Angst vor neuer Weltordnung Aufschwung der Verschwörungstheorien

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<em>Furcht oder Fakt? </em>Das allsehende Auge der Illuminaten vermuten einige auch hinter den Anschlägen vom 11. September. Foto: dpa/Colourbox, Montage: Neue OZ/LangerFurcht oder Fakt? Das allsehende Auge der Illuminaten vermuten einige auch hinter den Anschlägen vom 11. September. Foto: dpa/Colourbox, Montage: Neue OZ/Langer

mao Osnabrück. Dank des Internets verbreiten sich Verschwörungstheorien um die Anschläge von 9/11, des Boston-Marathons oder eine neue Weltordnung rasend schnell. Man kann damit sogar Geld verdienen.

Sie wenden sich an die Mehrheit aller Menschen, die sogenannten „Gehirngewaschenen“. Die, die alles glauben, was ihnen Regierungen und Medien auftischen. An die Blinden, die die offensichtlichen Zeichen nicht sehen wollen und zu bequem geworden sind, Zusammenhänge zu hinterfragen und Fehler zu erkennen. Verschwörungstheoretiker misstrauen nahezu allem. Sie wollen die Wahrheit ans Licht und unter die Unwissenden bringen. Nichts eignet sich dafür besser als das Internet.

„Verschwörungstheorien waren schon immer stark an Neue Medien gebunden, wie damals bei der Einführung des Buchdrucks. Damals nahm die Zahl der verfügbaren Pamphlete auch drastisch zu“, erklärt Michael Butter von der Universität Freiburg . „Das Internet trägt dazu bei, dass Verschwörungstheorien populärer werden, denn sie lassen sich sehr günstig und weit verbreiten“, so der Experte für Verschwörungstheorien, der in Freiburg im Fachbereich Amerikanistik arbeitet.

Alles ist verbunden

Vor allem in den USA sind die Skeptiker und ihre Theorien weit verbreitet. Es geht um Schwindel, um vorgetäuschte Angriffe unter falscher Flagge oder einfach nur die Wahrheit. Die eingestellten Videos tragen den Namen eines Ereignisses, wie etwa „9/11“ oder „Boston Marathon“, versehen mit den Zusätzen „Hoax“, „False Flag“, „Conspiracy“ oder „The Truth“. Um die Tricks der Mächtigen aufzudecken, analysieren und sezieren die Skeptiker alle verfügbaren Fotos, Amateurvideos und TV-Aufnahmen. Sie vergleichen, stellen Bilder in Relation, zoomen heran, markieren und kommentieren. „Die Verschwörungsfilme im Internet stricken ihre eigene Geschichte, in der es keine Zufälle gibt, sondern alles sehr genau geplant und miteinander verbunden ist“, so Butter.

Kein Ereignis zieht dabei so viele Verschwörungstheoretiker in seinen Bann wie die Anschläge des 11. September 2001. Die Bildanalyse ist auch hier ein besonders wichtiges Instrument. Die Macher des Films „September Clues“ kommen sogar zu dem Schluss, dass es sich bei nahezu dem gesamten Material der amerikanischen Fernsehanstalten um bearbeitete oder gar animierte Aufnahmen handelt. Der Vorwurf: Die Medienmacher hätten nachträglich Flugzeuge über die Aufnahmen der eigentlich sichtbaren Raketen gesetzt. Die US-Regierung habe dabei eng mit den wichtigsten Medien zusammengearbeitet, überall in der Stadt eingeweihte Personen mit Kameras postiert, um das Geschehen so realistisch wie möglich erscheinen zu lassen. Ziel des Ganzen sei es gewesen, ein neues Feindbild zu schaffen und den Krieg gegen den Terror auszurufen. Außerdem galt es, Angst zu schüren, um drastische Einschnitte in Persönlichkeitsrechte zu rechtfertigen.

Auch nach den Bombenexplosionen während des Boston-Marathons dauerte es nicht lange, bis die ersten Verschwörungsvideos bei YouTube auftauchten. Wieder ziehen die Verschwörungstheoretiker Fernsehbilder als Beweise heran. Aussage hier: Bei den Verletzten handelt es sich um Schauspieler , die Verdächtigen Tamerlan-Brüder sind Opfer einer inszenierten Medienhatz, gesteuert von der Regierung. Der YouTube-Nutzer „ Dahbooh77“ zeigt in seinem Video die eigentlichen Bombenleger: Mitarbeiter des US-Sicherheits- und Militärunternehmens Blackwater, heute bekannt als Academi.

Von Spaß bis bierernst

Videos dieser Art haben Millionen von Klicks. Unter den Filmen finden sich Kommentare, in denen sich Nutzer beim Ersteller dafür bedanken, dass er ihnen die Augen geöffnet habe. „Menschen gehen unterschiedlich mit Verschwörungstheorien um. Einige spielen gerne ein Szenario durch, im Sinne von „Was wäre, wenn...“ und kommentieren dann auch in diese Richtung. Aber es gibt auch die Leute, die die Sache bierernst nehmen“, so Michael Butter. Gefährlich seien Verschwörungstheoretiker meistens aber nicht, da sie vor allem zeigen wollten, dass sie etwas verstehen, was die breite Masse nicht verstanden hat. Sie sammelten Beweise, ohne jedoch zu handeln, so der Experte.

Neue Weltordnung

Ein Problem sieht der promovierte Sprachwissenschaftler jedoch bei bestimmten Personenkreisen: „Leute, die sich ohnehin isoliert und marginalisiert fühlen, erhalten durch Verschwörungstheorien einen Grund, warum sie isoliert und marginalisiert sind. Die Tendenz, dass Menschen durch das ständige Rezipieren und Verbreiten dieser Theorien in diesen versinken und sich radikalisieren, ist durchaus zu beobachten“, so Butter. Ein Beispiel dafür ist der Amoklauf in einem Sikh-Tempel im vergangenen Jahr im amerikanischen Wisconsin. Der Täter hatte die Mitglieder der Kirche offenbar mit Muslimen verwechselt , von denen er sich bedroht fühlte.

Viele Verschwörungstheoretiker eint der Glaube an eine mächtige, globale Weltordnung. Die Enthüllungen um den US-Geheimdienst NSA bestätigten kürzlich eine der Grundannahmen der selbst ernannten Aufklärer. Das Video „The Obama Deception“ hat auf YouTube bereits über 13 Millionen Klicks erreicht. Die Aussage des Films von Nachrichtenmoderator Alex Jones : Die US-Präsidenten der vergangenen Jahrzehnte – Barack Obama eingeschlossen – sind Marionetten, die an den Fäden einflussreicher Eliten und Bänker hängen, die eine diktatorische angloamerikanische Weltordnung schaffen wollen.

Aufdecken als Geschäft

Jones ist auch ein Beispiel dafür, dass Verschwörungstheorien vor allem dank des Internets einen großen Markt haben. Jede dort eingestellte Aktivität ist gleichermaßen Werbung. Das haben auch die Hersteller der „Loose Change“-Filme erkannt. Der damals 21-jährige Dylan Avery erstellte mit zwei Freunden einen knapp anderthalb Stunden langen Film, der die verschiedenen Verschwörungstheorien rund um die Geschehnisse der Anschläge vom 11. September aufgreift und vertritt. Weltweit sehen über 125 Millionen Menschen das Video. Der Film wird deshalb auch als erster Internet-Blockbuster bezeichnet. Mittlerweile haben die Laien-Dokumentarfilmer „Loose Change“ zur Marke gemacht. Während die erste Version des Films umgerechnet rund 1500 Euro kostete, verschlang die Produktion der letzten Version mehr als 700000 Euro. Die DVDs der Filme gibt es auf der eigenen Homepage zu kaufen – ebenso wie Aufkleber und T-Shirts.


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