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Juwelen im Morast der Langeweile Beisenherz und Polak: Unser Podcast ist Notwehr

Oliver Polak und Micky Beisenherz. Foto: Gerald von ForisOliver Polak und Micky Beisenherz. Foto: Gerald von Foris
Gerald von Foris

Berlin. Micky Beisenherz und Oliver Polak gehen mit ihrem Podcast auf Tour. Ein Gespräch über Juwelen im Morast der Langeweile

Charlotte Roche und ihr Mann haben einen Podcast, Jan Böhmermann und Olli Schulz haben einen. Und Micky Beisenherz und Oliver Polak gehen mit ihrem Podcast „Juwelen im Morast der Langeweile“ sogar auf Tour. Was erzählen sie sich da eigentlich? Und was machen sie, wenn sie sich live um Kopf und Kragen reden? Wir haben sie im Studio besucht und nachgefragt.  

Herr Beisenherz, Herr Polak, falls irgendjemand Sie nicht kennt: Können Sie einander mal in ein paar Worten vorstellen?

Beisenherz: Oliver Polak ist Bestseller-Autor, Grimme-Preisträger, Fernsehpreis-Träger und der warmherzigste Kuschel-Provokateur Deutschlands.

Polak: Micky ist wie ich ein Kind vom Lande, ein Sohn mittelständischer Unternehmer, ein Junge, der immer schon gehört werden wollte. Und der Quatsch machen wollte. Oder? Kann man das so sagen?

Beisenherz: Die frühen Jahre deuten das an.

Polak: Und wir sind uns sehr ähnlich. Ich komme aus Papenburg, er aus Castrop-Rauxel. Wir sind beide bei glücklich verheirateten Eltern aufgewachsen und haben dieselbe Musik gehört, so zwischen Milli Vanilli und Rage Against the Machine. Provinz verbindet. Und er ist anständig, zuverlässig und ein wirklicher Freund.

Beisenherz: Schön, dass du das sagst!

Polak: Nur fürs Interview.

Wie wurden Sie Freunde?

Polak: Über einen gemeinsamen Freund. Als ich jemanden brauchte, der über meine Stand-up-Texte guckt, hat Jens Oliver Haas [der mit mit Beisenherz die Dschungelcamp-Gags schreibt] gesagt: Frag Micky; der ist der Beste. Dann habe ich Micky eine Mail geschrieben; und obwohl er mich gar nicht kannte, hat er superfreundlich geantwortet. Was er mir dann geschrieben hat, war unheimlich gut. Ich hab ihm Geld dafür gegeben und ihn immer mal wieder getroffen. Micky wollte dann immer Fotos machen …

Beisenherz: … mit denen ich uns auf Facebook als Duo etabliert habe …

Polak: Und irgendwann kam dann die Anfrage, ob wir nicht „Das Lachen der anderen“ drehen wollen. [Eine WDR-Comedy-Reihe für und über Kleinwüchsige, Menschen mit Down-Syndrom und andere Leute, über die sich keiner zu lachen traut.] Dann haben wir den Deutschen Fernsehpreis gewonnen, uns sehr gefreut und einen Anruf vom Hörbuch-Portal Audible bekommen, wo man der Meinung war: Die zwei brauchen jetzt einen Podcast.

Beisenherz: Zu einem Zeitpunkt als man das noch sagte. Heute macht das ja keiner mehr. Wenn irgendjemand auf die Idee kommt, dass zwei Leute einen Podcast brauchen, haben die schon acht Folgen aufgenommen.

Sind Sie wegen Ihres provinziellen Einklangs engagiert worden? Oder eher so als Hauser und Kienzle des Internets?

Beisenherz: Oho, Hauser und Kienzle! Verstehe! Ihre Leser brauchen Anknüpfungspunkte aus den 90er Jahren. Das kenne ich vom WDR, da ist das auch so. Ich glaube, wir sind bekannt als ungleiches Duo mit einer gemeinsamen Basis. Trotz des Streits möchte man ja eine grundsätzliche Harmonie. Menschen, die sich nicht mögen, gibt’s genug, im Alltag genauso wie im Netz.

Polak: Ich bin wie so ein Kleinkind und drücke bei den Menschen gern bestimmte Knöpfe – und gucke, was dann passiert. [Zu Beisenherz:] Gerade bei dir. Du bist so ein kontrollierter Typ; ich hab noch nie erlebt, dass du dich mal gehen lässt.

Hat es im Podcast schon mal geklappt, ihn zu provozieren?

Polak: Hat es, aber es war nicht mein Verdienst. Da hatte gerade so ein Komiker bei seiner Show einem Zwischenrufer Bier über den Kopf geschüttet und gesagt: „Geh zurück in dein Behindertenheim, du Jude!“ Das war das einzige Mal, wo ich erlebt habe, wie du so richtig ausgerastet bist. Da warst du wie so ein Panzer auf Autopilot. Und mit Berechtigung.

Beisenherz: Da ging es ja auch um was. Man überlegt sich ja vorher, ob man öffentlich in die Konfrontation geht. Die Wahrscheinlichkeit, dass man dem anderen relativ bald wieder begegnet, ist ja gar nicht so gering.

Ist das nicht sowieso ein Problem bei medienkritischer Satire: dass der Fernseh-Kosmos eine Community ist?

Beisenherz: Frotzeln gehört für uns alle dazu. Da soll sich keiner ins Hemd machen. Aber wenn du Leute hart beleidigst, aus einer Überzeugung heraus, dann riskiert man, dass die sagen: Mit dem will ich nicht mehr in ein Studio. Wenn das so sein sollte, muss man seine Überzeugung weiter vertreten können. Ich möchte niemals, nur damit ich Ruhe habe, einem Dieter Bohlen sagen müssen: Eigentlich finde ich Sie doch ganz okay.

Sind Sie eher ein vermittelnder Geist, während Oliver Polak Öl ins Feuer gießt?

Beisenherz: Das kommt wirklich drauf an. Die Gesellschaft ist differenziert, und so soll man sie dann auch betrachten. Wenn Friedrich Merz am Jahrestag der Auschwitz-Befreiung bei Twitter Stimmung gegen Flüchtlinge macht, habe ich allerdings kein Problem, auch mal deutlich zu werden. Oder bei einem Fall wie Thüringen. Da ist eine mittelschwere Katastrophe für die Demokratie passiert; und die Verursacher sind sich des Schadens noch gar nicht bewusst. Da kann man dann auch mal mit dem Brustton der Überzeugung sagen: Diese Scheiße geht nicht. Ist doch auch mal ganz schön. Es gibt ja immer weniger Dinge, wo das in dieser Eindeutigkeit geht, zumindest für mich. Im Regelfall ist die Welt grau und nicht schwarz oder weiß. Immerhin ist die Aufregung über Thüringen jetzt immens; und da hat sogar mal Social Media einen guten Beitrag geleistet. Ich weiß nicht, ob so ein kleiner Landtag vor fünfzehn oder zwanzig Jahren für eine derartige Empörung gesorgt hätte. Vielleicht wären sie damals damit durchgekommen.

Polak: Und natürlich sind das alles Themen für unseren Podcast. Auch der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Als Kind bin ich alle paar Wochen aus Papenburg zur Synagoge nach Osnabrück gefahren. Seitdem gehören Synagogen und Polizeiautos für mich zusammen; ich habe nie, nicht mal als Kind gedacht: Wir brauchen kein Panzerglas. Ich erzähle vom wöchentlichen Bar-Mitzwa-Vorbereitungsunterricht zum Beispiel: Da stand meine Mutter um halb zwei in der S-Klasse mit laufendem Motor vor der Schule und hat mich über die Landstraße chauffiert. Das war ein Alptraum, die Stoffsitze, die Cartier-Kippen, die meine Mutter Kette geraucht hat. Als ich zum ersten Mal von Judendeportationen gehört habe, dachte ich spontan: Kenne ich! Zur Belohnung gab's auf dem Rückweg Pommes beim Grillmaster. Und eine Wurst, frag nicht, was für eine. Am Ende landen wir beim Podcast immer bei der Kindheit. Eigentlich ist es Therapie.

Zur Person

Micky Beisenherz und Oliver Polak
Oliver Polak wird am 14. Mai 1976 in Papenburg geboren. Micky Beisenherz kommt am 28. Juni 1977 zur Welt und wächst in Castrop-Rauxel auf. Bekannt wird er vor allem als Autor des Dschungelcamps. Beim „Stern“ schreibt er eine Kolumne, bei Magenta TV moderiert er die Sendung „Artikel 5“, bei ntv „#timeline“. Oliver Polak wird mit Comedy-Programmen bekannt, die zunächst um seine jüdische Herkunft kreisen. Auch sonst ist seine Arbeit von Provokation und Bekenntnis geprägt. Einen Psychiatrie-Aufenthalt behandelt sein Buch „Der jüdische Patient“; in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten ProSieben-Show „Applaus und Raus“ spricht über eine Krebserkrankung. Zu den gemeinsamen Projekten von Polak und Beisenherz gehören die WDR-Comedy-Reihe „Das Lachen der Anderen“ und, seit 2017, der Podcast „Juwelen im Morast der Langeweile“ – mit dem sie nun auch touren.

Denken Sie bei allem, was Sie erleben: Das ist Material für den Podcast?

Beisenherz: Bei mir ist das jedenfalls so. Wenn mir irgendein Mist passiert, klopfe ich es sofort auf Verwertbarkeit ab.

Polak: Ich nicht, ich führe mein Leben nicht in ständiger Selbstbeobachtung. Es geht ja um Wahrhaftigkeit. Deswegen finde ich Stand-up-Comedy oft nicht gut: Da geht es bei vielen um gar nichts. Im meinem Buch „Der jüdische Patient“ beschreibe ich, wie ich acht Wochen mit einer Depression in der Psychiatrie bin. Man muss sich öffnen. Auch im Podcast. Es darf nie klingen, wie im Radio, wenn die morgens so reden, wie kein Mensch redet. Podcasts sind ein viel besseres Medium: Man hat Zeit, man redet, und keiner verstellt sich.

Und offenbar funktioniert das auch live.

Polak: Was uns selbst hart überrascht hat. Wir haben das zweimal auf Festivals gemacht und dachten, wir würden da so sitzen wie hier im Studio, zwei Stühle, Mikros auf dem Tisch. Aber dann standen wir wie zwei Late-Night-Talker nebeneinander und haben eine Stunde Programm durchgepowert. Mittendrin ist uns aufgefallen, dass der 9. November ist; und auf einmal haben wir einen ganz anderen Ton angeschlagen. So ist das in echten Gesprächen ja auch.

Beisenherz: So funktioniert moderne Unterhaltung: Man mutet und man traut dem Publikum was zu. Man bildet ab, was ist. Da wird eben mal gelacht, und dann kommen fünf Minuten, die nicht so lustig sind, aber in die Tiefe gehen. Das wird dankbar angenommen; man kann es nur nicht vorbereiten. Es gibt kein Skript und keine vorbereiteten Gags.

Polak: Deshalb wollen wir es auch nicht zu oft machen. Vier Sonntage im März probieren wir es jetzt auf einer Tour aus. Das ist wahrscheinlich ein gutes Konzept, um die Woche ausklingen zu lassen. Zumindest für Leute, die nicht den „Tatort“ gucken.

Wie gehen Sie mit dem Risiko um, eine Pointe zu viel abzufeuern?

Polak: Beim aufgezeichneten Podcasts kann man Fehler ja wieder rausnehmen. Grundsätzlich gilt die Regel: Je größer das Tabu, desto smarter muss der Gag sein. Wir wissen aber sowieso ganz gut, was wir sagen.

Beisenherz: Und dann sind wir ja auch zu zweit. Man hat also automatisch eine Bewertungsinstanz mit im Gespräch. Wenn einer einen harten Gag raushaut, gibt es gleich eine Reaktion, die das einordnet.

Der Komiker Kevin Hart musste im letzten Jahr die Oscar-Gala absagen, weil ihm zehn Jahre alte, schwulenfeindliche Tweets vorgeworfen wurden. Wird die Luft dünner?

Beisenherz: Die aktuelle Cancel Culture, bei der jeder Regelverstoß zur Verdammung führt, finde ich unschön. Ich glaube, dass manch einer im Kampf für eine bessere Welt – dessen Aufrichtigkeit ich gar nicht bezweifle – so weit geht, dass vieles ohne Not zu Klump gehauen wird. Ich mag den Begriff „überkorrekt“ nicht. Aber wer im Humorfach tätig ist, muss wissen: Irgendwer fühlt sich immer verletzt. Natürlich kann mir irgendwann jemand einen alten Tweet vor die Nase halten, der nicht mehr in Ordnung ist. Na und. Dann kann ich mich distanzieren. Oder sagen, dass ich es noch immer lustig finde.

Polak: Das Problem ist dieser Pawlow'sche Reflex: Die Leute hören nur ein Wort, Vergewaltigung vielleicht oder Holocaust …

Beisenherz: Und finden das dann gleich schlecht! Hahaha!

Polak: Nein, ich meine, die hören dann gar nicht mehr zu, wohin der Witz führt. Die sind sofort getriggert und bellen los. Bei Twitter brodelt gerade ein komischer Cocktail. Aber ich bleibe dabei: Kein Witz, den wir machen, ist schlimmer als die Realität.

Beisenherz: Genau. Und unser Podcast ist Notwehr.

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Tour-Daten

Polaks und Beisenherz' „Juwelen im Morast der Langeweile“
Beisenherz und Polak sind an den Sonntagen im März mit ihrem Podcast auch live zu erleben:
  • Düsseldorf, 1. März, Savoy,
  • Hamburg, 8. März, St. Pauli Theater,
  • Osnabrück, 15. März, Rosenhof,
  • Berlin, 22. März, Funkhaus.


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