntem Dahingleiten – immer mehr Autofahrer quälen und drängeln sich unter Zeitdruck über verstopfte Straßen. Die Folge: Es regiert die nackte Aggression. Eine sehenswerte NDR-Dokumentation geht der „Wut am Steuer“ auf den Grund.

Carsten Greiser ist angehender Sozialpädagoge. Ein Mensch, der von Berufs wegen eigentlich mal anderen Menschen helfen sollte. Jedoch: Wenn Carsten Greiser sich ans Steuer seines Wagens setzt, wird aus ihm ein anderer Mensch. Einer aus der Fraktion „Aufgemotzt und tiefergelegt“, einer mit 18 Punkten in der Flensburger Verkehrssünderkartei, einer, der auch mal aus dem Auto aussteigt, um Konflikte notfalls körperlich auszutragen.

Die Betonung liegt für ihn auf „notfalls“, denn Carsten Greiser fühlt sich eigentlich immer nur als Opfer, das von anderen Autofahrern zu aggressivem Verhalten genötigt wird. Wenn er sich ans Steuer setzt, dann unter dem Männermotto „Wer hat den Längeren?“ Den Straßenverkehr hält er für „einen Wettkampf, der Spaß macht“.

Carsten Greiser ist aber auch eine ehrliche Haut, sonst hätte er nicht so freimütig für die Dokumentation „Wut am Steuer“ im Rahmen der ARD-Themenwoche „Der mobile Mensch“ Auskunft gegeben. Für Tristan Chytroschek war der junge Mann ein wahrer Glücksfall, wie der Filmautor im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet. Schon über neun Monate lang hatte er vergeblich nach einem auskunftsbereiten Aggressor auf Rädern gesucht, bis er von einer Mitarbeiterin auf „den Freund einer Freundin“ aufmerksam gemacht wurde und dieser seine Teilnahme am Film zusagte.

Ein typischer Drängler und Raser ist Carsten Greiser allerdings nicht. Denn dabei handelt es sich nach den Worten des Verkehrspsychologen Jörg-Michael Sohn größtenteils um beruflich erfolgreiche Menschen, die sich auch in ihrem Auto nicht ausbremsen lassen, sondern jede sich bietende Gelegenheit zum Vorankommen nutzen wollen. Meistens bedienen sie Gaspedal und Lichthupe einer Oberklassen-Limousine: Audi A6, 5er BMW und Mercedes E-Klasse sind die bevorzugten Fahrzeuge der Raser und Drängler, deren Aggressionspotenzial am Freitagnachmittag seinen Siedepunkt erreicht.

„Im Auto halten sie sich für kugelsicher“, glaubt Chytroschek und weiß: „Aber nachher schämen sie sich.“ Vor der Kamera wollte sich allerdings niemand von diesen „Wutfahrern“ äußern. Zwei Frauen, die im Außendienst arbeiten und kurz vor dem Verlust des Führerscheins standen, hätten Druck von ihrem Arbeitgeber bekommen, berichtet der Filmautor.

Für den Verkehrspsychologen liegen die Gründe der zunehmenden Aggression im Straßenverkehr dafür auf der Hand: Die Ungeduld der Autofahrer hat ebenso zugenommen wie das Verkehrsaufkommen – Staus, Baustellen, Feierabendverkehr zerren am Geduldsfaden. Zwar haben große Autohersteller wie VW längst Gegenmittel parat – Fahrzeuge, die beispielsweise automatisch ausreichenden Abstand zum Vordermann halten. Doch am Markt hätten diese Wagen wohl keine Chance. „Wir werden dem Autofahrer nicht das Lenkrad aus der Hand schlagen“, verspricht Thomas Ruchatz, der bei VW die Abteilung Fahrassistenzsysteme leitet.

Tristan Chytroschek hat für seine ausgewogene Dokumentation weite Bögen gespannt – von Polizisten, die Raser verfolgen, bis zum Vorsitzenden des Bundes der Fußgänger, der bei Sat.1 schon mal als „der Fahrradhasser von Frankfurt“ vorgestellt wurde; vom verkehrsschilderbefreiten „Shared Space“ in Bohmte bis zu Arnd Stein, der in seinem Tonstudio Entspannungsmusik für Autofahrer komponiert – und mit einem dunklen „Täterfahrzeug“ der Oberklasse über die Straßen tuckert. Und er verzichtet erfreulicherweise auf nachgestellte Wutausbrüche vor der Kamera, sondern sorgt lediglich durch im Zeitraffer beschleunigte Verkehrssituationen für dramaturgische Intensität.

Tatsächlich hat Chytroschek aus der Arbeit an seinem Film fürs Leben gelernt: „Mein Blick aufs eigene Fahrverhalten hat sich absolut verändert – spätestens, als ich sah, dass die Polizei fast nur Leute rauswinkt, die eigentlich nicht anders fahren als ich selbst.“ Tatsächlich hatte der Würzburger Verkehrspsychologe Christian Maag schon vor Jahren festgestellt: „Jeder noch so friedliche Mensch ist am Steuer in Gefahr, die Beherrschung zu verlieren.“

Das hat wohl auch Chytroschek erkannt: Er fährt heute deutlich defensiver und steigt auf dem Weg zu einem Termin einfach zehn Minuten früher in seinen Wagen. Denn ohne Zeitdruck reicht der Bremsweg vor dem Wutausbruch meistens aus.

45 Min: Wut am Steuer, NDR, Dienstag, 24.5. 2011, 22.30 Uhr.


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