Streaming und TV Berlinale: Serien „Made in Germany“ im Trend

Von dpa



Berlin. Längst lebt die Kinobranche mit der Serien-Konkurrenz, auch die Berlinale mischt mit - zurecht: Serien aus Deutschland sind international immer beliebter.

Die Apokalypse in „Dark“, die Zwanziger Jahre in „Babylon Berlin“, der Kalte Krieg in „Deutschland 86“ sind Hits, weltweit. Ob im klassischen Fernsehen oder in den Streaming-Diensten - einheimische Serienhersteller mischen längst mit im globalen Geschäft.

„Wir erleben die beste Zeit für Film und Fernsehen“, sagt Rachel Eggebeen, die für Netflix die deutsche Szene beobachtet, auf der Berlinale. Der Streaming-Anbieter hat eigens ein Team für die Suche nach Stoff „made in Germany“ aufgebaut.

Mit ihren Milliardenbudgets erscheint der Bedarf von Netflix, Amazon Prime, Starz & Co. an Nachschub unersättlich, Zahlen nennen die Konzerne nicht. Die Berlinale hatte früh die Nase im Wind und bietet jedes Jahr für die Serienflut Premieren, einen Marktplatz und Fachgespräche an. Produzenten können ihre Ideen vorstellen und auf Suche nach einer Finanzierung gehen.

Auch tragen die Serien zur Promi-Quote des Festivals bei. Die einstige First Lady Hillary Clinton und die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett kamen nach Berlin, um Serien-Projekte vorzustellen, an denen sie beteiligt waren.

Digitalplattformen stellen das traditionelle Geschäftsmodell mit bewegten Bildern dramatisch infrage. Mit den Videos auf Abruf und den Abo-Diensten, die im Monat kaum mehr als eine Kinokarte kosten, sind mächtige Mitbewerber um die Publikumsgunst entstanden. Von „Netflixonomics“ spricht das britische Magazin „The Economist“.

Einst goldene Regeln wie die „Prime Time“, also die Hauptsendezeit, die Quoten und die für die Werbung in Altersklassen aufgeteilten Zielgruppen werden zunehmend irrelevant, Werbebudgets wandern ins Internet.

Auch die deutschen Produzenten passen sich den Trends an. Das wird auch in diesem Jahr auf der Berlinale deutlich. Die Clips von neuen Produktionen fühlen sich zwar oft düster an, treffen wohl aber einen Nerv. In „Katakomben“, das auf der Digitalplattform Joyn laufen soll, versuchen Jugendliche, die sich unterhalb des Münchner Hauptbahnhofs zum Feiern treffen, einer Katastrophe zu entkommen.

Die für das ZDF produzierte Dokuserie „Höllental“ greift im „True Crime“-Format den ungelösten Mordfall Peggy Knobloch auf. Das damals neun Jahre alte Mädchen war im Jahr 2001 nahe ihrem Heimatort Lichtenberg in Oberfranken verschwunden. Erst 2016 wurde ihre Leiche in einem Wald in Thüringen entdeckt. Ein Täter ist bis heute nicht ermittelt.

Gerade in „Höllental“ von Regisseurin Marie Wilke werde deutlich, was deutsche Produktionen heute auszeichne, sagt Pauline Mazenod, die für die deutsch-französische Vertriebsfirma Windrose Dokumentationen, Serien und Filme weltweit vermittelt. Aus der Hubschrauberperspektive nähert sich die Kamera dem Fundort der Leiche, selten hat ein Wald so bedrohlich ausgesehen. „Ein perfektes Bild“, sagt Mazenod. Es ist ein visuell fulminanter Blick auf eine bedrückende Geschichte.

Deutschsprachige Autoren schreiben laut Mazenod mindestens genauso innovative Drehbücher wie die besten „Script Writers“. Deutsche Serien seien heute komplexer und reicher aufgebaut. Auch das traditionelle Fernsehen wage viel. Mazenod, die stets auf der Suche nach Film- und Seriengeschichten ist, glaubt, dass deutsche Stories viel Potenzial im Ausland haben - auch vor dem Hintergrund der Geschichte.

Siehe Anke Engelke: In der Netflix-Serie „Das letzte Wort“ spielt sie eine Grabrednerin, deren Mann gerade gestorben ist. „Very german“ könnte man zu dem teils deftigen Humor sagen. Aber nach ihrem Auftritt in „Deutschland 86“ sei Engelke weltweit bekannt, sagt Netflix-Managerin Eggebeen.

Dass lokale Geschichten ein globales Interesse auslösen können, zeigt gerade die südkoreanische Produktion „Parasite“. Nicht erst seit den Oscars, unter anderem für den besten Film, hat die bitterböse Komödie über die Kluft zwischen Arm und Reich internationales Interesse. „Denke global, handle lokal“ - die Regel gilt auch für Serien.

So ist die Drehbuchautorin und Produzentin Anna Winger („Deutschland 83“, „86“, „89“) begeistert, dass sie ihre neue Serie „Unorthodox“ teilweise auf Jiddisch drehen konnte. Der Vierteiler erzählt nach dem gleichnamigen Bestseller von Deborah Feldman von einer jungen Frau, die der streng religiösen jüdischen Gemeinde in Brooklyn entfliehen will und nach Berlin geht. Im März soll die Serie auf Netflix abrufbar sein.

Die neue Beliebtheit ist den Machern allerdings nicht immer angenehm. Schlimme Wochen habe sie erlebt, nachdem die erste Staffel von „Dark“ auf dem Markt war, sagt Produzentin und Mitautorin Jantje Friese. In den sozialen Medien hätten Zuschauer teils obskure Verschwörungstheorien gesponnen; es war „eine Welle“, die ihr nicht geheuer erschien. „Dark“ eben.


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