Schauspielerin im Interview „Rampensau“ Jasna Fritzi Bauer: Wut kann sie gut

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Berlin. Paraderolle für Jasna Fritzi Bauer: Die 30-Jährige ist in der Rolle einer 30-Jährigen zu sehen, die aussieht wie eine 16-Jährige: Mit „Rampensau“ (Vox ab 20.11.) kreiert sie einen der TV-Serien-Höhepunkte des Jahres. Beim Interview in Berlin erzählt die Schauspielerin von Wut, Jähzorn und Ausweiskontrollen:

Frau Bauer, Sie sind eine in Wiesbaden geborene, in Berlin und Wien lebende Schweizer Schauspielerin mit chilenischen Wurzeln. Stimmt’s?

Ja, bis auf die Tatsache, dass ich nicht mehr in Wien lebe. 

Können Sie mir das mal auseinanderdröseln?

Ich bin Schweizer und chilenische Staatsbürgerin, in Wiesbaden geboren und aufgewachsen, habe in Berlin studiert, in Wien drei Jahre ein Engagement am Burgtheater gehabt und bin dann wieder nach Berlin gezogen. Mein Vater ist Deutscher, und meine Mutter hat die Schweizer und chilenische Staatsbürgerschaft. Mir blieb die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt, weil ich die schweizerische dafür hätte abgeben müssen. Mittlerweile dürfte ich einen Einbürgerungstest machen, aber ich weigere mich, so einen Test in dem Land zu machen, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Mit der Folge, dass ich eben keinen deutschen Pass habe und möglicherweise hier verschwinden muss, wenn eine Partei wie die AfD an die Macht kommt.

Ums noch ein bisschen internationaler zu machen: Jasna ist ein slawischer Name, der hauptsächlich in Serbien, Kroatien und Slowenien vorkommt. Wie sind Sie an den gekommen?

Durch meine Eltern natürlich. Die sind ein wenig verrückt, deshalb haben wir alle komische Namen. Aber sie fanden diesen Namen eben schön. Und das Fritzi kam der Tradition wegen dazu – mein Vater, mein Großvater und mein Urgroßvater hießen alle Friedrich, und wenn ich ein Junge geworden wäre, dann würde ich heute Fritz heißen, auch wenn’s wohl nur der dritte Name geworden wäre.

Gibt’s denn jemanden, der Fritzi zu Ihnen sagt?

Ja, tatsächlich. Als ich angefangen habe, in Wiesbaden Theater zu spielen, gab“s einen österreichischen Schauspieler, der mich Fritzi nannte. Ich habe mich daran gewöhnt, es ist ja auch mein Name. Von mir aus kann es sich jeder aussuchen – manche Leute können sich Jasna nicht merken und sagen dann Nassja zu mir. Für die ist es vielleicht leichter, mich Fritzi zu nennen. Mit Fritzi Haberlandt hab ich“s auch ausgiebig diskutiert, die hat nichts dagegen einzuwenden (lacht).

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Eine fehlt heute – wo ist Ihre Hündin Bente? Die war doch sonst immer dabei.

Die ist dieses Jahr gestorben. Und einen neuen Hund kann ich mir nicht zulegen, das wäre noch zu früh. Aber ein Freund von mir, der glücklicherweise um die Ecke wohnt, hat sich einen neuen Hund geholt, der so ähnlich ist wie Bente – Geronimo. Den teilen wir uns jetzt ein bisschen. Bente konnte ich auch zur Arbeit mitnehmen, aber wie soll ich einen neuen Hund daran gewöhnen? Ich versuch’s mal mit Geronimo.

Bente hatten Sie ja sogar immer in die Schauspielschule mitgenommen.

Ja, die war von klein auf darauf sozialisiert, immer dabei zu sein. Sie war Freigängerin im Theater und hat sich selbstständig von der Garderobe zur Kantine – um sich was zu essen abzuholen – und wieder zurück bewegt. In der Uni gab’s zwei Hunde, die immer da waren, obwohl es verboten war, aber das war uns egal. Wenn wir sie nicht in den Unterricht mitnehmen konnten, haben wir sie im Studentenraum geparkt, oder wir haben sie in die Bibliothek zu unserer Bibliothekarin Kirsten gebracht, die hatte immer Spaß mit den Hunden. Wenn dann jemand vergessen hatte, die Tür zu schließen, sind sie wandern gegangen, meistens konnte man sie dann in der Kantine wieder abholen.

Sie haben sechs Geschwister und mal gesagt, diese Patchworkfamilie habe so gut funktioniert, dass es fast schon eklig gewesen sei.

Das war im Spaß. Es war tatsächlich so, dass wir uns alle verstanden haben und es keine Streitereien gab. Es war wirklich „total patchwork“, weil wir alle nur Halb- und Stiefgeschwister sind. Aber es hat sehr gut funktioniert, und das tut es noch immer.

Und jetzt leben Sie in Berlin in einer WG, also eine Art Fortsetzung des Patchworks?

Ja, ich hab mal versucht, alleine zu wohnen, aber ich bin so viel unterwegs, dass der ungenutzte Wohnraum ja auch blöd ist. Wir haben eine große Wohnung, sind meistens zu dritt, mal zu zweit, und es ist ja nicht so, dass wir in zwei Zimmern leben und uns gegenseitig auf die Nerven gehen.

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Sie haben mit 18 kurz vor dem Abi die Schule abgebrochen – warum?

Weil ich keinen Bock mehr hatte (lacht). Ich war eh schon höchst selten in der Schule anwesend, in Hessen wurde gerade das G12-Abitur eingeführt, ich gehörte zum letzten G13-Jahrgang. In Hessen musste man die Abiturprüfung im ersten Halbjahr schreiben und wenn man dann noch Unterkurse im zweiten Halbjahr machen würde, nachträglich nicht zum Abitur zugelassen werden. Es war klar, dass ich das wohl nicht schaffe. Ich hab noch mein theoretisches Fachabitur ausgehändigt bekommen, aber das war“s dann. Meine Eltern fanden das natürlich alles nicht so lustig.

Aber ein Abi ist auch keine zwingende Voraussetzung für die Schauspielschule, oder?

Nein, und das war auch der Deal mit meinen Eltern. Wenn ich es innerhalb eines Jahres nicht auf die Schauspielschule geschafft hätte, dann hätte ich an der Abendschule das Abitur nachmachen müssen. Zum Glück hat“s geklappt, und jetzt habe ich ja ein Diplom, also ist es eh egal.

Es heißt, Sie hassen nichts mehr als Klamotten kaufen. Erst kürzlich hat mir Ihr Kollege Benjamin Sadler erzählt, dass er vom Shoppen sofort schlechte Laune kriegt. Ist das eine Berufskrankheit?

Ich glaube schon. Wir sind ja den ganzen Tag damit beschäftigt, uns irgendwelche Klamotten und Kostüme an- und auszuziehen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich mich an einem einzigen Drehtag umziehen muss. Morgens steht man auf, zieht den Schlafanzug aus und die normalen Klamotten an, dann wird man ans Set gebracht und muss sich sofort wieder umziehen. Und wenn man an dem Tag fünf verschiedene Szenen hat, kann es sein, dass man sich fünfmal umziehen muss. Das ist so nervig, dass ich am liebsten schon im Kostüm zur Arbeit fahren würde. Da muss ich nicht auch noch losziehen und in Geschäften Klamotten anprobieren. In jedem Laden läuft laute Musik, es sind drei Millionen Leute drin, und man muss auch noch anstehen. Ich weiß nicht, warum das anderen Menschen Spaß macht – ich hasse das.

Apropos Hass – es gibt kaum jemanden, der Wut so toll spielen kann wie Sie. Wut können Sie gut – kommt die aus Ihnen heraus oder spielen Sie das nur?

Das steckt natürlich auch in mir drin. Ein bisschen Aggression ist ja in jedem, und ich habe eben das Glück, das ich sie in meinem Job ausleben kann. Was nicht heißt, dass ich mich nicht doch manchmal aufrege. Meine Jugend war sehr geprägt von Aggressivität, deshalb kann ich mich gut in dieses Gefühl hineinversetzen.

Inwiefern geprägt von Aggressivität?

Wenn man Teenager ist, verändert sich ja das Gehirn, man kann also eigentlich gar nichts dafür. Bei mir hatte das sehr starke Aggressionen zur Folge, ich war manchmal wirklich unangenehm und anstrengend. Ungerechtigkeiten und schlecht behandelt zu werden hat mich total wütend gemacht, deshalb wurde ich früher auch HB-Männchen genannt. Und ich würde schon sagen, dass ich jähzornig bin.

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Immer noch?

Ja. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen und nicht mehr so horrende Ausfälle zu haben. Dennoch glaube ich schon, dass man so etwas behält, das geht ja nicht einfach weg. Ich werde dann eher aggressiv gegen mich und beschimpfe mich selbst. Und wenn ich ausraste, leiden eher Dinge als andere Menschen.

Als Kind oder Jugendlicher möchte man ja eigentlich immer älter aussehen, als man ist – das ist Ihnen vermutlich nie gelungen.

Das ist mir bis heute nicht gelungen (seufzt). Ich hab bis heute manchmal Probleme, Zigaretten zu kaufen oder in einen Club reinzukommen, wenn ich meinen Ausweis nicht dabeihabe. Ich hab mich damit abgefunden und gelernt, damit umzugehen. Aber blöd ist es trotzdem. Wenn ich den Leuten meinen Ausweis zeige, dann entschuldigen sie sich meistens und fügen dann ganz schnell hinzu: Sie sehen aber auch jung aus, wie machen Sie das nur? Was soll man darauf antworten? Ich find’s deshalb gar nicht so schlecht, dass ich jetzt meine ersten grauen Haare kriege.

Sie haben allerdings auch mal gesagt: „Erwachsensein ist voll anstrengend". 

Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen, und das hasse ich.“ Gilt das immer noch?Ich hab das nicht so gemeint, wie es dann geschrieben wurde. Was heißt eigentlich erwachsen? Nur weil es jemand mal so festgelegt hat, bin ich mit 18 noch lange nicht erwachsen, ich bin auch mit 30 nicht erwachsen. Ich finde sogar: Man hört nie auf, erwachsen zu werden. Aber es gibt einfach Aufgaben und Verpflichtungen ab einem gewissen Alter, die ich als große Anstrengung empfinde – wie Steuererklärungen. Dann denke ich schon mal: Wann kann ich jetzt endlich fernsehen und mich ausruhen?

Irgendwann kippt es ja, dass man älter aussehen will, als man ist – dann will man jünger aussehen, als es im Ausweis steht. Freuen Sie sich schon auf dieses Alter?

Das sagen alle: Später freust du dich mal. Ich fänd’s ganz lustig, wenn ich weiterhin so ein Gesicht hätte und dann ganz viele graue Haare kriege, dann wären die Leute wahrscheinlich vollends verwirrt.

Immerhin spielen Sie in „Rampensau“ keine 16-Jährige, sondern eine 30-Jährige, die aussieht wie ein 16-Jährige. 

Das ist doch ein guter Fortschritt. Für mich ist es ganz wichtig, Rollen meines Alters spielen zu dürfen.

Was hat Ihnen sonst gefallen, als Sie das Buch zu „Rampensau“ gelesen haben?

Als mir die Rolle angeboten wurde, gab es noch keine deutschen Drehbücher. Also habe ich mir das israelische Original angeguckt, war davon begeistert und hab gedacht: Wenn wir nur zehn Prozent davon umsetzen, dann könnte was Gutes dabei rauskommen. Und natürlich ist das ja genau mein Thema – eine 30-jährige Schauspielerin, die aussieht wie eine 16-Jährige und auch Probleme damit hat, nicht nach dem tatsächlichen Alter, sondern nach dem Aussehen beurteilt zu werden.

Das zieht sich schon wie ein roter Faden durch Ihr Leben, oder?

Ja, natürlich. Es ist halt anstrengend, wenn’s beim Einkaufen anfängt und auf der Straße aufhört, wo mich die Leute komisch angucken, wenn ich mal eine rauche.

Apropos anstrengend: In „Rampensau“ sagt ein Freund zu Ihnen, Sie seien die anstrengendste Person, die er kennt. Und so ganz weit von der Wirklichkeit scheint das ja auch gar nicht weg zu sein.

In manchen Situationen bin ich bestimmt anstrengend und nervig, wer ist das nicht? Aber so extrem wie bei meiner Figur ist es nicht. Eigentlich bin ich sogar sehr ruhig geworden, mag es gern gemütlich und will mich gar nicht mehr so sehr über andere Leute aufregen. Das kostet nur Kraft und ist verschwendete Lebenszeit. Wobei – manchmal kommen schon ein paar Sachen zusammen, und dann kommt noch der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Wie würden Sie sich eigentlich die zehn Folgen von „Rampensau“ angucken? Alle zehn hintereinander weg?

Könnte anstrengend werden. Andererseits habe ich gestern die vierte Folge gesehen und dann gedacht: Fuck, ich würde gerne jetzt noch die fünfte gucken. Zweimal fünf Folgen wäre vielleicht am besten.

Sie waren ja drei Jahre festes Ensemblemitglied am Burgtheater in Wien – das ist für viele Schauspieler so, als würden sie in den Adelsstand erhoben. Wächst man da innerlich?

Ganz ehrlich – ich wusste gar nicht so recht, was das Burgtheater ist, bevor ich da hingegangen bin. Im Prinzip ist es genauso wie an anderen Theatern – mit dem Unterschied, dass das Theater über viel Geld verfügt und es dadurch andere Möglichkeiten gibt als anderswo. Aber dass man dann den Titel Burgschauspielerin für immer tragen soll – was soll das sein? Ich bin doch nicht die Königin von Wien. Und ich bin auch nicht für alle Zeiten Burgschauspielerin, nur weil ich mal drei Jahre an diesem Theater war. Ich gehe nicht irgendwohin und sage: Hallo, ich bin Jasna Fritzi Bauer, eine Burgschauspielerin.

Hatten Sie denn das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein?

Auch nicht. Die Burg ist einfach riesig, ein tolles Theater mit vier Spielstätten. Als ich da angefangen habe, gab es insgesamt 120 Ensemblemitglieder, aber mit mir nur drei unter 30. Ich hab bis zum Ende nicht alle kennengelernt. Schön war die Zusammenarbeit mit den Regisseuren und vor allem, dass ich da Frank Castorf kennengelernt habe.

Und es hilft bei der Wohnungssuche, oder?

Das auf jeden Fall, es hilft auch bei Arztterminen – aber natürlich nur in Wien. Das Burgtheater ist schon ein Mythos, es ist immer voll, und nach der Vorstellung stehen die Leute vor dem Theater und holen sich Autogramme. Am Anfang dachte ich: Was wollen sie von mir? Ein Autogramm? Das mag absurd erscheinen, aber es ist auch schön. Es gibt in Wien wirklich so etwas wie eine Schauspielerliebe.

Wie war Wien denn sonst so? Die Stadt wird ja regelmäßig zur lebenswertesten der Welt gekürt.

Stimmt ja auch, die Lebensqualität ist wirklich sehr hoch. Es ist gemütlich, im Sommer warm und im Winter kalt. Wien ist eine wunderschöne Stadt mit fantastischen Prunkbauten, in der durch die Kaffeehauskultur eine total angenehme Langsamkeit herrscht. Manchmal denkt man in Wien, die Uhren gingen 50 Jahre nach. Dabei ist es in vielen Dingen eine total progressive Stadt. Aber ohne Job wollte ich dann auch nicht bleiben – da wird man vermutlich zum Alkoholiker, weil man so schön im Kaffeehaus sitzen kann und es dann um elf den ersten Spritzer gibt (lacht).

Sie sind jetzt 30 und haben den vermutlich größeren Teil Ihres Lebens noch vor sich. Was haben Sie für Pläne und Träume?

Eigentlich bin ich relativ planlos und hab mir keine Ziele gesetzt. Ich freu mich, wenn ich meine Miete zusammenkriege und schöne Projekte machen kann, aber es gibt jetzt keine Rolle, die ich immer schon mal spielen wollte. Kann sein, dass ich hier bleibe, kann sein, dass ich woanders hingehe, kann sein, dass ich wieder Theater mache. Solange ich schöne Sachen machen kann, bin ich froh und freu mich – und wenn es mal nicht so ist, würde ich auch mal eine Pause machen.

Es gibt Leute, die sagen, Sie seien bei jedem heißen Scheiß dabei.

Kann sein, aber völlig ungezielt, eher aus Versehen. So wie’s ist, bin ich zufrieden.

Jasna Fritzi Bauer

wird am 20. Februar 1989 in Wiesbaden als Tochter einer Germanistin und eines Café-Bar-Besitzers geboren. Wie ihre Mutter erhält sie die schweizerische und die chilenische Staatsbürgerschaft und wächst in einer Patchworkfamilie mit sechs Kindern auf. Schon als Schülerin steht sie beim Jugendclub des Hessischen Staatstheaters auf der Bühne, die Schule bricht sie kurz vor dem Abitur ab und bewirbt sich erfolgreich an der renommierten Schauspielschule Ernst Busch in Berlin.

Schon während der Ausbildung absolviert sie Gastauftritte an Berliner Bühnen und übernimmt erste Filmrollen. Von 2012 bis 2015 gehört sie zum Ensemble des Wiener Burgtheaters, 2017 sorgt sie für Aufsehen mit der Rolle einer rebellischen 16-Jährigen in Helene Hegemanns Kinofilm „Axolotl Overkill“. Immer wieder steht sie auch auf der Theaterbühne, für TV- und Kinorollen wird Bauer vielfach ausgezeichnet. Am kommenden Mittwoch (20.11.) startet auf Vox die zehnteilige Serie „Rampensau“, in der sie eine 30-Jährige darstellt, die aufgrund ihres kindlichen Aussehens undercover die Drogenszene an einer Berliner Vorzeigeschule ausforschen soll.

Jasna Fritzi Bauer lebt in Berlin in einer WG.j


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