Anschlag auf Synagoge Pressestimmen zu Halle-Morden: "Der Hass auf Juden war nie weg"

Von dpa, afp, mao

Im gesamten Bundesgebiet werden jüdische Einrichtungen von der Polizei geschützt, so wie diese Synagoge in Nordrhein-Westfalen. Foto: dpa/Caroline SeidelIm gesamten Bundesgebiet werden jüdische Einrichtungen von der Polizei geschützt, so wie diese Synagoge in Nordrhein-Westfalen. Foto: dpa/Caroline Seidel

Halle. Zwei Menschen sind in Halle durch Schüsse bei einem Angriff auf eine Synagoge gestorben. Die Pressestimmen im Überblick.

"Leipziger Volkszeitung": "In Halle betreibt die Identitäre Bewegung mitten in der Stadt ein Haus – jene Identitäre Bewegung, die das Bundesamt für Verfassungsschutz im Sommer als eindeutig rechtsextrem eingestuft hat und die unter anderem Kontakte zu Teilen der AfD unterhält. In Sachsen-Anhalt – genauer: in Tröglitz – war es auch, wo im Frühjahr 2015 eine Flüchtlingsunterkunft brannte und der tapfere Bürgermeister Markus Nierth zurücktrat. Die Landesregierung hat die Gefahren von rechts später immer mal wieder unter dem Eindruck des Erstarkens der AfD relativiert – fatalerweise. Was für Halle gilt, gilt für das ganze Land. Die Militanz der rechtsextremistischen Szene wächst. Sie tritt immer unverhohlener auf und sickert teilweise sogar in die Sicherheitsbehörden ein."

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"Die Welt": "Etwa 100 Jüdinnen und Juden mussten in der Stadt an der Saale um ihr Leben bangen, weil sie miteinander beten wollten. Jüdische Einrichtungen werden seit langer Zeit in Deutschland schwer bewacht. Der Terrorangriff von Halle zeigt, wie bitter nötig das ist. Wir wissen noch nicht, welche genauen Motive die Täter zu diesem Amoklauf bewegt haben. Aber wir können eins und eins zusammenzählen. Das Ziel der Attacke war ein jüdisches Haus. Was sich in Halle abgespielt hat, war ein antisemitischer Terroranschlag. Das alles geschieht in Deutschland im Herbst 2019. Es reicht. Vor 30 Jahren haben 70.000 Leipziger ihre Angst überwunden und der Diktatur getrotzt. Die Angst wechselte die Seiten. Diesen Mut brauchen wir heute wieder. Das beste Deutschland, das wir je hatten, ist in großer Gefahr."

"Hessische Niedersächsische Allgemeine": "Der Rechtsterrorismus fühlt sich so stark wie nie seit 1933. So stark, dass er seine Deckung verlässt. Er kommt militärisch gekleidet und bis an die Zähne bewaffnet aus dem Untergrund - er mordet nicht nachts oder im Verborgenen, sondern am helllichten Tag vor aller Augen. Er will gesehen und erkannt werden, er will ein Fanal setzen, er will Angst verbreiten. Der oder die Täter - es gibt auch bei Einzeltätern immer ein radikales Umfeld - sind hasserfüllte Antisemiten. Bis zu 80 Menschen hatten sich an Jom Kippur in der Synagoge von Halle versammelt. Wenn die Türen nicht standgehalten hätten ... man will nicht weiterdenken. Der oder die Täter sind aber nicht nur Antisemiten, die dieses Land zutiefst beschämen, sie sind auch Ausländerfeinde, das Wort "Döner" genügte, um zu töten."

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"Weser-Kurier": "Entscheidend ist eine tätige Solidarität mit den jüdischen Gemeinden, die über rasche Betroffenheitsbekundungen hinaus geht. Offenem Antisemitismus muss ebenso offen und entschieden widersprochen werden, lange bevor es zum Äußersten kommt wie jetzt in Halle. Das ist die Art von Courage, die eine Gesellschaft einfordern muss, wenn sie eine zivile Gesellschaft bleiben will."

"Magdeburger Volksstimme": "Ein Mann zieht martialisch bewaffnet durch die Innenstadt. Er will Menschen töten, Menschen, die in seinen Augen anders sind. Die Kamera auf seinem Helm überträgt alles live ins Internet. Doch das hier ist kein Ballerspiel, es ist grausame Realität. Sein Ziel: die Synagoge, in der die Jüdische Gemeinde gerade ihr Versöhnungsfest feiert. Der Mann scheitert an der Tür. Dieser Zufall rettet vermutlich viele Menschenleben. Es hindert den Mann jedoch nicht daran, mit seinem ganzen kranken Hass weiterzuziehen. Die Opfer: Eine zufällige Passantin, ein Mann im Dönerladen bezahlen mit ihrem Leben. Eine Stadt im Ausnahmezustand. Die Schock-Nachricht lässt Deutschland den Atem anhalten und verbreitet sich in der ganzen Welt: So sieht es aus, wenn aus rechtsradikalem Gedankengut Taten werden. Deshalb müssen wir, als Gesellschaft, aber auch jeder Einzelne diesen Gedanken entgegentreten, wo sie uns begegnen. Im Großen wie im Kleinen."

"Schwäbische Zeitung": "Beleidigen, Schläge ins Gesicht, versuchter Totschlag – die Liste der Gewalt gegen Juden in Deutschland ist lang. Wenn die Türen der Synagoge in Halle den Gewehrschüssen des deutschen Täters nicht standgehalten hätten, wären jüdische Gläubige einem Massaker zum Opfer gefallen. Diese Vorstellung macht fassungslos. Jahrzehntelang hat sich die deutsche Gesellschaft mit ihrer historischen Schuld auseinandergesetzt. Aber der Hass auf Juden war nie weg. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung warnte jüngst, er könne Juden nicht empfehlen, "jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen". Nach dem Anschlag hieß es, die Politik müsse reagieren. Aber das reicht nicht. Jeder Einzelne muss gegen Antisemitismus eintreten: Nicht schweigen, wenn im Sportverein, im Freundeskreis oder in der Familie Lügen über Juden verbreitet werden. Die Erkenntnis, dass aus menschenverachtendem Denken menschenverachtende Taten resultieren, ist nicht neu. Sie wurde am Mittwoch nur erneut bewiesen."

"Rheinische Post": "Gerade angesichts der apokalyptischen Verbrechen, die der Nationalsozialismus im deutschen Namen an den europäischen Juden verübt hat, muss Halle einen Einschnitt in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus bedeuten. Einschlägige Taten zu registrieren, die Täter, so die Behörden sie denn fassen, zu bestrafen und Jahr für Jahr an Gedenktagen ein "Nie wieder" zu beteuern - das reicht nach Halle nicht mehr aus. (...) Überall müssen die Instrumente daraufhin überprüft werden, ob sie auch selbstradikalisierte Einzeltäter abschrecken. Das Vorgehen der Berliner Behörden in der vergangenen Woche nach dem Messerangriff auf die Objektschützer vor der jüdischen Synagoge steht jetzt in anderem Licht. Personalien feststellen und wieder frei lassen - das hinterlässt viele Fragen."

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