Interview mit der Moderatorin und Autorin Christine Westermann: So geht das mit dem Glück beim Älterwerden

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Köln. „Das literarische Quartett“ ist für sie seit Freitagabend Vergangenheit - ebenso wie "Zimmer frei". Dennoch oder gerade deshalb: Christine Westermann genießt ihr Leben in vollen Zügen. In einer Kölner Trattoria unterhalten wir uns über Hörgeräte, Hämorrhoiden, Treppenlifte – und die schönen Seiten des Älterwerdens.

Frau Westermann, Mario Adorf und Thomas Gottschalk machen Werbung für Hörgeräte, Sie schreiben Bücher übers Älterwerden. Das ist eindeutig die aufwendigere Art, Geld zu verdienen.

(lacht) Das stimmt. Hörgerätewerbung kriege ich mittlerweile alle paar Wochen mit der Post. Da werde ich stets zum kostenlosen Hörtest eingeladen. Kommt sofort in den Müll natürlich, denn ich höre noch sehr gut. Und solange ich noch hören kann, kann ich auch schreiben. Dabei achte ich sehr genau auf meine innere Stimme.  

Einen Werbevertrag für Hämorrhoidensalbe haben Sie Ihrem Buch zufolge abgelehnt.

Ja, ich weiß gar nicht, wie hoch das Honorar gewesen wäre, vielleicht hätte ich es drauf ankommen lassen sollen. Ich sollte auch mal Werbung für eine Kosmetikmarke machen, die Frauen mit leichten Schäden suchte.

Leichte Schäden?

Ja, so etwas wie Dellen auf den Oberschenkeln oder Chicken Wings, die winkenden Ärmchen. Also keine perfekten Frauen. Es gab vor ein paar Jahren mal eine wunderbare Kampagne mit Frauen in allen möglichen Kleidergrößen und halb ausgezogen. Toll zu sehen, dass niemand perfekt ist. Für diese Werbung wollten sie mich haben, aber das war mir dann doch zu privat.

Aber für Treppenlifte würden Sie werben?

Wenn ich barfuß damit fahren dürfte – weil meine Füße so schön sind. Mittlerweile treibe ich viel Sport und merke, dass es sich beim Treppensteigen wirklich auszahlt.

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Welchen Sport denn?

Pilates. Nicht gerne, aber ich mach’s. Früher nannte man das Bodenturnen, jetzt hat es einen griffigeren Namen, und schon fahren alle darauf ab. Aber merke, dass ich mich schon behender bücken kann. Außerdem laufe ich regelmäßig. Ich versuche, das Alter aufzuhalten, wo es geht. Aber Altwerden heißt nicht nur, unbeweglicher zu werden, Altsein hat auch wirklich schöne Seiten.

Nämlich?

So eine wunderbare Altersweisheit, die man nicht immer gleich rausblasen muss, aber einfach in sich spürt und nach der man handelt. Das empfinde ich als ein unglaubliches Geschenk.

Sie haben sich zum 70. Geburtstag gewünscht, dass Sie noch ganz lange leben, weil’s gerade so schön ist. Was ist denn gerade so schön?

Das Leben an sich. Dass ich jetzt im Älterwerden begreife, wo der liebe Gott mit mir hinwill. Auch wenn’s abgedroschen klingt und tausendmal gesagt wurde: Der Weg ist das Ziel, jeden Tag wahrnehmen. Zum Beispiel freue ich mich jedes Jahr auf meinen Geburtstag wie ein Kind auf Weihnachten, und wir lassen es dann auch richtig krachen. Oder heute Morgen – da bin ich mit meinem Trainer gelaufen, es hatte endlich aufgehört zu regnen, und allein diese herbstliche Stimmung mit den fallenden Blättern, das finde ich einfach großartig. So langsam begreife ich, wer ich eigentlich sein will.

So etwas fühlt sich an wie Glück?

Ja, Glück sind für mich ganz kurze Momente. Ein Glücksmoment ist für mich zum Beispiel, wenn ich im Frühjahr die erste Amsel singen höre. Ich begreife allmählich, wie das geht mit dem Leben. „Dass man nicht der bleibt, der man ist. Oder dass man der wird, der man sein könnte. Oder zu dem kommt, was man eigentlich ist, aber nicht sein konnte.“ So hat es der Autor Axel Hacke in seinem neuen Buch „Wozu wir da sind“ formuliert. Und das trifft es so gut, dass ich es übernehmen möchte, weil ich es nicht besser sagen kann. Das Leben, auch das begreife ich jetzt, kann nicht nur aus Gipfeln bestehen. Man muss auch mal runter ins dunkle Tal, damit man wieder weiß, wie schön es oben ist.

Worin besteht die Qualität des Älterwerdens?

Ich muss nicht mehr irgendwas sein wollen, sondern es reicht komplett, wie ich bin. Auch das Ende des „Literarischen Quartetts“ hat viel Druck von mir genommen. Dabei ist mir diese Entscheidung wirklich nicht leichtgefallen, weil ich dachte, mir werde eine Herausforderung fehlen. Daraufhin hat mich meine Therapeutin gefragt: Wieso brauchen Sie denn noch Herausforderungen? Haben Sie nicht genug Herausforderungen im Leben gemeistert?

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Und?

Stimmt. Das ist ja das Gute an einer Therapie: Es gibt einen Menschen, der einem zuhört und hilft, die Perspektive zu wechseln. Fragen stellt, aber keine Antworten hat. Die findet man schon selbst. Meine Therapeutin hat, als es um die Herausforderungen in meinem Leben ging, das Bild von einem Baum gemalt, der über viele Jahre tiefe Wurzeln gebildet hat, heute ein schöner, stattlicher Baum ist und jetzt einfach mal die nächsten 200 Jahre steht, ohne immer weiter wachsen zu müssen. Mein Leben lang hatte ich das Gefühl, du bist nicht genug, und irgendwann werden sie alle dahinterkommen, dass du es nicht kannst. Und jetzt habe ich endlich das Gefühl: So wie ich bin, ist es gut. Es reicht völlig aus, Christine Westermann zu sein. Alles andere fühlt sich mittlerweile falsch an. Vielleicht trägt das auch dazu bei, dass ich gerade sehr aufnahmefähig für alles Mögliche bin.

Als ich mir Ihr letztes Buch „Manchmal ist es federleicht“ gekauft habe, sagte die Buchhändlerin, sie habe beim Lesen gedacht: Das könnte meine Freundin sein.

Wie schön. Was für ein tolles Kompliment. Mir sagen oft Leute, ich sei genauso wie sie – dann zucke ich immer ein bisschen zusammen und denke: Du bist was ganz Besonderes und Eigenes – und ich bin es auch.

Wenn Sie schreiben, lesen oder moderieren – wollen Sie die Leute dann wie eine Freundin ansprechen?

Möglich, allerdings mache ich das nicht bewusst. Das kommt so aus mir heraus, ohne dass ich groß darüber nachdenke. Frank Plasberg hat immer gesagt: Man muss die Leute da abholen, wo sie sind. Da ist was dran, das ist journalistisches Handwerk. Und das beherrscht kaum jemand so gut wie Caren Miosga, die macht Moderationen präzise auf den Punkt, sie hat die Zuschauer im Kopf, für die schreibt sie ihre Moderationen, macht sie ihre fabelhaften Interviews. Das ist wirklich rar geworden. Wenn ich im nächsten Leben endlich Intendantin geworden bin, bekommt Caren Miosga eine Sendung nach ihren Wünschen auf dem besten Sendeplatz, den es gibt.

Wie streng ist denn die Kritikerin Christine Westermann mit der Autorin Christine Westermann?

Sehr streng. Obwohl – vielleicht doch nicht. Manchmal, wenn ich vor Lesungen zu früh da bin, warten muss und keine Zeitung dabeihabe, lese ich in meinem eigenen Buch. Und denke dann: Ach, guck mal, das hast du aber gut formuliert. Also bin ich wahrscheinlich doch nicht so streng mit mir (lacht).

Sie haben das Buch „Manchmal ist es federleicht“ Ihrem Vater gewidmet. Warum?

Es geht ja um Abschiede. In der Rückschau merkt man, dass alles im Leben einen Sinn macht – man begreift es nur nicht immer sofort. Ich würde auch 57 Jahre später nicht sagen, dass der Abschied von meinem Vater gut war, weil er am Ende viel zu früh kam.

Aber es hatte auch eine gute Seite?

Ich habe direkt danach und in den folgenden Jahren eine unglaubliche emotionale Stärke zeigen müssen, ohne dass es mir bewusst war. Ich habe mich der Herausforderung gestellt, einen sozialen Abstieg zu erleben und lange Zeit mit einem total ungeliebten Stiefvater klarkommen zu müssen.

Welchen Sinn hat dann der Tod Ihres Vaters gemacht?

Alles, was danach gekommen ist, habe ich aus eigener Kraft geschafft. Meine Mutter wollte mich von der Schule nehmen, nachdem ich sitzen geblieben und das Zeugnis danach auch wieder eine Katastrophe war. Aber ich wollte unbedingt Journalistin werden. Und ich habe mir meinen Weg frei gekämpft. Ich weiß nicht, wie es gekommen wäre, wenn es meinen Vater noch gegeben hätte, zu dem ich eine unglaublich enge und liebevolle Beziehung hatte. Er wollte unbedingt, dass ich Lehrerin werde, und es hätte wohl passieren können, dass ich Lehrerin geworden wäre, um ihm eine Freude zu machen. Vielleicht hätte es mir ja gefallen – aber ich bin heute dankbar dafür, dass ich da bin, wo ich bin.

Das letzte Kapitel Ihres Buchs handelt vom letzten großen Abschied, dem Abschied vom Leben. Und zwar so, dass ich an einigen Stellen richtig lachen musste.

Das habe ich mit Absicht gemacht. Wir haben in unserem Freundeskreis einen Bestatter, mit dem wir gelegentlich auch mal gemeinsam Urlaub machen. Den habe ich gebeten, mich einfach mal mitlaufen zu lassen. Mir war es wichtig, dass dieses Thema nicht so angstbesetzt ist. Immer wenn wir ihn fragen, ob er nicht im Januar mal mit uns für zwei Wochen nach Südafrika fliegen will, sagt er: Das geht doch nicht, da ist Hochbetrieb bei uns. Oder wenn wir mal über ein verlängertes Wochenende mit ihm wegfahren wollen, sagt er: Geht nicht, meine Kundschaft läuft noch rum. Für Bernd gehört der Tod zum Leben, das war mir wichtig.

Und der Humor gehört zum Leben.

Genau. In Köln gibt es viele Karnevalsbeerdigungen, bei denen immer mal wieder Jecken beerdigt werden. Und Bernd sagt, die Leute, die am Grab stehen, würden gar nicht merken, dass sie irgendwann leicht ins Schunkeln kommen. Das gehört einfach zu Köln dazu.

Zu Köln gehört auch der FC. Als Anhängerin machen Sie ja gerade schwere Zeiten durch.

Ich hatte gehofft, dass Sie mir dieses Thema ersparen, aber gut: Mein Mann und ich sind FC-Mitglieder, wir haben Dauerkarten, und ich besitze selbstverständlich auch einen Schal. Aber die Vereinsführung hat im Moment Kreisliganiveau. Und ich hab auch keinen Bock, ins Stadion zu gehen, wenn die eine solche Grütze spielen wie in den letzten Monaten. Ich verweigere dann auch den Schal. Wenn ich mir ansehe, was sich die Jungens, die Millionen Euro im Jahr verdienen, so zusammenkicken, denke ich nur: Das ist doch nicht euer Ernst. Und warum kriegt ein Trainer eine halbe Million Abfindung dafür, dass er es nicht gepackt hat?

Habe ich Sie vorhin eigentlich richtig verstanden, dass Sie mit einem Trainer laufen?

Das mache ich seit 20 Jahren. Es hat den unschlagbaren Vorteil, dass der auch kommt, wenn es nass und kalt und dunkel ist. Dann muss ich mich dazu zwingen, weil ich weiß: Alex wartet. Vielleicht setzt das Laufen ja etwas frei, auf jeden Fall weiß Alex unglaublich viel von mir, obwohl ich nur zweimal in der Woche mit ihm laufen gehe.

Na ja, mit wem unterhält man sich schon 50 Stunden im Jahr?

Mit meinem Mann. Mit dem auch mehr.

Sie haben mal gesagt, Sie wollten nicht mehr 65, 50 oder 40 sein. Das fällt mir etwas schwer zu glauben.

Das habe ich aber so gemeint. Rein körperlich allerdings, von den Zellen her betrachtet, möge es doch bitte jetzt mit 71 stehenbleiben. Jetzt finde ich es noch sehr okay, aber ich weiß halt, dass es nicht aufhört. Aber ich habe auch eine Freundin, die sich mit 77 noch frisch verliebt hat – wenn ich die angucke, denke ich: Was ist diese Frau lebendig. Die hat sich genauso verknallt wie man sich mit 20 verknallt, mit all den Schmetterlingen im Bauch.

Was außer einem rauschenden Fest haben Sie sich selbst zum Geburtstag geschenkt?

Meine verstorbene Freundin Anne aus Amsterdam war eine gefürchtete Schenkerin, die hat wirklich immer die schrecklichsten Sachen verschenkt. Es gab allerdings auch ein Geschenk, das ich gern gehabt hätte, aber nie bekommen habe: Anne hat mal eine Eieruhr verschenkt, die man einstellen und dann ins Wasser legen konnte – und wenn die Eier fertig waren, hat sie die niederländische Nationalhymne gespielt. Solche Eieruhren habe ich jetzt auch in Deutschland entdeckt, eine davon spielt „California Dreaming“, was ich natürlich toll finde. Die habe ich mir bestellt, die kann ich nachher abholen.

Wo wir gerade bei Geschenken sind – so kurz vor Weihnachten können wir natürlich kein Interview machen, ohne eine Empfehlung für ein Buchgeschenk. Nehmen wir mal eine dreiköpfige Familie – was empfehlen Sie für Papa, Mama und das Kind?

Kann ich auch Mama und Papa zusammen was schenken, das sie sich gegenseitig vorlesen können?

Natürlich.

Es gibt ein großartiges Buch von Maxim Leo und Jochen Gutsch, das sie im vergangenen Jahr veröffentlicht haben: „Es ist nur eine Phase, Hase“ über Alterspubertierende. Menschen, die Ende 40 sind, Kinder haben und plötzlich das Gefühl, sie wären unheimlich alt. Jetzt haben sie nachgelegt, das neue Buch heißt „Du bleibst mein Sieger, Tiger“. Das ist großartig. Das können sich Mama und Papa wunderbar gegenseitig vorlesen.

Und das Kind?

Schwierig. Es gibt ein tolles Buch, das Nikolaus Heidelbach illustriert hat und einfach nur „Märchen“ heißt. Wenn man Kindern noch vorlesen will – das ist wunderbar.

Christine Westermann

wird am 2. Dezember 1948 in Erfurt geboren, wo ihr Vater als Verwaltungsdirektor des Theaters arbeitet. Die Eltern flüchten in den Westen, lassen sich scheiden, als das Mädchen vier Jahre alt ist. Westermann wächst in Mannheim auf, bei einem ungeliebten Stiefvater und mit zwei Halbschwestern. Als sie 14 ist, stirbt ihr Vater, zu dem sie ein enges emotionales Verhältnis hat.

1968 volontiert sie beim „Mannheimer Morgen“. Es folgt die Deutsche Journalistenschule in München und ein Fernseh-Volontariat beim ZDF. Ab 1972 moderiert sie die ZDF-„Drehscheibe“. Als Radiomoderatorin ist sie ab 1976 tätig. Von 1987 bis 2002 moderiert sie mit Frank Plasberg die „Aktuelle Stunde“ im WDR Fernsehen. 1990 wandert sie nach Amerika aus, pendelt zehn Jahre lang zwischen ihren Arbeits- und Wohnorten San Francisco und Köln.

1996 startet die WDR-TV-Show „Zimmer frei“, in der Westermann zusammen mit Götz Alsmann für ihre fiktive Wohngemeinschaft einen prominenten Mitbewohner sucht. 2000 werden die beiden Moderatoren der Kultshow mit dem Adolf-Grimme-Preis geehrt, die letzte Folge wird im September 2016 ausgestrahlt.

Foto: Oliver Berg/dpa

1999 gibt Westermann ihr Debüt als Buchautorin. Ihr erster Roman heißt „Baby, wann heiratest du mich?“. Es folgen diverse weitere Bücher, zuletzt 2017 „Manchmal ist es federleicht“, in dem sie sich mit dem Abschiednehmen beschäftigt. Zudem arbeitet sie als Radiomoderatorin für WDR 2 und ist auf verschiedenen Kanälen als Buchrezensentin präsent, die schnell im Ruf steht, ihre Empfehlungen machten Bücher zu Bestsellern. 2015 wird sie neben Thea Dorn und Volker Weidermann Mitglied bei der Neuauflage des „Literarischen Quartetts“ im ZDF. Mit der Ausgabe vom 6. Dezember 2019 verabschiedet sie sich aus freien Stücken von dem Format.

Christine Westermann ist verheiratet mit dem Mediator, Coach und Unternehmensberater Jochen Baller, das Paar lebt in Köln. js


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