Kritik zum Filmstart „Joker“ im Kino: Geniestreich oder Kunstgewerbe?

Joaquin Phoenix als Joker. Foto: Niko Tavernise/Warner Bros.Joaquin Phoenix als Joker. Foto: Niko Tavernise/Warner Bros. 

Berlin. Joaquin Phoenix spielt einen „Joker“, der anders aussieht als alle anderen Comic-Schurken. Ist das nun gut oder schlecht?

„Liegt es an mir oder wird die Welt da draußen verrückter?“ Ganz am Anfang fragt Arthur Fleck das, als er noch nicht der Joker ist, die mythische Gangsterfigur, sondern als Honorar-Clown Werbeschilder in die Luft hält. Beides, ist Todd Phillips‘ Antwort. Sein „Joker“ ist die Charakterstudie eines Ausgestoßenen, dessen persönlicher Rachefeldzug zur Massenbewegung wird. 


Wie Arthur Fleck zum Joker wurde

Arthurs Geschichte handelt von massiver Demütigung und einer maßlosen Revanche: Erst wird er von Teenagern überfallen, dann muss er auch noch die Kosten der Reklametafel erstatten, mit der er gerade zusammengeschlagen wurde. Ein Kollege steckt ihm zur Selbstverteidigung eine Waffe zu. Als Arthur sie im falschen Moment verliert, ist er seinen Job als Clown der Kinderklinik los. Ausgerechnet jetzt wird dem psychisch kranken Mann die Kostenübernahme der Psychopharmaka gestrichen. Als er noch einmal bedrängt wird, diesmal von besoffenen Yuppies, ist er ohne Selbstkontrolle. Arthur erschießt alle drei – und wird in Gotham City, einer im Müll versinkenden Korruptionsmetropole zum Helden einer zornigen Volksbewegung. Am Ende geht der Joker dann noch einmal zu Boden; nun aber wird er von seiner Gefolgschaft getragen wie der Messias bei der Kreuzabnahme.

Extremschauspiel von Joaquin Phoenix

Joaquins „Joker“, in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist ein „Standalone-Film“: Er wird nicht fortgesetzt, gehört nicht zum geschlossenen Superhelden-Universum von DC und will auch etwas ganz anderes sein als das hochbudgetiert Popcorn-Kino der Comic-Blockbuster. Auch von Nolans Batman-Trilogie, mit der Heath Ledger als Joker postum den Oscar erhielt, grenzt er sich ab. Diesmal deutet nichts darauf hin, dass wir uns in einer Welt übernatürlicher Superwesen befinden. Das fantastische Comic-Setting weicht einem psychologisierenden Realismus, der dem großen Darstellerkino die Bühne bereitet: Joaquin Phoenix, radikal abgemagert, lacht unter Schmerzen, tanzt in exaltierten Verrenkungen – und steht mit seinem Extremschauspiel im Gegensatz zu einem Film, der im Übermaß der Zitate etwas eigenartig Unverbindliches hat.

Die filmischen Vorbilder von „Joker“

Phillips arbeitet so unübersehbar mit berühmten Vorbildern, dass der „Joker“ schon im Trailer wie eine Kreuzung zweier Scorsese-Filme wirkt: Aus „Taxi Driver“ (1976) ist der narzisstische Einzelgänger mit Attentatsambition übernommen; Arthurs Obsession für einen TV-Star stammt aus „The King of Comedy“ (1982). Und Robert De Niro, in beiden Klassikern als Stalker besetzt, schlüpft nun sogar persönlich in die Rolle von Arthur Flecks Idol. Auch die Rollengeschichte von Phoenix selbst wird im „Joker“ weiterverarbeitet: Die fürsorgliche Beziehung zur Mutter, in der Arthur für stille Momente alle Getriebenheit ablegt, hat der Hauptdarsteller in vor gerade mal zwei Jahren schon einmal gespielt: in Lynne Ramsays grandiosem „A Beautiful Day“. So schön die historischen Settings und Kostüme, so eindrucksvoll das Schauspiel im „Joker“ auch sein mag – seine Nachahmungslust kann auch manieristisch und kunstgewerblich wirken.

Die realen Bezüge der Rachegeschichte

Die vorgefertigten Bedeutungsblöcke, aus denen der „Joker“ zusammengesetzt ist, umfassen auch die reale Geschichte. Arthurs Dreifachmord erinnert an Bernhard Goetz, der 1984 in der New Yorker U-Bahn vier Diebe niedergeschossen hat und zur Symbolfigur wurde, in einer Debatte um Notwehr, Selbstjustiz – und Rassismus. Die schwarzen Jugendlichen des historischen Falls werden bei Phillips allerdings zu weißen Börsianern. Umkehrungen und Überlagerungen wie diese prägen den ganzen Film. Der Zorn gegenüber den Eliten und Institutionen, der vor drei Jahren Trump an die Macht brachte, wird im Film mit Parolen assoziiert, die nach Bernie Sanders klingen. Und in Gotham City verschmelzen die Probleme des 80er-Jahre-New-Yorks mit den Spaltungsprozessen im Zeichen des gegenwärtigen Populismus. Wächst der Film mit diesen Strategien über das Porträt individueller Situationen hinaus? Steckt, wie Gegner des Films meinen, nur der Versuch dahinter, politisch nirgendwo anzuecken? Als Absicherung gegen jedwede Vereinnahmung lässt sich schließlich auch die konsequente Perspektivierung deuten: Die gesamte Geschichte erleben wir durch die Augen der psychisch kranken Hauptfigur, mitunter stellen Sequenzen sich im Nachhinein sogar als Wunschtraum heraus.

Schließlich bleibt auch die Frage vom Anfang: Wie sehr geht es dem Film nun wirklich um den „Wahnsinn der Welt da draußen“? Und wie sehr um ein privates Schicksal? Nach etlichen Twists ist der Kern von Arthurs Problematik eben doch seine Krankheit und eine zerstörte Kindheit. In der Psychologie von Vaterverlust und Mutterkonflikt folgt der „Joker“, der doch ganz anders als alle Comic-Verfilmungen sein soll, wieder gewohnten Routinen. Mit dem Unterschied, dass der Nimbus des Superschurken hier durch eine intensive Einfühlung ersetzt wird. Wie viel Sympathie darin mitschwingt, ist am Ende kaum zu entscheiden.

„Joker“. USA 2019. R: Todd Phillips. D: Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Frances Conroy. 122 Minuten. FSK ab 16 Jahren. Filmstart 10. Oktober.

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