Interview mit der Schauspielerin Meret Becker: Es gibt ein Leben nach dem Tatort

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Berlin. Meret Becker (50) hat sich entschieden: Im Frühjahr 2022 gibt sie ihren Ausstand als Kommissarin Nina Rubin beim Berliner Tatort. Kurz vor der Ausstrahlung der neuen Folge "Das Leben nach dem Tod" am Sonntag in der ARD hat sie in Berlin mit unserer Redaktion über das Leben nach dem Tatort gesprochen.

Sie haben angekündigt, 2022 mit dem Tatort aufzuhören. Bis dahin fließt noch viel Wasser die Spree runter.

Genau, das ist noch lange hin – um genau zu sein: Vier Filme, die wir noch drehen werden. Ich wollte das Format Tatort schon richtig wahrnehmen, und er ist nun mal ein Langzeitformat. Am Ende werde ich sieben Jahre dabei gewesen sein, das hätte ich nie gedacht.

Es war also nie Thema, mal der Generation von Tatort-Kommissaren anzugehören, die daraus quasi eine Lebensaufgabe gemacht haben.

Nein. Tatort war generell nie meine Auffassung dieses Berufes. Aber als ich damals gefragt wurde, kam das zum richtigen Zeitpunkt, und natürlich ist es auch eine große Ehre und eine Form dieses Berufes, die ich bis dahin nie kennengelernt hatte.

Was ist daran anders?

Erst mal diese Regelmäßigkeit, das hatte ich noch nie. Und mit derselben Rolle, aber immer wechselnden Teams zu arbeiten, ist total kurios. Die Stoffe kontinuierlich mit Mark (Waschke) und der Redaktion durchzugehen, finde ich total spannend. Und so eine Rolle ist natürlich auch attraktiv, weil sie eine Absicherung bedeutet, die man sonst so nicht hat. Wir sind nicht in Hollywood, verdienen fünf Millionen Dollar mit einem Film und haben dann ausgesorgt. Es gibt ja Leute, die sich darüber beschweren, dass man immer dieselben Gesichter sieht – aber was soll man machen, wir müssen ja auch irgendwie Geld verdienen und unsere Miete zahlen. Wobei ich diesen Zusammenhang zwischen Geld verdienen und Kunst machen schon sehr merkwürdig finde.

Muss nicht jeder fürs Geld manchmal Sachen machen, die man nicht so gerne tut?

Künstler können ja immer auch mal was anderes machen. Man kann als Kellner, als Taxifahrer, im Puff oder auf dem Bau arbeiten. So wie Franz Kafka es gemacht hat, wäre ja auch eine Möglichkeit statt Kunst zu machen, die man weniger mag.

Zwei Tatorte pro Jahr sind eine gewisse Absicherung – bedeuten sie auch eine Einschränkung? 

Natürlich. Man ist ja nicht nur für die Drehzeit geblockt, sondern auch drumherum. Wir haben das schon ein bisschen reduziert, weil sowohl für Mark als auch für mich noch sehr viele Sachen außerhalb des Tatorts stattfinden.

War das auch ein Grund zu sagen, dass irgendwann auch mal Schluss sein muss?

Auf jeden Fall. Es war sogar der Grund. Es gibt noch soviel zu tun! Und beim Tatort habe ich begriffen, was es ist, und ich muss nicht immer das Gleiche machen. Sicher geht da noch was, aber ich merke auch, wo man darin begrenzt ist, was man machen darf. Dann heißt es: Stopp, Ihr verlasst jetzt den Rahmen, den wir kreiert haben. Das muss man dann auch respektieren. 

Verändert so eine Tatort-Rolle auch die Wahrnehmung durch andere? Es gibt zumindest in Deutschland kein Fernsehformat, das mehr Menschen sehen.

Dadurch verändert sich ganz viel. Die Leute freuen sich, einen zu sehen und neun oder zehn Millionen Menschen sind wirklich eine ganze Menge. Man bekommt im Restaurant sofort einen Platz und wird sogar von Telefonistinnen wiedererkannt. Wobei ich es an Berlin mag, dass die Leute einen nicht sofort umarmen und begatten wollen. Ich war ja schon mal mit Anfang, Mitte zwanzig durch Arthouse-Filme und Musik sehr bekannt, jetzt ist es durch den Tatort wiedergekommen. Das ist schon komisch - in anderen Ländern wird man nicht so fallengelassen wie hier. Ich bin jetzt schon gespannt, wie es wird, wenn ich aufhöre.

Unerkannt können Sie vermutlich nicht mehr durch Berlin gehen.

Nö. Aber ob ich unerkannt durch Berlin gehe oder in China ein Sack Reis umfällt, ist wirklich schnurz. Ich bemerke das auch gar nicht so. Als ich klein war, hat man mich angeguckt, weil ich Trödelklamotten trug und als Indianer rumlief, später bin ich als Punk-Mädchen aufgefallen, dann war ich ziemlich schnell bekannt und jetzt ist es eben wieder so. Ist doch irgendwie egal.

Gerade Ihre Figur bringt ja eine klar erkennbare Berliner Note in den Tatort.

Weil ich diese Kodderschnauze habe. Wobei man mir durchaus schon ein paar Mal gesagt, ich solle deutlicher reden. Man muss ja auch nicht unbedingt berlinern, um eine Berliner Note reinzubringen, aber ich fühle mich sehr wohl, wenn ich berlinern kann, ich mag es und mache es ganz oft und viel. Auf der anderen Seite kenne ich viele Berliner, die überhaupt nicht berlinern. Meine Tochter zum Beispiel ist in Kreuzberg 36 geboren und berlinert kein bisschen.

Sie haben gesagt, Sie seien ein Streuner, der weiterziehen wolle. Haben Sie da schon Ziele vor Augen?

Über ungelegte Eier soll man ja nicht reden, auch wenn ich früher immer alles rausgeblubbert habe, was mir so im Kopf rumflog.

Ein bisschen was können Sie aber doch verraten.

Ich habe zum Beispiel ein Drehbuch geschrieben, das ich unbedingt noch verfilmen möchte. Ich würde mein Zirkus-Konzert-Projekt „Le grande Ordinaire“ gerne noch mal in einer Form machen, dass ich damit wirklich zufrieden bin, und möchte auch gerne eine Platte davon machen. Auf jeden Fall würde ich gerne auch mal Regie führen, egal ob auf der Bühne oder beim Film. Und eigentlich hätte ich gern auch ein Haus in Berlin, an dem ich arbeiten kann. Ideen gibt’s bis ans Ende meiner Tage – da kann ich froh sein, wenn ich alles schaffe. Das Schlimme ist: Mein Hirn spuckt ständig etwas Neues aus. Gut, dass es immer mehr lebensverlängernde Maßnahmen gibt – die werde ich sicher brauchen. Ich fang ja gerade erst an mit meinem Leben.

Schwerpunkte sind aber nicht so Ihr Ding, oder?

Ich lerne sehr schnell, aber ich lerne nie fertig. Ich mache immer alles Mögliche, kann gut verschiedene Sachen zusammenbringen und mich weniger gut nur auf eine Sache konzentrieren. Deswegen empfinde ich mich überall als Gast. Vor allem geht es mir darum, Geschichten zu erzählen, aber jede Geschichte hat ihr eigenes Mittel. Deshalb möchte ich mich auch nicht als Schauspielerin oder Sängerin festlegen lassen.

Wie gefällt Ihnen Ihr aktueller Tatort?

Super. Er hat einen trockenen, sehr zarten Humor. Er ist flink, wendig, fein, der düstere Humor mündet sehr schön in Melancholie und Ernsthaftigkeit. Und ich finde die Bilder ganz toll, die übrigens Eva Katharina Bühler, also eine Frau gedreht hat. Ich mag das Schwarzlastige, meine Haar sehen ja aus, als hätte ich eine schwarze Perücke auf und selbst Mark hat plötzlich dunkelbraunes Haar.

Mit Florian Baxmeyer hatten Sie einen Regisseur, der lange Jahre auf den Bremer Tatort abonniert war.

Mit uns hat er aber auch schon einen gedreht. Beim ersten Mal haben wir ihn kennen und schätzen gelernt, ich mag ihn sehr. Sein Humor und seine Frechheit sind ganz weit vorne, er hat einen großen Drang, über die Stränge zu schlagen. Und trotzdem gibt es auch Stellen, die leise bleiben – das mag ich total gern.

Wenn Sie eines fernen Tages nicht mehr dabei sein werden – wen könnten Sie sich als Ihre Nachfolgerin vorstellen?

Das liegt nicht in meinem Ermessen, mich dazu zu äußern. Ich wüsste eine, aber da weiß ich auch schon, dass sie es nicht wird. Es ist nicht ganz so einfach, weil der Tatort eben sehr berlinerisch ist und es nicht so viele gibt, die quasi die Stadt vertreten können. Aber machbar ist es.


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