TV-Programm am Mittwoch Einheit? Eine NDR-Reporterin bereist die alte ostdeutsche Heimat

Olaf Möller erklärt, warum in seiner Feriensiedlung "Schwalbennest" die Ostdeutschen gerne unter sich bleiben. Foto: NDR/Martin KoboldOlaf Möller erklärt, warum in seiner Feriensiedlung "Schwalbennest" die Ostdeutschen gerne unter sich bleiben. Foto: NDR/Martin Kobold
Martin Kobold

Osnabrück. "Was ist mit meiner Heimat los", fragt sich Birgit Wärnke. Die NDR-Reporterin stammt aus Brandenburg und macht sich in der alten Heimat auf die Suche nach der Einheit. Mit deprimierenden Ergebnissen. "Wir im Norden: Einheitsland – Oder doch nicht?" um 21 Uhr im NDR.

Birgit Wärnke steht ein bisschen dazwischen: 19 Jahre lebte sie in Ostdeutschland, in einem Dorf in Brandenburg; seit 21 Jahren lebt sie im Westen, in Hamburg. „Nach dem Abitur wollte ich unbedingt in den Westen“, sagt sie. „Ich hatte das diffuse Gefühl, dort bessere Möglichkeiten zu haben.“ So ausgeprägt war der Wunsch, dass sie ihr Lieblingsfach, Psychologie, sausen ließ, als die ZVS ihr einen Studienplatz in Halle an der Saale zuwies und studierte statt dessen Journalistik und Politische Wissenschaften in Hamburg und Dublin und versuchte, ihr Ossi-Sein zu verstecken. „Ich empfand es irgendwie als Makel, aus dem Osten zu kommen“, sagt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ich wollte in allem westlich wirken: Kleidung, Sprache, Verhalten.“

Erst in den letzten Jahren, sagt Birgit Wärnke, habe sie begonnen, sich „wieder stärker für ihre ostdeutsche Heimat zu interessieren.“ Das hat auch mit der AfD zu tun. „Ich habe mich gefragt: Was ist mit meiner Heimat los? Warum sind die Menschen da zum Teil so unzufrieden und warum wählen um die 20 Prozent die AfD?“ Außerdem sei sie es leid gewesen, „dass Ostdeutschland oft nur durch die westdeutsche Brille erklärt wird. Ich wollte Filme machen, die die ostdeutsche Sicht stärken.“

Zurück ins Heimatdorf

Nach der Wahl 2017 und dem Einzug der AfD in den Bundestag konnte sie die Panorama-Redaktion des NDR von ihrem Konzept überzeugen. Im März 2018 lief ihr mit dem Robert-Geisendörfer-Preis ausgezeichnete Film „Zurück im Osten: Was ist in meiner Heimat los?“, für den Wärnke in ihr Heimatdorf Groß Kreutz in Brandenburg zurückkehrte. „Ich habe lange überlegt, ob ich meinen Vater, alte Freunde, meine frühere Lehrerin und mich so vor der Kamera exponieren soll“, sagt sie. Entscheidend war, dass viele mitmachen wollten. „Ich hatte als Reporterin das Vertrauen der Menschen. Und sie wussten, dass sie mir nicht viel erklären mussten, ich bin ja selbst dort aufgewachsen.“ Ehrliche Antworten hat sie bekommen, erfahren, warum viele unzufrieden sind damit, wie die Einheit gelaufen ist. „Für die Menschen im Osten hat sich komplett alles geändert, für die im Westen fast nichts“, sagt sie. „Das muss man sich bewusst machen.“

Jetzt, zum Einheitsjubiläum, legt sie mit einem zweiten Film nach: „Wir im Norden: Einheitsland – oder doch nicht?“ heißt er. Diesmal bereist Birgit Wärnke vor allem Mecklenburg-Vorpommern. Zum Beispiel die Feriensiedlung Schwalbennest auf Rügen. Achtzig Prozent der Gäste kommen aus dem Osten, viele kommen seit Jahrzehnten. Luxus gibt es hier nicht, „aber uns steht einfach“, sagt einer der Gäste und gibt zu, noch nie im Westen Urlaub gemacht zu haben. „Interessiert mich auch nicht, der Westen.“

Früher wurde gekümmert

Eine andere Station ist der Große Driesch in Schwerin, ein Neubaugebiet, das einst als Vorzeigesiedlung und heute als sozialer Brennpunkt gilt. Dort trifft sie die beiden Freundinnen Liane Linke und Monika Barnekow. Sie kommen aus Schwerin und haben 1978 ihre Ausbildung im VEB Kombinat Lederwaren gemacht. Sie arbeiteten im Schichtdienst, wurden als „Aktivisten zur sozialistischen Arbeit“ ausgezeichnet. Mit der Wende haben sie ihren Arbeitsplatz verloren, Sicherheit und Anerkennung. Dass früher vieles besser, war, davon sind sie überzeugt. „Heute muss man sich um alles selber kümmern“, sagen sie.

Werner Molik ist freigekaufter Ex-DDR-Häftling und Gewinner der Wende. Im Gespräch mit Reporterin Birgit Wärnke versucht er zu erklären, warum er trotz dieser Geschichte AfD-Mitglied ist. Foto: NDR/Martin Kobold

Birgit Wärnke ist nah dran an ihren Gesprächspartnern. „Manchmal ertappe ich mich dabei, eher den westdeutschen Blick einzunehmen“, sagt sie. „Aber ich kann die Sicht der Ostdeutschen sehr gut nachvollziehen.“ Viele Erfahrungen hat sie eben auch selbst gemacht. „Ich war bei den jungen Pionieren“, sagt sie. "Und ich habe die schwierigen Wende- und Nachwendejahre im Osten erlebt.“ Was nicht heißt, dass sie etwa Werner Molik unkritisch entgegentritt, als der AfD-Positionen vertritt. „Deutschfreundlich, nicht fremdenfeindlich“, wie er sagt. Gerade deshalb will er die „Kulturfremden“, nicht im Land haben. Da hört das Verständnis dann doch auf.

Kaum Ossis in Führungspositionen

Ossi –Wessi: Ist das dreißig Jahre nach der Einheit überhaupt noch ein Thema? „Ja, das treibt besonders die Leute im Osten um“, sagt Birgit Wärnke. Alle Rektoren von ostdeutschen Universitäten kommen aus dem Osten, kaum Ostdeutsche sind hohen Leitungspositionen in der Wirtschaft und in der Verwaltung. „Das macht die Seele kaputt“, sagt der ostdeutsche Joachim Winter, der nach Wende im Westen Karriere gemacht hat.

Ob sich das in der nächsten Generation ändert, wenn diejenigen in Führungspositionen eintreten, die erst nach der Wende geboren sind? Birgit Wärnke ist zwiegespalten. „Ich habe überraschend viele jüngere Leute getroffen, die die DDR verklären“, sagt sie. Andererseits seien Ost und West unter Studierenden sicher weniger ein Thema. „Ich finde, wir müssen uns mehr füreinander interessieren. 30 Jahre nach Mauerfall fehlt mitunter noch immer das gegenseitige Verständnis, auch für die unterschiedliche Geschichte in beiden Teilen Deutschlands“

Wir im Norden: Einheitsland – Oder doch nicht? Mittwoch, 30. Oktober 2019, um 21 Uhr im NDR


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