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Der fast schon historische Streit zwischen Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki Wo blieb da die Erotik?

Als hätten sie schon böse Vorahnungen, posierten Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki 1991 für die Kamera. Neun Jahre später eskalierte der Streit der Literaturkritiker. Foto: dpaAls hätten sie schon böse Vorahnungen, posierten Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki 1991 für die Kamera. Neun Jahre später eskalierte der Streit der Literaturkritiker. Foto: dpa

Osnabrück. Erotisch oder nicht erotisch? Große Literatur oder literarisches Fast Food? Über diese Fragen gerieten die Literaturkritiker Sigrid Löffler und Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ des ZDF am 30. Juni 2000 in Streit. Und zwar so heftig, dass Löffler vier Wochen später ihren Ausstieg aus der Sendung bekannt gab, der sie zwölf Jahre ein Gesicht hatte.

Sie habe Reich-Ranicki die Möglichkeit geben wollen, sich zu entschuldigen, begründete Löffler die Frist. Es sei das „reinste Lehrstück in Frauenfeindlichkeit“ gewesen, betonte sie in einem „Spiegel“-Interview. Doch beim genauen Hinhören kommen nicht nur leise Zweifel daran auf, wer den ersten Brandsatz geworfen hat.

Es ging um den Roman „Gefährliche Geliebte“ des Japaners Haruki Murakami. Hellmuth Karasek hatte zunächst den Inhalt des Buches zusammengefasst, als Sigrid Löffler dem Werk von Murakami einen Platzverweis für die Sendung aussprechen wollte. Denn es sei keine Literatur, sondern bestenfalls „literarisches Fast Food“, ereiferte sich die ehemalige Feuilleton-Chefin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Murakami habe „sprachloses, kunstloses Gestammel“ produziert, das nichts Erotisches habe. Löffler zitierte zur Untermauerung einen Satz aus dem Buch: „Ich wollte sie bis zur Hirnerweichung vögeln.“ Das erwecke kein erotisches Gefühl, betonte die Kritikerin.

Reich-Ranicki erwiderte zunächst: „Das Buch ist von Anfang an von ungewöhnlicher Zartheit.“ Es sei ein „hoch-erotisches, sich steigerndes Buch, das bis auf das große, riesige Schlusskapitel zuläuft.“ Dieses sei „fabelhaft geschrieben“. Die Zartheit würde Sigrid Löffler entgehen, sagte er in seiner typisch-nachdrücklichen Art.

Daraufhin schoss Löffler den ersten persönlichen Pfeil ab: „Ich will wirklich überhaupt keinen Einspruch dagegen erheben, woran Sie sich ergötzen, aber das ist wahrscheinlich auch eine Altersfrage“, hob sie an und setzte damit in das Gelächter des Publikums hinein den Startpunkt für weitere persönliche Angriffe beider Seiten.

„Sie missverstehen jeden Satz“, schimpfte Reich-Ranicki zunächst und ereiferte sich weiter. Für Erotik habe Löffler „einfach keinen Sinn“ schimpfte er und: „Sie halten die Liebe für etwas Anstößig-Unanständiges. Aber die Weltliteratur befasst sich nun mal mit diesem Thema.“

Hellmuth Karasek – der das Buch Murakamis ebenso schätzte wie Reich-Ranicki es tat – versuchte zwischen den beiden zu vermitteln. Aber ohne Erfolg. Gegen Ende der Sendung bat Löffler darum, dass Bücher in der Sendung künftig nur noch anhand literarischer Kriterien bewertet werden dürften „und nicht mit persönlichen Unterstellungen“, schob sie nach und fand Karaseks Zustimmung, der leise anmerkte, dass Murakami als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt würde. Tatsächlich wurde „Gefährliche Geliebte“ mehrfach ausgezeichnet, unter anderem fünf Jahre später als „Ein Buch für die Stadt“ der Stadt Köln.

Der Auseinandersetzung – oder besser ihrer Beilegung – half das nichts. Zwar habe sich Reich-Ranicki bei ihr gemeldet, erzählte Löffler später. Doch habe er bei dem Telefonat seine Beschimpfungen aus der Sendung wiederholt, sagte sie dem „Spiegel“. So zog sie sich aus der Sendung zurück und widmete sich von August 2000 bis September 2008 der Herausgabe des Magazins „Literaturen“.

„Ich bin glücklich, dass sie nicht mehr im Quartett ist“, betonte Reich-Ranicki im November 2000 bei einem Auftritt. Doch vier Jahre später wollte er die Differenzen ausräumen und sich mit Löffler versöhnen. „Ich bin jederzeit dazu bereit“, sagte er in der Sendung „Menschen bei Maischberger“. Er habe Dinge gesagt, die Löffler ganz offenbar gekränkt haben. „Ich war mir dessen nicht ganz bewusst“, gab der damals 84-Jährige an. Er leide darunter, dass er sich selbst Feinde mache.

Dem „Literarischen Quartett“ indes half diese Einsicht nicht mehr. Nachdem zunächst die „Zeit“-Redakteurin Iris Radisch den Posten von Sigrid Löffler übernommen hatte, wurde die Sendung ein gutes Jahr nach dem Eklat eingestellt.


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