Jubiläumsfolgen und "Lange Nacht" Dinosaurier der Medienlandschaft: Die Reihe 37° feiert Jubiläum

25 Jahre 37°: Hunderte Menschen erzählten in in der Sendereihe aus ihrem Leben. Bild: ZDF/KNSK25 Jahre 37°: Hunderte Menschen erzählten in in der Sendereihe aus ihrem Leben. Bild: ZDF/KNSK

Osnabrück. Am Dienstagabend um Viertel nach zehn ist im ZDF Zeit für 37°. Heute feiert die Sendung mit dem komischen Namen Jubiläum

Das ZDF selbst nennt sie einen „Dinosaurier der Medienlandschaft“: die Reportagereihe 37°. Dinosaurier einerseits, weil es nur wenigen Formaten gelingt, sich 25 Jahre lang im Fernsehen zu halten – und das Woche für Woche. Dinosaurier aber auch, weil die Reihe über all die Jahre wenig Veränderung erfahren hat. Sicher, die Schnitte sind schneller geworden und die Dramaturgie moderner, aber alles Wesentliche ist gleich geblieben: Dienstag, 22.15 Uhr, 30 Minuten und Menschen, die aus ihrem Leben erzählen, vor allem davon, wie sie Schwierigkeiten meistern.

Es ist die Hoffnungsperspektive, die die Reihe auszeichnet: Alkoholismus oder demente Angehörige, ein krebskrankes Kind oder das Leben in der Prostitution, Altersarmut oder das Warten auf ein Spenderorgan – mit all das diesen Schicksalen kann man umgehen und trotz allem positiv ins Leben blicken. Wer in der Reihe 37° porträtiert wird, neigt in der Regel nicht zu Klage und Weinerlichkeit, sondern zu Mut und Tatkraft. Das ist es, was die Reportagen nach wie vor bei Zuschauern beliebt und beim ZDF unumstritten macht.

Drei Redaktionen - eine Sendung

Dabei ist die Reihe eigentlich ein Unikum, man könnte auch sagen: eine Zwangsheirat. Denn vor 25 Jahren war der Dienstagssendeplatz noch unter drei Redaktionen aufgeteilt. Die beiden Kirchenredaktionen – katholisch und evangelisch – steuerten die Sendungen „Kontext“ und „Kontakte“; das erste klassische Dokumentation zu kirchlichen oder theologischen Themen, Sachlich, kritisch, aktuell; und das zweite eine moderierte Lebenshilfesendung. Und die dritte Redaktion, „Geschichte und Gesellschaft“, bespielte ihren Anteil an Sendeplätzen mit noch anderen Themen und Formaten.

Dieses Durcheinander war der ZDF-Chefetage zu viel. Sie verdonnerte die drei Redaktionen, sich zusammenzusetzen und ein gemeinsames wiedererkennbares Format zu erfinden. Die Zuschauer, lautete das Argument, wollten Verlässlichkeit. Und so entstand 37°, Reportagen über Menschen „nahe an der Fiebergrenze“, wie die Macher den Titel damals erklärten. Also kein 36,8-Leben im Otto-Normal-Zustand, aber auch keine 39,8-Leben, wenn nur noch schwerste Medikamente wirken. Der anfangs bespöttelte Titel – er ist zur Marke geworden.

Religion kommt eher selten vor

Und das Ziel der Chefetage wurde erreicht: Heute merkt niemand mehr, welche Sendung aus welcher der drei Redaktion – die dritte, nichtkirchliche, heißt heute „Terra X“ – kommt. Alle Themen werden gemeinsam besprochen und abgesegnet. Das schafft Einheitlichkeit. Andererseits gingen die kirchlichen Themen weitgehend verloren. Selten nur wird ausdrücklich Religiöses ins Bild gebracht – wie vor einiger Zeit etwa die Sendung über einen jungen Christen, einen Muslim und einen Juden, die in ihrer Religion auf dem Weg zum Geistlichen waren, zum Priester, Imam und Rabbiner. Und auch bei den existentielle Themen wie Krankheit, Tod oder Scheitern finden sich nur selten Menschen, die auch von ihrem Glauben erzählen. „Ich würde mir manchmal wünschen, dass sich die Autoren mehr bemühen würden, solche Menschen zu finden“, sagt die langjährige Redaktionsleiterin „Kirche und Leben, katholisch“, Michaela Pilters. Aber das sei eben „keine Vorgabe“, und religiöse Menschen als Protagonisten zu finden, werde „ja auch nicht leichter“.

Facebook, Instagram und Youtube

Um auch in den nächsten Jahren für die nicht unbedingt leichten Themen Zuschauer zu finden, hat das ZDF längst die Weichen gestellt. Seit zwölf Jahren werden die Sendungen in die Mediathek gestellt; allein im vergangenen Jahr erzielte dieses Angebot über fünf Millionen Sichtungen. Vor allem Themen, die im Fernsehen eher als gewagt empfunden würden, liefen dort gut, heißt es beim ZDF, beispielsweise die Folge „Die Berührerin“ über eine Sexualbegleiterin für Menschen mit Behinderungen. Seit 2010 hat die Reihe zudem einen eigenen Facebook-Auftritt, seit April dieses Jahres ein Instagram-Profil. Und zum Jubiläum sei, so der Sender, ein YouTube-Kanal geplant.

Bauernhof statt Altersheim: Die Jubiläumsfolge zeigt Senioren, die gemeinsam auf dem Hof der Familie Müller leben.

Ansonsten feiert 37° sein Jubiläum eher klassisch: Mit der dreiteiligen Reihe „Was uns bewegt“, die heute mit der Folge „Bauernhof statt Altenheim. Alt werden zwischen Hahn und Esel“ beginnt. Und mit einer „Langen 37°-Nacht“, in der heute ab 0.20 Uhr acht besonders gelungene Folgen hintereinander ausgestrahlt werden. Die älteste aus dem Geburtsjahr der Reihe, 1994, über die 26-jährige Slowakin Anna, die als Prostituierte nach Deutschland verkauft wird; die Jüngste aus dem Juli 2015 über Rentner, die arbeiten müssen, weil die Rente vorne und hinten nicht reicht.


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