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Hohe Produktionskosten lassen das Format zurückgehen – Alles ist erlaubt, außer Langeweile Das Hörspiel: Eine zeitlose Kunstform

Von Philipp Isenbart

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Lieb gewonnene Wegbegleiter durch Kindheit und Jugend: Benjamin Blümchen als farbenprächtiges Musical in der Osnabrückhalle im Jahr 2005. Foto: Thomas OsterfeldLieb gewonnene Wegbegleiter durch Kindheit und Jugend: Benjamin Blümchen als farbenprächtiges Musical in der Osnabrückhalle im Jahr 2005. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Bis heute werden hierzulande die meisten Hörspiele produziert und gehört. Als größter Hörspielproduzent in der ARD gewährt der WDR Einblicke in neue Trends und eine Kunstform, die auch nach rund 80 Jahren erstaunlich jung geblieben ist.

Für viele sind es lieb gewonnene Wegbegleiter durch Kindheit und Jugend, nicht selten auch durchs weitere Leben: Die drei ???, TKKG und Benjamin Blümchen sind Beispiele dafür, wie erfolgreich Hörspiele sein können.

Doch während die Hörspiel-Verkäufe der Audio-Labels in jüngerer Zeit starke Umsatzeinbußen verzeichneten, ist das Radio-Hörspiel auch nach rund 80 Jahren äußerst präsent und vielfältiger denn je. Vom Radio-„Tatort“ bis zum literarischen Hörspiel reicht die Palette, vom gesellschaftskritischen Stück bis zum experimentellen Hörspiel mit popkulturellem Hintergrund.

„Dadurch, dass wir so viele Hörspiel produzierende Sender in der ARD haben, können sich viele unterschiedliche dramaturgische Richtungen ausprägen“, sagt Martina Müller-Wallraf, Ressortleiterin „Hörspiel und Akustische Kunst“ beim WDR, im Gespräch mit unserer Zeitung. Der WDR ist mit Abstand der größte Hörspielproduzent in der ARD. „Wir haben acht wöchentliche Sendetermine, auf denen wir Hörspiele präsentieren“, konkretisiert Müller-Wallraf.

Zum Beispiel gibt es den herkömmlichen „Wer hat’s getan?“-Krimi am Samstagvormittag auf WDR 5 ebenso zu hören wie den unkonventionelleren „Plan B Krimi“ mit Horrorelementen oder im Hardboiled-Stil am späten Donnerstagabend auf 1Live. Das „WDR 3 open: Studio Akustische Kunst“ am Freitagabend überrascht den Hörer gleichermaßen mit literarischen Montagen und ausgefeilten Klangkompositionen.

„Wir produzieren im Jahr an die 100 Hörspiele“, sagt Müller-Wallraf. Die Neuproduktionen machten bereits 40 bis 50 Prozent des Gesamtsendeanteils aus. Der Rest seien Wiederholungen und Übernahmen von Produktionen anderer Sendern der ARD. Übrigens zählen Hörspiele zu den teuersten Produktionen der Sender.

Doch wie viel kostet die Produktion eines Radio-Hörspiels? Das liege am jeweiligen Aufwand, antwortet WDR-Hörfunkdirektor Wolfgang Schmitz, „aber von 10000 Euro Minimum muss man in der Regel ausgehen bei einem Stundenhörspiel.“

Die hohen Kosten dürften ein wesentlicher Grund für die Abnahme der Hörspielproduktion in anderen Ländern sein. Müller-Wallraf: „Es gibt viele Länder, in denen die Hörspielproduktion mittlerweile ganz zurückgegangen ist, weil die Sender das nicht mehr betreiben, teilweise, weil sie es sich auch nicht mehr leisten können.“ Das sei zum Beispiel in Ungarn und zu großen Teilen in Dänemark der Fall; in den USA gebe es im Public Radio Derartiges schon lange nicht mehr.

„Im Gegensatz zum Fernsehen können Sie im Radio auf mehreren Ebenen erzählen, weil das Ohr es schafft, verschiedene semantische Ebenen gleichzeitig wahrzunehmen und sich eine eigene Synthese daraus zu schaffen“, beschreibt Müller-Wallraf eine große Stärke des Hörspiels. Diese Herausforderung sei der Kern der modernen Hörspielarbeit: „Nicht Geschichten linear in Szenen zu erzählen, sondern auf unterschiedlichen Ebenen Elemente von Wirklichkeit abzubilden, miteinander zu kombinieren, diese auch zu hinterfragen.“

Einem durchschnittlichen WDR-Hörspieltermin lauschen Müller-Wallraf zufolge in einer Stunde mindestens 80000, aber oft auch 200000 Menschen – so viele „wie in eines der großen Fußballstadien reinpassen.“

Was macht ein gutes Hörspiel aus? Eine Pauschalantwort sei aufgrund der vielen verschiedenen Formen schwer, antwortet Müller-Wallraf. „Generell würde ich jedoch sagen: Es muss intensiv sein, es muss etwas in mir auslösen.“ Wenn man sich gegen die Produktion eines Hörspiels entscheide, „dann nicht aus inhaltlichen Tabus heraus, sondern aufgrund von Qualitätskriterien.“ Erlaubt ist also alles, außer Langeweile.

Auch in Zeiten angeblich abnehmender Aufmerksamkeitsspannen bei den Zuhörern sieht Müller-Wallraf die Zukunft des Hörspiels nicht gefährdet: „Wenn das stimmen würde, ginge niemand mehr ins Kino. Denn da wird man immer zwei Stunden lang gefordert. Ich glaube: Wenn man Leute interessant anspricht, hören die auch interessiert zu.“


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