Heute "Tatort Schwanensee" Verriss von früher: Im Münster-"Tatort" ist das Opfer – die Spannung!

Tatort Münster: Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl).Tatort Münster: Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl).
WDR/Markus Tedeskino

Osnabrück. Die ARD wiederholt den „Tatort“ aus Münster, wir wiederholen die Kritik: So urteilte unser „Tatort“-Experte vor fünf Jahren über „Schwanensee“.

In der dritten Runde der Sommer-Wunschfilm-Aktion siegt wieder ein Krimis aus Münster. Am heutigen Sonntag, 5. Juli 2020, wiederholt das Erste den Münster-„Tatort: Schwanensee“. Hier können Sie unsere Kritik von damals noch einmal lesen:

Wer ist Mona Lux?

Wenn man im Internet nach „Mona Lux“ sucht, findet man nicht etwa den vielleicht erwarteten Disco-Star der Achtzigerjahre und auch nicht eine obskure Abspaltung der katholischen Kirche. Nein, da ist nur eine sündhaft teure Pudelmütze , die sich offenbar schon länger im Markt hält – und der Name des Mordopfers im neuen Münster-„Tatort“


Unscheinbare Leiche

Die schöne Mona Lux liegt – mit Gewichten beschwert – am Grund des Schwimmbeckens im „Haus Schwanensee“, einer luxuriösen psychiatrischen Therapieeinrichtung am Aasee. Und sie ist erst mal die unscheinbarste „Tatort“-Leiche seit Langem. Ein frühmorgendlicher Schwimmer zieht seine Bahnen über der toten Frau ohne sie zu bemerken. Und als Kommissar Thiel (Axel Prahl) übellaunig am Tatort erscheint, stolpert er beinahe über die mittlerweile am Beckenrand aufgebahrte junge Frau.

Käfig voller Narren

Beides ist nicht weiter verwunderlich – der Schwimmer (Robert Gwisdek) ist Autist und der Polizist ein bundesweit bekannter Tollpatsch. Dass der Direktor der Einrichtung dann noch wie der oberste Narr im Käfig daherkommt, passt nur ins Bild – Münster-„Tatort“ eben. 

Boerne im Urlaub?

Noch ganz weit weg vom kühlen Nass ist im Gegensatz zu diesem Trio infernale Gerichtsmediziner Boerne ( Jan Josef Liefers ). Er macht in seinem Wohnzimmer Trockenübungen für den bevorstehenden Urlaub auf den Malediven – selbstverständlich in voller Tauchermontur. Aber es ist ja klar, dass Mona Lux auf seinem Seziertisch landen wird. Klar, dass er seinen Urlaub nicht antritt. Klar, dass er als Therapeut im „Haus Schwanensee“ anheuert. Immerhin werden mit dem Ein- und Ausladen der Koffer durch Thiels Vater mehrere Minuten totgeschlagen.

Roth-Händle-Denkmal

Mein lieber Schwan, nach einer halben Stunde ist „Schwanensee“ – nichts. Nicht witzig, nicht spannend, und schon gar nicht anspruchsvoll. Einfach nur langweilig. Es sei denn, man amüsiert sich darüber, dass Thiel Hunger hat und der Assistentin das Frühstücksbrötchen wegfuttert oder dass Staatsanwältin Klemm ( Mechthild Großmann ) jetzt elektrisch raucht und doch noch immer klingt wie ein wandelndes Roth-Händle-Denkmal.

Politisch unkorrekt

Der Autist antwortet auf die Frage „Wann haben Sie Mona Lux das letzte Mal lebend gesehen?“ mit „65.537“, eine Patientin mit übersteigerter Libido zischelt dem Kommissar zu „Richtig reiten lernt man ganz woanders“ und ein anderer zwangsneurotischer Bewohner der Einrichtung weist Thiel darauf hin, dass sein Handy schief liegt. Das mag bei einem Teil des Publikums Lachsalven auslösen, ist aber nichts anderes als ein abgeschmackter Scherz auf Kosten psychisch kranker Menschen. Politisch unkorrekt und liebevoll zugleich geht eben schwer.

Auch was Gutes

Doch genug des Genörgels – das will beim Münster-„Tatort“ ja eh keiner lesen. Zwar ist die erste halbe Stunde ganz schön zähes Zeug, doch tatsächlich hat „Schwanensee“ auch eine Habenseite. Irgendwann ist das Schlimmste überstanden, die Witzchen werden besser und gelegentlich weht gar ein leiser Hauch von Spannung durch den Krimi. Außergewöhnlich gut ist diesmal die Kameraarbeit von Gunnar Fuss, dem eine ganze Reihe sehenswerter Einstellungen gelungen ist.

Prösterchen

Und wenn jemandem die amüsante Szene, in der sich Thiel und Boerne einen zwitschern, bekannt vorkommt, ist das auch kein Zufall. So etwas gab’s schon mal 2011 in „Zwischen den Ohren“ – damals tranken die beiden sogar Brüderschaft, um es am nächsten Morgen wieder vergessen zu haben und sich weiter zu siezen. Auch damals stammte das Drehbuch von Christoph Silber und Thorsten Wettcke, die diesmal gemeinsam mit Regisseur André Erkau schrieben. Ganz offensichtlich haben die beiden ein ausgeprägtes Faible für Feierabendgespräche bei Rotwein und Flaschenbier.

Gwisdek ist stark

Und schließlich ist da noch Robert Gwisdek , der Sohn von Corinna Harfouch und Michael Gwisdek, der längst auf dem besten Weg ist, einmal ein ähnlicher großartiger Schauspieler zu werden wie seine Eltern es sind. Seine Darstellung des Autisten und Mathematikgenies Andreas Kuhlmann ist neben der Liefers-Mimik die herausragende schauspielerische Leistung in diesem „Tatort“.

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