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"Bonusfamilie" Schauspieler Matthias Lier über Rollen und Ingenieurdiplom

Katja (Anna Schäfer) und Hendrik (Matthias Lier) essen im Büro. Foto: BR/good friends Filmproduktion/MDR/SWR/Oliver VaccaroKatja (Anna Schäfer) und Hendrik (Matthias Lier) essen im Büro. Foto: BR/good friends Filmproduktion/MDR/SWR/Oliver Vaccaro

Osnabrück. In der "Bonusfamilie" (Mittwoch, 20.15 Uhr im Ersten) spielt Matthias Lier eher eine Nebenrolle. Als Hauptrolle brachte ihn den Kindermörder Jürgen Bartsch an seine Grenzen.

Vermutlich gibt es nicht viele Schauspieler mit Ingenieursdiplom. Matthias Lier (40) hat eines. „Ich war immer sehr gut in Mathe und habe mich für Computer interessiert“, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion. „Da lag ein Technikstudium nahe.“ Zudem, sagt er, sei er bei der Berufswahl auf Sicherheit bedacht gewesen. „Ich komme aus einem kleinen Dorf in Thüringen, aus einer Arbeiterfamilie. Ich habe in der Schulzeit bei meinem Onkel in der Bäckerei und im Baumarkt gejobbt. Wir sind ganz bodenständig, und da war meine erste Wahl ein Job, in dem man so gut verdient, dass man sich ein schönes Leben leisten kann.“

Ein „kreatives Ventil“, habe er aber immer gebraucht. „In meiner Jugendzeit habe ich viel Musik gemacht“, sagt Lier. „Schauspielerei hatte ich nie auf dem Schirm.“ Bis er mit 24 nach einer längeren Europareise in seinen damaligen Wohnort Stuttgart zurückkam. „Es gab da so eine Freie Bühne, und ich dachte mir, ich muss irgendwas anders machen, und so habe ich mich da einfach mal ausprobiert.“ Und eine Leidenschaft entdeckt. „Ich habe an der Schauspielschule in Graz vorgesprochen, und dann ging alles ganz schnell.“ Schnell weg vom guten Ingenieursgehalt, hin zur brotlosen Schauspielkunst. „Ach“, sagt Lier und lacht, „ich habe mich während meines Ingenieursstudiums sowieso immer gefragt, wofür ich das ganze Geld ausgeben soll. Die Sorge war ich dann zumindest los.“

Heute definiert der 40-Jährige ein glückliches Leben auch über seinen Beruf. „Für mich ist es das größte Glück, in verschiedene Rollen schlüpfen zu dürfen“, sagt Lier. „Ich mache dann sozusagen einen kleinen Urlaub von meinem eigenen Leben – und ich nehme von jeder Rolle ein bisschen in mein eigenes Leben zurück.“

"Die Wende hat sich wie Weltuntergang angefühlt"

Und dann beginnt er von seinen Rollen zu erzählen. Von der Echtzeit-Mini-Serie „8 Tage“ zum Beispiel, ein Weltuntergangsdrama, das Anfang 2019 auf Sky ausgestrahlt wurde. In acht Tagen soll ein Asteroid auf der Erde einschlagen: Wie gehen die Menschen damit um? „Ich habe einen Pfarrer gespielt, dem die Gemeinde wegläuft, weil ein Scharlatan ihnen das Heil verspricht“, sagt Lier. „Da gibt es eine Szene, wo die Gemeinde mich mitten in der Messe zur Rede stellt; das hat mich total an die Wendezeit erinnert.“ 

Foto: BR/good friends Filmproduktion/MDR/SWR / Oliver Vaccaro

Denn Lier, zur Wendezeit zehn Jahre alt, stammt aus einer kleinen katholischen Enklave im ansonsten wenig kirchlichen Thüringen. „Ich erinnere mich, dass die Leute unseren Pfarrer mitten in der Messe gefragt haben, wie es jetzt weiter gehen soll. Was sie tun sollen. Sie hatten Angst, sie brauchten Orientierung.“ Und dass sie eine Demonstration zur nahegelegenen Grenze nach Hessen gemacht haben, die sich für ihn wie eine Prozession angefühlt hat. „Statt eines Kreuzes wie sonst bei Prozession, habe ich Kleiner ein Schild vorangetragen: Hopp, hopp, hopp, Stasi lauf Galopp. Das hat sich für mich schon ein bisschen nach Weltuntergang angefühlt, denn tatsächlich ist die alte Welt, wie ich sie bis dahin kannte, mit diesem Tag vor 30 Jahren untergegangen.“

Wie es ist, einen echten Kindermörder zu spielen

Doch es war eine andere Rolle, die er rückblickend am intensivsten fand: die Rolle des Kindermörders Jürgen Bartsch, der in den 1960er Jahren vier Jungen sexuell missbraucht und getötet hatte. „Es war ein Ein-Personen-Stück im Residenztheater in München“, sagt Lier. „Ich habe mich sehr weit in die Rolle hineinbegeben, Originaltexte gelesen und versucht, den Mann zu begreifen. Natürlich kenne ich die einzelnen Gefühle wie die Liebe zu einem Kind oder die Sexualität mit einem anderen Menschen, aber nicht beide Gefühle in Kombination.“ Das Stück war sehr erfolgreich, in München, aber auch auf zahlreichen Festivals. „Aber irgendwann wurde mir das zu viel. Ich wollte ihn nicht mehr spielen, weil diese seltsame Mischung der Gefühle immer mehr Widerstand in mir hervorgerufen hat.“

Bonusfamilie nach schwedischem Vorbild

Die Rolle des Hendrik ist da viel sympathischer. Lier spielt sie in der sechsteiligen ARD-Miniserie „Bonusfamilie“, die auf einem sehr erfolgreichen schwedischen Vorbild basiert und am Mittwoch startet. Der Bonus in dieser Familie: zusätzliche Eltern und Geschwister, nachdem Elternpaare sich getrennt und neu verpartnert haben. „In meinem katholischen Dorf gab es Scheidung praktisch nicht“, sagt Lier. „Erst nach der Wende gab es Kinder, deren Eltern sich trennten; wir haben sie irgendwie bemitleidet.“ Heute, meint der unverheiratete kinderlose Schauspieler, sei Trennung leichter geworden. „Wenn die Erwachsenen an einem Strang ziehen, kann es gelingen, von Bonus zu sprechen.“ Wobei er es gut findet, dass die Serie die Situation keineswegs verklärt. „Ich sehe in meinem Umfeld, dass, wenn sich die Ex-Partner nicht einig sind, die Kinder darunter zu leiden haben.“

Hendrik ist ein Kollege der verlassenen Architektin Katja (Anna Schäfer), die in ihren Kinderwochen zuweilen den zehnjährigen William mit ins Büro bringt. Hendrik freundet sich mit William an. „Aber macht er das wegen William oder nur um bei seiner Mutter zu landen? Das ist ein bisschen offen“, sagt Lier über seine Rolle, die erst ab Folge drei richtig in Fahrt kommt. „Hendrik hat auf jeden Fall ein Geheimnis.“ Und er sei ein guter Typ, meint Lier. „Er erobert Katja auf ziemlich subtile Art und hat einen bissigen Humor, der mir sehr gefällt.“ Auch, dass die Serie mal kein Krimi ist, gefällt ihm. „Sie ist wunderbar alltäglich. So, wie das Leben eben ist.“

Bonusfamilie. Sechsteilige Miniserie. Das Erste strahlt sie in drei Doppelfolgen aus. Ab 20. November mittwochs um 20.15 Uhr


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